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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 363 | Gegen sexualisierte Gewalt glokal e.V.: Das Märchen von der Augenhöhe

glokal e.V.: Das Märchen von der Augenhöhe

In den letzten Jahren hat sich in der entwicklungspolitischen Szene ein Wandel der Begrifflichkeiten vollzogen. Statt von »Hilfe« wird heute von »Zusammenarbeit« und »Partnerschaft« gesprochen. Damit soll das paternalistische Hilfskonzept grundsätzlich abgelehnt werden und sollen Solidarität und gleichberechtigte Strukturen in den Vordergrund rücken. Trotzdem bleiben Machtverhältnisse zwischen den AkteurInnen im Globalen Norden und denen im Süden bestehen. Diese Widersprüche analysiert die Broschüre Das Märchen von der Augenhöhe von glokal, einem Verein für machtkritische Bildungsarbeit und Beratung.

Die Broschüre reiht sich ein in ihre thematisch verknüpften Publikationen »Mit kolonialen Grüßen« oder »Willkommen ohne Paternalismus«, die sich aus postkolonialer Perspektive und eng am Critical Whiteness-Ansatz orientiert für einen machtsensibleren Umgang im Nord-Süd-Kontext einsetzen.

Die Broschüre leitet mit einem historisch-theoretischen Teil in das Thema ein, in dem sie über postkoloniale Strukturen in Diskursen von »Entwicklung« und »Solidarität« sowie damit verbundene Praktiken aufklärt. Es folgen Interviews und Erfahrungsberichte aus der Praxis, die von Aktiven aus dem Norden, aus dem Süden und von People of Colour verfasst wurden und sich kritisch mit der eigenen Arbeit auseinandersetzen. Sie behandeln NGO-Strukturen, Schulpartnerschaften, Freiwilligendienste und Solidaritätsarbeit und zeigen, dass immer noch ein Ungleichgewicht in der Praxis besteht. Die Organisationen im Norden setzen oft die Maßstäbe der Zusammenarbeit: Sie stellen die finanziellen Mittel zur Verfügung, konzipieren Projekte, die im Süden umgesetzt werden sollen, treffen die grundlegenden Entscheidungen und fordern Transparenz von SüdpartnerInnen. Auch wenn manche dieser Schieflagen eher systemischen, makroökonomischen Zwängen unterliegen, besteht bei einigen Organisationen auch Handlungsspielraum.

Koloniale Spuren werden in vielen Organisationen nicht als solche benannt, sondern durch Begriffe wie »Gleichheit« und »Partnerschaft« verschleiert und damit in subtilere Herrschaftsstrukturen eingebettet. Daher schlägt glokal vor, Ungleichheiten in der Zusammenarbeit offen als solche zu identifizieren, um Handlungsmöglichkeiten zu finden.

Die Broschüre ist auf den Unterschied zwischen Weißen AkteurInnen und People of Colour fokussiert. Das blendet andere Faktoren wie Schichtzugehörigkeit aus, welche aber unbedingt in der Analyse von Machtstrukturen mitgedacht werden müssen. Trotzdem bietet sie wichtige Denkanstöße, eigene gesellschaftliche Positionen zu hinterfragen und damit eine herrschaftsfreiere Zusammenarbeit möglich zu machen.

Julie Trick

363 | Gegen sexualisierte Gewalt
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