Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 364 | 1968 international »Im Feuer des Kampfes«

»Im Feuer des Kampfes«

Verbunden mit dem Stichwort »Mai 68« wurden die Proteste und Streiks in Frankreich geradezu ikonographisch für die gesamte 68er-Bewegung. Das macht die Frage nach ihrer theoretischen Basis besonders spannend. Warum wurden gerade antikoloniale Denker wie Frantz Fanon zu ihren wichtigen Stichwortgebern?

.

Die französische 68er-Bewegung und ihre antikolonialen Bezüge

von Eva Beckershoff

Im internationalen Vergleich stellt die 68er-Bewegung in Frankreich einen Sonderfall dar. Sie wurde erst auf dem Höhepunkt der internationalen Entwicklung wahrnehmbar, überbot dann jedoch binnen weniger Wochen die Intensität der Proteste in anderen Ländern. Von einer kleinen studentischen Bewegung entwickelte sie sich schnell zu einer umfassenden Solidaritätsbewegung, die das ganze Land bis in die Gegenwart hinein veränderte. Verbunden mit dem Stichwort „Mai 68“ wurden die Proteste und Streiks in Frankreich geradezu ikonographisch für die gesamte 68er-Bewegung.

Doch wofür stand die 68er-Bewegung in Frankreich? Wer waren ihre AkteurInnen und welche Ziele verfolgten sie? Auslöser für die Unruhen in Paris war die studentische Besetzung des Beratungssaals der Philosophischen Fakultät der Universität Nanterre am 22. März 1968. Ihr ging ein Konflikt mit der dortigen Universitätsleitung voraus, von der die Studierenden den freien Zutritt beider Geschlechter zu den Wohnheimen sowie das Recht auf Meinungsfreiheit forderten. Im Vorfeld hatte eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg stattgefunden, bei der einige linke AktivistInnen in polizeilichen Gewahrsam genommen wurden. Bildungsminister Alain Peyrefitte alarmierte die Polizei, die bewaffnet mit Schlagstöcken gegen rund 600 Protestierende vorging.

Diese Ereignisse führten zur Gründung der anarchistisch-marxistischen „Bewegung 22. März“ um den Soziologiestudenten Daniel Cohn-Bendit und wurden zur Initialzündung für die anschließende Protestbewegung, die sich durch die Schließung der Universität bald in das Quartier Latin in Paris verlagerte.1 Schnell wurden die Protestierenden als „Enragés de Nanterre2 bezeichnet, was ihnen einen aufwieglerischen, illegitimen Charakter zuschrieb.

Am 2. Mai 1968 organisierten die StudentInnen einen „antiimperialistischen Tag“ und besetzten tags darauf die Universität Sorbonne.3 Sie riefen Parolen wie „Il est interdit d’interdire“ (Es ist verboten zu verbieten) und widersetzten sich den von ihnen als starr und altmodisch empfundenen Hierarchien und Autoritätsstrukturen. Die Polizei ging hart gegen die Besetzung vor, setzte Tränengas ein und verhaftete rund 200 Studierende. Die Demonstrationen weiteten sich auf die Straßen des Quartier Latin aus, wo es weitere 600 Festnahmen gab.

Das brutale Vorgehen der Polizei und die Härte der angewandten Strafmaßnahmen schockierten das ganze Land. Dies führte zu einer Solidarisierungswelle, die die studentischen Proteste zu einer Massenbewegung anwachsen ließ. Die Studierenden errichteten im Quartier Latin Barrikaden, die in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1968 durch die Polizei geräumt wurden. Die Bezeichnung „Nacht der Barrikaden“4 war eine Anlehnung an die „Woche der Barrikaden“ in Algier 1960. Bei der Räumung eskalierten die Ereignisse, indem die Bereitschaftspolizei gewaltsam gegen die Protestierenden vorging und die rund 600 Barrikaden räumte. Die Protestnacht endete mit 500 Festnahmen sowie mehreren hundert Verletzten und löste eine Welle des Mitgefühls in ganz Frankreich aus. Eltern solidarisierten sich mit ihren Kindern, und sämtliche Linksströmungen wie TrotzkistInnen, MaoistInnen und AnarchistInnen, aber auch Nichtorganisierte schlossen sich den Protesten an, die bis dahin auf das universitäre Feld beschränkt waren.

Premierminister Georges Pompidou reagierte, indem er den Forderungen der Studenten entgegen kam. Er ließ die Universität Sorbonne wieder öffnen und ordnete die Freilassung der im Schnellverfahren verhafteten StudentInnen an. Doch diese Maßnahmen wirkten nicht mehr beruhigend, was sich am Generalstreik der Gewerkschaften vom 13. Mai 1968 verdeutlichte. Im Anschluss an die „Nacht der Barrikaden“ hatten die Gewerkschaften mit Ausnahme der kommunistischen CGT5, die den Protest in geregelte Bahnen lenken wollte, für den 13. Mai zu einem eintägigen Generalstreik aufgerufen. Ihre Forderungen waren etwa mit Slogans wie „Zehn Jahre, das reicht!“ unmittelbar auf das französische Regierungssystem bezogen, richteten sich jedoch auch gegen das repressive polizeiliche Vorgehen gegenüber den Studierenden.

Am 14. Mai 1968 kam es zu einer exemplarischen Aktion der ArbeiterInnen einer Flugzeugfabrik in der Nähe von Nanterre, die nach dem 24-stündigen Generalstreik ihre Arbeit nicht wiederaufnahmen. Sie besetzten die Werkshallen, setzten den Betriebsleiter fest und forderten eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen sowie ein Mitspracherecht bei den Entscheidungen des Unternehmens. Dieses Vorgehen löste eine Kettenreaktion aus und gipfelte am 16. Mai 1968 in einem umfassenden landesweiten Streik, an dem sich zwischen 7,5 und 9 Millionen ArbeiterInnen beteiligten, ohne dass die Gewerkschaften eigens dazu aufgerufen hatten. Ihre Unzufriedenheit resultierte aus den betrieblichen Autoritätsstrukturen, was sie mit der antihierarchischen und antiautoritären Stoßrichtung mit der Studentenbewegung verband. Sie forderten Verbesserung bezüglich der Löhne und Arbeitszeiten sowie eine Strukturreform der Betriebe in Richtung „Autogestion“, also einem Mitspracherecht in betrieblichen Entscheidungsstrukturen. Ferner verlangten sie eine allgemeine Transformation der Betriebs-, Unternehmens- und Wirtschaftsstrukturen.

Der Mobilisierungsprozess der Arbeiterbewegung folgte der Aktionsstrategie der erfolgreichen Studentenbewegung. Am 25. Mai 1968 kam es zu Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und der französischen Regierung im Arbeitsministerium in der Rue de Grenelle. Diese führten am 27. Mai 1968 zu den „Accords de Grenelle“, in denen die Gewerkschaften in Unternehmen grundsätzlich anerkannt wurden und ihnen die freie gewerkschaftliche Betätigung garantiert wurde. Die Gewerkschaftsmitglieder erhielten ein Versammlungsrecht sowie das Recht zum Aushang für gewerkschaftliche Mitteilungen und zur Verbreitung einer Gewerkschaftszeitung. Zudem wurde der Mindestlohn von 2,23 auf 3 Francs angehoben, die Arbeitszeit wurde verkürzt, es wurde eine verbesserte Ausbildungsförderung beschlossen und die Rentensätze wurden angehoben.

Damit erreichten die ArbeiterInnen eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und die Stärkung der Gewerkschaften. Zu der von ihnen geforderten „Autogestion“ kam es jedoch nicht, und die Transformation der Unternehmensverfassung sowie der gesamten Wirtschaftsordnung standen fortan nicht mehr zur Debatte.6 Dennoch entschärften die Vereinbarungen von Grenelle die Krise und die ArbeiterInnen nahmen ihre Arbeit wieder auf.

Diese Verbindung zwischen Gewerkschaften und Studierenden ist eine strukturelle Besonderheit Frankreichs. Die Krise, die ursprünglich nur den akademischen Teil der Gesellschaft erfasste, griff auf die gesamte Gesellschaft über und wurde somit von einem Aufstand der Studierenden zu einer Systemkrise des ganzen Landes. Welche Ursachen hatte die Unzufriedenheit der französischen Bevölkerung? Ökonomisch gesehen ging es Frankreich im internationalen Vergleich gut. Die Kaufkraft nahm zu und es herrschte trotz steigender Arbeitslosenzahlen noch immer beinahe Vollbeschäftigung.

Was trieb die Protestbewegung also an? Mögliche Ursachen lassen sich im Generationsproblem finden. Die französische Gesellschaft war nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Verjüngung begriffen und die Geburtenzahlen überstiegen jährlich die Sterberaten um 300.000. 1968 war ein Drittel der französischen Bevölkerung unter 21 Jahre alt. 7 Diese Entwicklung führte zur Ausbreitung jugendlicher Lebens- und Verhaltensweisen, die die traditionelle Rollenverteilung zwischen Alt und Jung in Frage stellte. Hinzu kam eine Verlängerung der Schulpflicht bis zum 16. Lebensjahr, was mit einem Anstieg der Studentenzahlen einher ging. Ab 1965 wurden Pläne zur Reform der Hochschulbildung bekannt, die die Studierenden in ihrem Alltag direkt betrafen. Die Studierenden bekamen dabei den Eindruck, dass der Staat die Universität nach den Bedürfnissen der Wirtschaft verändern wolle und die Bildung unter die Interessen des Kapitals gestellt würde.

In dieser Auffassung wurden sie von Intellektuellen wie Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron bestärkt, die kritisierten, dass die Universitäten zunehmend nur Kindern aus der Oberschicht den Zugang ermöglichten und sie damit zum Instrument der sozialen Reproduktion von Ungleichheit würden. Diese Entwicklung diene der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Hierarchie. Der marxistische Philosoph Louis Althusser ging sogar soweit, das Universitätssystem als „ideologischen Apparat des Staates“ zu bezeichnen.8 Diese Aussagen waren Wasser auf den Mühlen der Studierenden, die diese Missstände in ihren Protesten zum Ausdruck brachten.

Nachdem das Regierungssystem in der letzten Maiwoche ins Wanken geriet, stabilisierte es sich jedoch wieder durch für die Regierung erfolgreiche Neuwahlen. Die Protestbewegung ebbte ab. Die Ereignisse stellen als „Mai Syndrom“ eine Zäsur in der französischen Geschichte dar, obwohl die Krise, sieht man von der Anerkennung innerbetrieblicher Gewerkschaftssektionen und dem Universitätsrahmengesetz ab, zunächst keine konkreten Ergebnisse erbrachte. Das eigentliche Ziel der Bewegung war die umfassende Transformation der gesamten Gesellschaftsordnung und eine Erneuerung von Gesellschaft und Kultur. Missstände wie der Kapitalismus und Herrschaftsstrukturen, wie sie in allen gesellschaftlichen Bereichen bestanden, wurden angeprangert. Diese Auffassung entsprang einem ideologischen Gärungsprozess9, der sich schon seit den 1950er Jahren entwickelte.

Was war die ideologische Basis der Protestbewegung von 1968? Wo lässt sich ihr Anfang datieren? Den Ausgangspunkt bildete die Drillingskrise 1956, aus der sich eine radikale Neue Linke in Frankreich formierte. 1956 ist dabei ein Epochenjahr, in dem drei internationale, aufeinander bezogene Krisen die Politik der traditionellen Linken in Frankreich veränderten. Die erste Krise wurde ausgelöst von Nikita Sergejewitsch Chruschtschows Geheimrede zur Entstalinisierung auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 in Moskau. Stalins Nachfolger machte in seiner Rede „Über den Personenkult und seine Folgen“ einige von Stalins Verbrechen aus den 1930er Jahren bekannt und verurteilte diese sowie die stalinistische Bürokratie, den Personenkult und den Polizeiterror. Er sprach von einer Pluralität der Wege zum Sozialismus und kündigte eine Abkehr vom stalinistischen System an. Die Rede führte im Oktober 1956 in Ungarn zu einem antisowjetischen Aufstand, der verbunden war mit der Forderung nach mehr Demokratie. Diese als „Ungarischer Volksaufstand“ bekannten Ereignisse vom 23. Oktober 1956 endeten nach der Ablösung der Einparteiendiktatur unter Premierminister Imre Nagy mit der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes am 5. November 1956 durch die Sowjetarmee. Sie verhinderte die Neutralitätserklärung Ungarns und installierte eine erneut prosowjetische Regierung.

Die zweite Krise war die Suezkrise. Der ägyptische Präsident Gamal Abd-el Nassar ließ den Suezkanal, der bis dahin von westlichen Investoren betrieben wurde, verstaatlichen, was sich zu einer internationalen Krise ausweitete. Israel intervenierte aus Sorge um ein Kräfteungleichgewicht in der Region mit einem militärischen Einmarsch im Gazastreifen und der Sinai-Halbinsel und wurde dabei von Großbritannien und Frankreich mit Luftangriffen unterstützt. Die USA und die UdSSR übten ihrerseits erfolgreich Druck auf beide europäische Länder aus, die sich schnell aus den Kriegshandlungen zurückzogen.

Die dritte Krise war die Verschärfung des Algerienkrieges durch die Sondervollmachten des französischen Präsidenten Charles de Gaulle vom 12. März 1956, die ihm weitgehende Handlungsfreiheit in Algerien einräumten und die zu einer erheblichen Verschärfung des Konflikts führten. Die Sondervollmachten wurden durch den sozialistischen Minister Guy Mollet von der linken Partei SFIO (Section française de l’International ouvrière) in das Parlament eingebracht und hatten zum Ziel, die antikoloniale Front de Liberation (FLN) in Algerien militärisch niederzuringen.

Diese drei Krisen beschädigten das Ansehen der „alten“ linken Parteien in Frankreich, die daraufhin immer weniger Legitimation in der Bevölkerung genossen. Die Parti communiste français (PCF) verlor durch die Bekanntmachung der Geheimrede von Nikita Chruschtschow an Ansehen. Durch den stalinistischen Terror vom Kommunismus enttäuscht, wandten sich viele AkteurInnen von der kommunistischen Partei ab und suchten ein anderes Agitationsfeld für einen revolutionären Marxismus. Die SFIO büßte ihrerseits Glaubwürdigkeit ein durch ihren Einsatz in der Suezkrise. Ihr Generalsekretär Guy Mollet hatte dem Krieg gegen Ägypten zugestimmt und vertrat gegenüber den französischen Kolonien eine „imperialistische Kanonenbootpolitik“10, die viele Mitglieder der Partei nicht billigten. Nach der Niederlage in Dien Bien Phu 1945 während des Französischen Indochinakrieges, der Aufgabe der Kolonie Indochina 1954 und der Protektorate Tunesien und Marokko im März 1956 vertrat die SFIO die regierungstreue Linie von Charles de Gaulle, laut der Algerien als „Kronjuwel“ der französischen Union angesehen wurde, das es zu halten galt.11

Diese Haltung der sozialistischen Partei passte für viele AnhängerInnen nicht mit ihren Grundwerten zusammen, sodass sie sich enttäuscht abwandten. Durch die unzureichende Positionierung gegenüber der gaullistischen Kolonialpolitik erhielten ultralinke Alternativen und neue linksradikale Strömungen Zulauf, die in ihrer Gesamtheit als Neue Linke bezeichnet werden. Diese Neuformierung entsprang einer heterogenen Bewegung aus verschiedenen linksorientierten Strömungen. Diese verfolgten eine marxistisch inspirierte Politik mit einer globalen Perspektive, die sich als entschieden antikolonial und antiimperialistisch definierte.

Diese Neue Linke stand zugleich für eine Neuinterpretation der marxistischen Theorie, deren bisher ambivalente Haltung zur kolonialen Welt negiert wurde. Im Kommunistischen Manifest von 1848 betrachtete Karl Marx die weltweite Ausdehnung kapitalistischer Wirtschaft als eng mit der kolonialen Herrschaft verbunden. Diese Ausdehnung wurde als progressiv im unilinearen Fortschritt der menschlichen Geschichte betrachtet. Marx kritisierte zwar die Gewalt der Kolonialherren, aber die globale Verbreitung der industriellen Produktion sei ungeachtet des Kolonialismus ein Mittel zur begrüßenswerten Ausbreitung der bürgerlichen Gesellschaft, die es dann in einem nächsten Schritt wieder zu überwinden gälte.

Diese Denkweise wurde von der Neuen Linken abgelehnt, hatten sich doch die Zeiten im Zuge der beginnenden Dekolonisierung geändert. Die Kolonien schienen am Beginn einer Kulturrevolution zu stehen, die sich zu einer Weltrevolution ausweiten sollte. Die neue sozialistische Gesellschaftsordnung, in der der Sozialismus die Entfremdung des Menschen aufhob, sollte als Grundlage dienen.12 Mit dieser Maxime prägten die Kolonien die 68er-Bewegung, die nach einer neuen antihierarchischen und antiautoritären Gesellschaftsordnung ohne Zwänge strebte. Diese neue linke Bewegung stand auch für eine neue Transformationsstrategie, bei der Veränderungen im Kulturbereich einer politischen und sozialen Transformation vorausgehen konnten – so wie es in den Kolonien bereits geschehen war. Durch die Schaffung von neuen kulturellen Idealen sollten sich neue Lebensformen und Kommunikationswege entwickeln. Diese Haltung fand sich später in den 68er-Protesten wieder, bei denen gegen verkrustete Denkmuster und für neue Lebensentwürfe demonstriert wurde.

Die Neue Linke machte sich selbst anstelle des Proletariats zum Träger des sozialen Wandels. Durch ihre Transkulturalität und ihre politische Nähe zu antikolonialen Vordenkern wie Frantz Fanon, Aimé Césaire oder Amilcar Cabral wollte sie die wichtigen Impulse für die Transformation auch der französischen Gesellschaft aussenden. Damit formulierte sie eine gesamtgesellschaftliche Utopie, die die späteren Maximen der 68er Bewegung bereits in sich trug.

Der transnationale Austausch ließ die Neue Linke in Frankreich davon ausgehen, dass die Revolution nicht mehr als „Sozialismus in einem Land“, wie von Josef Stalin einst für die Sowjetunion propagiert, sondern als „Weltrevolution“ stattfinden musste.13 Damit wurden zwei Kernbereiche des linken Selbstverständnisses berührt – der Bezug auf die Arbeiterklasse und der Internationalismus. Offen blieb die Frage, wie die Revolution erreicht werden könnte. Eine gemeinsame Grundlage wurde in dem Dritte-Welt-Konzept von Frantz Fanon und anderen gefunden, das der Bewegung als Vorbild diente. Die Agitationen in der Dritten Welt dienten als Beweis, dass die Revolution kein Fernziel sein muss, sondern unter den Kolonisierten bereits stattfand. Sie vollzog sich nicht, wie im ambivalenten kolonialen Denken von Karl Marx formuliert, zuerst in den Industrieländern, sondern vielmehr in den unterdrückten Kolonien in Afrika und Asien, auch als eine Art Kulturrevolution von der die Weltrevolution fortan ihren Ausgang nehmen sollte. Um diesen Zustand zu erreichen, standen die linken Akteure in Frankreich in engem Austausch mit SprecherInnen der Dritten Welt. Zu deren Repräsentation in Frankreich und in ganz Westeuropa trugen sie maßgeblich bei. Dies geschah vor allem durch Beiträge von Intellektuellen in Zeitschriften, durch Flugblätter und durch Publikationen in wichtigen französischen Verlagen.

Als intellektuelle Vertreter dieses Ansatzes sind vor allem Jean-Paul Sartre, Raymond Aron sowie Albert Camus zu nennen; sie alle prägten die Neue Linke entscheidend. Sartre kritisierte das Kolonialsystem bereits früh, wie beispielsweise in seinem Artikel „Le colonialisme est un système“, der im März 1956 in seiner eigens gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes erschien. Er verknüpfte das Kolonialsystem mit dem Kapitalismus der westlichen Welt und legitimierte die antikolonialistische Gewalt als Weg der Befreiung und als metaphysische, kathartische Größe der Kolonisierten.14 Seine Zeitung wurde zur Plattform der laizistischen Dritte-Welt-Bewegung, und die darin abgedruckten Texte von antikolonialen Vordenkern wie Frantz Fanon, zu dessen Buch „Die Verdammten der Erde“ Sartre das Vorwort schrieb15, wurden zunächst für die Neue Linke prägend, später auch für die 68er Bewegung und die Arbeiterbewegung in Frankreich.

Im Vorwort zu seinem Buch schreibt Sartre über Fanon: „Ein ehemaliger Eingeborener französischer Zunge biegt diese Sprache zu neuen Forderungen um, benutzt sie und wendet sich nur an die Kolonisierten: „Eingeborene aller unterentwickelten Länder, vereinigt euch!“16 Im Anschluss betonte er die Bedeutung von Fanon: „[..] in dieser Stimme entdeckt die Dritte Welt sich und spricht zu sich. Man weiß, dass sie nicht homogen ist und dass man in ihr noch versklavte Völker trifft [...]. Im Feuer des Kampfes müssen alle inneren Barrieren zerschmelzen, die ohnmächtige Bourgeoisie [...] das stets privilegierte Stadtproletariat, das Lumpenproletariat der Slums, alle müssen sich nach den Positionen der ländlichen Massen ausrichten [...]. In diesen Gegenden [...] tritt die Bauernschaft, wenn sie sich erhebt, sehr bald als die einzige radikale Klasse auf: sie kennt die nackte Unterdrückung, sie leidet sehr viel mehr darunter als die Arbeiter der Städte [...]. Wenn sie siegt, wird die nationale Revolution eine sozialistische sein.“17

Damit machte Sartre das Buch von Fanon zum Surrogat für die Arbeiterbewegung, indem er die Situation der Kolonisierten mit der Situation der westlichen ArbeiterInnen verband. Einen solchen Bezug stellte auch Aimé Césaire, der antikoloniale Begründer der Négritude-Bewegung, her: „Which comes down to saying that the salvation of Europe is not a matter of a revolution in methods. It is matter of the Revolution, the one which […] will substitute for the narrow tyranny of a dehumanized bourgeoisie the preponderance of the only class that still has a universal mission, because it suffers in its flesh from all the wrongs of history, from all the universal wrongs: the proletariat.”18

Sartre war einer der wenigen, die schon vor Anfang der 1960er Jahre den Dritte-Welt-Bezug in dieser direkten Weise herstellten. Bis zur Unabhängigkeit Algeriens stand der Algerienkrieg im Fokus der intellektuellen Auseinandersetzung. Die Verlagshäuser Éditions de Minuit, Maspero und Le Seuil unterstützten kritische SchriftstellerInnen, die sich in ihren Publikationen gegen den Algerienkrieg aussprachen. Sie publizierten Buchausschnitte von Henri Allegs „La Question“, das von der französischen Regierung zensiert und verboten wurde, sowie Buchausschnitte von Francis Jeansons „L’Algérie lors la loi“ und von Maurice Maschinos „Le Refus“.19 Zeitschriften wie Esprit, L’Humanité und Le Nouvel Observateur unterstützten diese kritische Haltung und veröffentlichten umstrittene Artikel.20

Der Bezug auf die Dritte Welt verstärkte sich jedoch erst nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962. Als revolutionäres Subjekt wurden nun die entkolonisierten Nationen der Dritten Welt angesehen, die eine Revolution bereits vollzogen hätten und als Vorbild für die westliche Welt dienten. Anziehungspunkte waren im Folgenden der Vietnamkrieg, die maoistische Kulturrevolution in China sowie der Kampf Che Guevaras in Kuba. Die Intellektuellen standen in den 1960er Jahren außerdem zunehmend im Zeichen des sich formierenden Strukturalismus, der die Subjekte nicht mehr, wie von Sartre propagiert, ins Zentrum stellte, sondern sie als Epiphänomene begriff und die dahinterliegenden Strukturen in den Mittelpunkt rückte. Wichtige Vertreter dieses Ansatzes waren Claude Lévi Strauss und Jacques Lacan, die der Bewegung eine neue Stoßrichtung gaben21 und der 68er-Bewegung eine weitere ideologische Basis für den Kampf gegen verkrustete Strukturen gaben.

Bleibt die Frage, was nach 1968 aus der Neuen Linken wurde? Einen Endpunkt zu bestimmen, fällt angesichts des länger anhaltenden Zerfallsprozess dieser Bewegung schwer. Verschiedene Entwicklungen in den 1970er Jahren führten dazu, dass die ausgeprägt revolutionäre Idee der Dritten Welt, die für die Neue Linke konstitutiv war, zu Ende ging.22 Die Neue Linke war eine wichtige Quelle der 68er Proteste. Doch diese Verbindung hatte für die Neue Linke widersprüchliche Folgen. Nach 1968 vergrößerte sich zwar die Reichweite linksradikaler Strömungen und Ideen, etwa indem sie AkteurInnen in neue soziale Bewegungen wie die Dritte-Welt-Bewegung einbrachte. Doch diese Verbreiterung verringerte zugleich auch die Dynamik der Neuen Linken. Weiter kam es zwischen 1971 und 1974 zum staatlichen Verbot von trotzkistischen und maoistischen Gruppen, was zu ihrer Selbstauflösung führte.

Ein weiterer Faktor war, dass die „alte“ Linke aus wahltaktischen Gründen eine Annäherung vollzog.23 Die Neue Linke schaffte es nicht, sich auf Dauer gegen die „alten“ linken Parteien und Organisationen durchzusetzen. Weil die Neuen Linken keine funktionsfähigen, demokratisch legitimierten Strukturen besaßen, sondern auf spontane, selbstorganisierte Aktionen setzten, konnten sie sich nicht stabilisieren und keine feste Organisation begründen.24 Damit boten sie innerhalb der etablierten Ordnung des Parteiensystems keine Koalitionsmöglichkeiten gegenüber potentiellen Bündnispartnern.

Doch auch die 68er-Bewegung trug indirekt zum Zerfall der Neuen Linken bei. Die Proteste und Aufstände in Europa zeigten vielen AnhängerInnen, dass eine Revolution auch dort wieder möglich war, sodass sie den Bezug zum Dritte-Welt-Konzept verloren und sich wieder der Marx’schen Mission des Proletariats zuwandten. Mitte der 1970er Jahre begannen die Intellektuellen, Selbstkritik an ihrem Entwurf zu üben, indem sie einräumten, zu sehr zwischen dem „bösen“ Westen und der „guten“ Dritten Welt unterschieden zu haben.25

Diese Selbstkritik wurde zum einen durch den Biafra-Krieg 1967-1970 ausgelöst, bei dem die sezessionistische Region Biafra in Nigeria sowohl von der kommunistischen Dritte-Welt-Macht China wie von der westlichen Kolonialmacht Portugal unterstützt wurde. Diesen nigerianischen Bürgerkrieg konnten viele Intellektuelle nicht für gut erklären, was zu einem Überdenken ihrer Haltung führte. Zum anderen wurde diese Selbstreflexion verstärkt durch den Krieg zwischen Vietnam und Kambodscha 1979, bei dem die kommunistischen Roten Khmer einen Genozid in Kambodscha begingen. Die damit verbundene Entwertung des Dritte-Welt-Bezugs enthob die 68er-Bewegung nicht nur in Frankreich einer ihrer wichtigsten Grundlagen.

 

Eva Beckershoff hat Geschichtswissenschaft und Romanistik in Düsseldorf und Tübingen studiert und arbeitet derzeit im Projektmanagement in der Industrie- und Handelskammer.

 

1 Vgl. Frei, 1968, S.10f.

2 Vgl. Gilcher-Holtey, Mai 68, S. 18.

3 Vgl. Rémond, Réné, Frankreich, S. 141.

4 Vgl. Ebd., S. 143.

5 Vgl. Gilcher-Holtey, Mai 68, S. 24.

6 Vgl. Gilcher-Holtey, Mai 68, S. 24f.

7 Vgl. Ebd., S. 134.

8 Vgl. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle, S. 217.

9 Vgl. Rémond, Frankreich, S. 136.

10 Vgl. Rémond, Frankreich, S. 110.

11 Vgl. Ebd., S. 111.

12 Vgl. Gilcher-Holtey, Mai 68, S. 16f.

13 Vgl. Kalter, Entdeckung, S. 113.

14 Vgl. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle, S. 210.

15 Das Vorwort von Sartre ist bis heute sehr umstritten. Viele Passagen verherrlichen die revolutionäre, antikoloniale Gewalt, die er als Weg zur Befreiung legitimierte.

16 Zit. nach: Sartre, Vorwort, S. 9.

17 Zit. nach: Ebd., S. 9f.

18 Zit. nach: Césaire, Discourse on colonialism, S. 78.

19 Vgl. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle, S. 209f.

20 Vgl. Winock, Das Jahrhundert, S. 697.

21 Vgl. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle, S. 215.

22 Zum einen kam es mit dem Ende des portugiesischen Kolonialreiches und dem Ende des Vietnamkrieges zum weitgehenden Abschluss der Dekolonisation. Zum anderen führten kritische Diskussionen über realsozialistische Staaten zu einer Entwertung des Dritte-Welt-Bezuges der radikalen Linken, die vermehrt Selbstkritik an ihrer Haltung zu marxistischen Politikentwürfen übte. Vgl. Kalter, Entdeckung, S. 119f.

23 Vgl. Bouneau, Les socialistes français, S. 83.

24 Vgl. Gilcher-Holtey, Mai 68, S. 31.

25 Vgl. Kalter, Entdeckung, S. 122.

 

Literatur:

Christine Bouneau (2012): Les socialistes français et la crise de 1968. In: Gotto, Nernhard (Hrsg.), Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren, München, S. 71-87

Aimé Césaire (1972): Discourse on colonialisme, New York

Norbert Frei (2008): 1968: Jugendrevolte und globaler Protest, München

Ingrid Gilcher-Holtey (2008): Mai 68 in Frankreich. In: Dies. (Hrsg.), 1968 – vom Ereignis zum Mythos, Frankfurt am Main, S. 11 – 34

Joseph Jurt (2012): Frankreich engagierte Intellektuelle: von Zola bis Bourdieu. Göttingen

Christoph Kalter (2011): Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Frankfurt am Main

René Rémond (1995): Frankreich im 20. Jahrhundert. Stuttgart

Sartre, Jean-Paul (1966): Vorwort. In: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main

Michel Winock (2007): Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz

364 | 1968 international
Cover Vergrößern