Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 364 | 1968 international Jeffrey Herf: Undeclared Wars with Israel

Jeffrey Herf: Undeclared Wars with Israel

East Germany and the West German Far Left, 1967-1989. Cambridge University Press, New York 2016. 493 Seiten, ca.27 Euro.

In der deutschen Debatte um die Geschichte der DDR spielt ein Aspekt kaum eine Rolle: der unerklärte Krieg, den der SED-Staat gegen Israel führte. Nun hat der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf eine Studie vorgelegt, die detailliert nachzeichnet, wie Ostberlin den jüdischen Staat nicht nur propagandistisch denunzierte und sich im Rahmen der UN für dessen Delegitimierung und Dämonisierung einsetzte. Herf weist anhand von bisher kaum beachteten DDR-Dokumenten nach, wie sehr Ostberlin radikale Feinde Israels in der arabischen Welt auch militärisch unterstützte.

Als Teil von damals teils streng geheimen Abkommen erhielten Syrien, der Irak, Libyen und Ägypten von der DDR Waffen sowie Unterstützung bei der Ausbildung von Streitkräften und Geheimdiensten. Daneben wurden arabischen TerroristInnen sichere Rückzugsräume, logistische Unterstützung und medizinische Versorgung in DDR-Krankenhäusern gewährt. Nicht zuletzt stattete Ostberlin die Fatah, die PFLP und die DPLFP, die für zahlreiche Terroranschläge in Israel und anderswo verantwortlich waren, direkt mit Waffen aus. So etwa im Rahmen der »Aktion Freundschaft«, bei der von 1980 bis 1982 8.300 Kalaschnikows sowie 10.896 Hand- und Gewehrgranaten geliefert wurden – vermutlich als »Solidaritätsgüter«, also gratis.

Die DDR bemäntelte ihre Politik als »antifaschistisch«, doch Herf macht deutlich, was die Kooperation mit den arabischen Feinden Israels bedeutete: Nach der Shoah war erneut ein deutscher Staat an einem Krieg gegen Jüdinnen und Juden beteiligt, der sich gezielt auch gegen jüdische ZivilistInnen inner- und außerhalb Israels richtete. Zwar war die DDR-Führung nicht direkt an der Planung und Ausführung von terroristischen Mordaktionen beteiligt, doch sie war darüber bestens informiert, nahm diese in Kauf und deckte sie sogar aktiv.

Diese Politik war zwar Teil von Moskaus antiisraelischer Generallinie, und nicht zuletzt umfassten die DDR-Waffenlieferungen an die arabischen Staaten »nur« drei Prozent der Lieferungen aus dem gesamten Ostblock. Doch der SED-Staat entwickelte eine bemerkenswerte Eigeninitiative, etwa bei der engen Zusammenarbeit mit dem syrischen Baath-Regime von Hafez al-Assad. Just während des für Israel existenzbedrohenden Jom-Kippur-Kriegs sendete Ostberlin nicht nur Kampfjets und Munition nach Syrien. Die Volksarmee verlegte auch Teile der eigenen Luftwaffe dorthin, allerdings ohne sie direkt in Kampfhandlungen einzubinden. Davon zeugen nicht nur die Akten im Archiv der SED in Berlin, sondern auch Propagandaplakate.

Insgesamt sei zwischen 1967 und 1989 mindestens folgendes Kriegsgerät an die arabischen Staaten und an palästinensische Organisationen geliefert worden: 750.000 Kalaschnikows, 120 MiG-Kampfjets, 180.000 Minen, 235.000 Granaten, 25.000 Panzerfäuste und 25 Millionen Magazine. Wären die arabischen und palästinensischen Verbündeten der DDR erfolgreich gewesen, wäre »Israel durch Waffengewalt zerstört worden«, betont Herf. Die Rhetorik der SED-Führung, wonach »ausverhandelte Lösungen« zur Beilegung des »Nahostkonfliktes« notwendig seien, diente Herf zufolge der Ablenkung von der eigenen militärischen und geheimdienstlichen Kooperation mit Staaten und Organisationen, die jede Annäherung mit Israel ablehnten.

Herf zeigt, dass der unerklärte Krieg mit Israel Teil des Versuches der DDR war, die eigene Isolation zu überwinden: Als strategische Machtpolitik im Kalten Krieg, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Rivalität mit Westdeutschland. Gleichzeitig spielte auch die Überzeugung eine zentrale Rolle, wonach es sich beim jüdischen Staat um eine Reinkarnation des Faschismus und die Speerspitze des US-amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten handelte.

Teil dieser Machtpolitik im Kalten Krieg war auch, was Herf eine »eurozentrische Definition der Terrorismusbekämpfung« nennt. Um die Glaubwürdigkeit von Ostberlins verbaler Opposition gegenüber Terrorismus sowie die Entspannungspolitik in Europa nicht zu gefährden, sollten keine Anschläge in Westdeutschland verübt werden, deren Spuren sich bis in die DDR verfolgen ließen. Gleichzeitig aber wurde der »unerklärte Krieg« gegen Israel dezidiert fortgeführt.

Ausführlich zu Wort kommen in Herfs Buch israelische UN-Gesandte und Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Westdeutschland. Diese warnten vor der Kooperation mit den arabischen Staaten und der Dämonisierung Israels durch die zahlreichen UN-Resolutionen. Heinz Galinski, langjähriger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, war dabei eine der deutlichsten Stimmen, die auch vor der antizionistischen Propaganda der außerparlamentarischen Linken warnte. 1975 entkam er unverletzt einem Paketbombenanschlag in Berlin. Zu diesem Klima des Terrors, in dem Jüdinnen und Juden als solche angegriffen wurden, trugen auch deutsche radikale Linke durch Pamphlete bei – wenn sie nicht gar selbst Anschläge verübte. Ein Beispiel ist die Flugzeugentführung von Entebbe 1976, als westdeutsche »Revolutionäre Zellen« zusammen mit PFLP-Terroristen eine Air-France-Maschine mit 248 Passagieren kidnappten, im vom Hitler-Bewunderer Idi Amin regierten Uganda landeten und antisemitische Selektionen der Passagiere durchführten.

Ein anderes Beispiel ist der Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969, dem Jahrestag der Pogrome von 1939. Wenige Tage später wurde das Attentat von den mutmaßlichen Tätern der Gruppe Tupamaros Westberlin als antifaschistische Aktion glorifiziert. Deren Erklärung namens »Shalom und Napalm« sprach von einem deutschen »Judenknacks«. Und RAF-Mitglied Ulrike Meinhof rechtfertigte das Münchener Olympia-Attentat auf israelische Sportler als Teil eines revolutionären antiimperialistischen Kampfes. Derartige Schriften thematisiert Herf ausführlich in seiner Studie, die schnellstmöglich ins Deutsche übersetzt werden sollte.

Die RAF mag für heutige Linke kaum noch eine Rolle spielen. Doch dass die ostdeutschen KommunistInnen und die radikale Linke Westdeutschlands ein »giftiges ideologisches Gebräu« hinterlassen haben, betont Herf im Fazit seiner knapp 500-seitigen Studie vollkommen zu Recht. Vieles von dem, was der US-Historiker in Bezug auf antiisraelische UN-Resolutionen und antizionistische Propaganda der Vergangenheit schreibt, mutet bekannt an. Wir kennen es aus der Gegenwart.

Till Schmidt

364 | 1968 international
Cover Vergrößern