Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 364 | 1968 international Lutz Taufer: Über Grenzen

Lutz Taufer: Über Grenzen

Vom Untergrund in die Favela. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2017. 286 Seiten, 19,80 Euro.

»Mit Faschismus und Atombombe im Rücken, mit antikolonialen wie antidiktatorischen Befreiungskämpfen vor uns formierte sich eine Grenzsituation, die ein imperatives Signal sendete.« Mit diesen Worten bringt Lutz Taufer auf den Punkt, was ihn dazu bewegte, mit der RAF einen bewaffneten Kampf gegen das kapitalistische Weltsystem zu führen. In seinem autobiographischen Buch Über Grenzen stehen viele solcher aufschlussreichen Sätze. Sie ermöglichen uns Nachgeborenen, die Lebenswege radikaler 68er und ihre späteren Brüche nachvollziehen zu können.

Der 1944 geborene Lutz Taufer beginnt seine Geschichte während seiner Kindheit in Karlsruhe. Seine Eltern waren keine Widerstandskämpfer gewesen, aber auch keine Nazis. Wie alle Gleichaltrigen war Taufer dennoch mit den Gräueln des Nationalsozialismus konfrontiert. Und die alten Nazis waren nicht verschwunden, sondern saßen in der BRD oft wieder an den Schaltstellen der Macht. Die antikommunistische Grundstimmung machte es möglich. Zur bleiernen Schwere der Jugend von Taufer trugen auch autoritäre Erziehungsmethoden einschließlich Prügelstrafen bei.

Dies war die Ausgangssituation, in der sich Taufer Ende der 1950er zu politisieren begann. Wenn er sich mit seinem Vater stritt, dann nicht nur »um Faschismus und Antifaschismus, es ging auch um den Austritt aus der autoritär-öden und bedrückenden deutschen Volksgemeinschaft«. Zu dieser Motivation hinzu kam im Laufe der Revolte von 1968 ein Neuer Internationalismus. Die Solidarität etwa mit der iranischen Opposition gegen den Schah war für den Studenten Taufer kein »abstrakt-analytischer Imperativ«, denn die »iranischen Kommilitonen saßen neben uns auf den Hörsaalbänken«.

Wichtige Stationen von Taufers Radikalisierung waren seine erste Teilnahme an einer Straßenschlacht (in Freiburg, gegen Fahrpreiserhöhungen), der Protest gegen das Attentat auf Rudi Dutschke sowie die Aktionen gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Insbesondere das Engagement im Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) war für Taufer prägend. Aus dem SPK, das vor allem gegen die menschenverachtenden Zustände in psychiatrischen Anstalten rebellierte, gingen einige RAF-Mitglieder hervor.

Eine entscheidende Gabelung beim Weg in den bewaffneten Kampf war der Putsch 1973 in Chile gegen die sozialistische Allende-Regierung: Mit ihm »wurde uns allen unmissverständlich klar, dass es einen friedlichen Weg in eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft nirgendwo auf der Welt geben würde.« Den letzten Anstoß, sich der RAF anzuschließen, gaben die Isolationshaftbedingungen, mit denen der Staat die festgenommenen Militanten misshandelte.

Über seine Beteiligung an der Geiselnahme 1975 in der deutschen Botschaft in Stockholm berichtet Taufer wenig Neues; einen Enthüllungskrimi will er nicht bieten. Viel spannender ist, wie er heute zu seinem Handeln steht: »Es dauerte lange, bis ich in meinem Fühlen und Denken zulassen konnte, dass die Tötung zweier Geiseln auf grausame Weise, für die ich mitverantwortlich bin, ein Verbrechen ist, das durch nichts zu rechtfertigen ist.« Und er stellt sich eine Frage, die zugleich eine Mahnung an jüngere Generationen ist: »Dürfen Militante, die für eine menschlichere Gesellschaft kämpfen, alles in Frage stellen, auch ethische Grundsätze, ohne die eine menschlichere Gesellschaft, frei von Ausbeutung und Unterdrückung, gar nicht denkbar ist?«

Als Taufer nach langer Haft 1995 freigelassen wird, fällt es ihm schwer, mit der neuen Freiheit umzugehen. »Seit zwanzig Jahren hatte ich keine Tür mehr geöffnet« – in diesem knappen Satz scheint auf, dass Taufer durch die Isolationsbedingungen eines inhumanen Knastsystems seelisch zerstört hätte sein können. Doch weder Verbitterung, Renegatentum noch nostalgische Militanzfolklore sind fortan seine Sache. Nach einer Orientierungsphase, die ihn nach Uruguay zu den Tupamaros führt, zieht es ihn nach Brasilien. Dort beginnt er bei der NGO Campo mitzuarbeiten, die Bildungsarbeit in Favelas betreibt. Einmal mehr ist Taufers Sinn für soziale Gerechtigkeit entfacht. Im Rahmen eines vom BMZ finanzierten Projektes des Weltfriedensdienstes engagiert er sich in Rio, damit FavelabewohnerInnen mittels einer beruflichen Perspektive der Armut entkommen können. Erst 2012 kehrt er nach Deutschland zurück, um als entwicklungspolitischer Bildungsreferent SchülerInnen über ausbeuterische Bedingungen in Ländern des Südens aufzuklären.

Taufer findet klare, schnörkellose Worte, was die Eindringlichkeit seiner Geschichte nur verstärkt. Er beschreibt Situationen, Leute und Gedankengänge meist so, wie sie damals waren, weniger aus heutiger Sicht. Das macht sein Handeln und das seiner Generation verstehbar. Die RAF war ein politischer und moralischer Irrweg, das sieht Taufer heute selbst so, aber warum der bewaffnete Kampf nicht einfach nur eine Verrücktheit von durchgeknallten Desperados war, sondern eine innere Logik hatte, wird hier deutlich. Die 68er-Ära war, wie Taufer resümiert, »nicht nur theoriegläubig, sie war vor allem von der Möglichkeit und Notwendigkeit konkreten und direkten Handelns überzeugt«. Dieser Handlungsimperativ war grenzenlos, auch wenn er nicht alle 68er in den Terrorismus führte.

Taufers Biographie lässt Leerstellen. Zur Kritik des Antiamerikanismus und Antizionismus liest man bei ihm kein Wort, obwohl beides grundlegend war für ideologische Verhärtungen, die bis heute nicht aufgelöst sind. Nur zum Teil lässt sich dies damit erklären, dass Taufer stärker als andere RAF-Mitglieder sozialrevolutionär dachte. Dennoch, wer die Beweggründe der radikalen 68er kennen lernen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Das gilt auch für jene, die aus heutiger Sicht an den 68ern scharfe Kritik üben. So einige von Taufers Einsichten können auch für sie gelten: »In unserer Ungebundenheit wussten wir, wovon wir wegwollten, aber nicht so richtig, wo wir hinwollten. Zu oft erlagen wir der einfachen Logik der Negation.«

Christian Stock

364 | 1968 international
Cover Vergrößern