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Bini Adamczak: Beziehungsweise Revolution/Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917-1991

Bini Adamczak: Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Suhrkamp, Berlin 2017. 320 Seiten, 18 Euro

Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. C.H. Beck, München 2017. 1348 Seiten, 49,95 Euro


Deutungskämpfe zum Jahrestag der Revolution

2017 jährte sich die Russische Revolution, die zum Sturz der Monarchie und zur Gründung des ersten sozialistischen Staates der Welt führte, zum hundertsten Mal. Diese Revolution, deren Ausstrahlung und Schrecken in keinem Land der Welt unbeachtet blieben, ist auch heute noch Gegenstand von Diskussionen, Publikationen und Ausstellungen.

Mit Bini Adamczaks Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende sowie Manfred Hildermeiers Geschichte der Sowjetunion 1917-1991 sind zwei Bücher erschienen, welche die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« bzw. den »Oktoberumsturz« aus unterschiedlicher Perspektive kritisch reflektieren und in den Kontext weiterer revolutionärer Ereignisse des 20. Jahrhunderts, sowie in die weitere Geschichte der Sowjetunion einordnen.

Adamczak untersucht den revolutionären Prozess aus »queerkommunistischer Perspektive«. Die Feministin nutzt konsequent das generische Femininum und zeigt, wie Lenin und die RevolutionärInnen der Bolschewiki die Vielstimmigkeit der Revolution mittels Gewalt »auf Linie« brachten. Sie erläutert die Auswirkungen, die die Revolution auf geschlechtliche und sexuelle Identitäten hatte und veranschaulicht den gesellschaftlichen Fortschritt durch legale Abtreibungen, ein säkulares Ehe- und vereinfachtes Scheidungsrecht, die Gleichstellung außerehelicher Kinder und die Abschaffung homophober Gesetze. All diese erkämpften Freiheiten wurden jedoch von der »inneren Konterrevolution« unter Stalin größtenteils zunichte gemacht.

Adamczak liefert eine erfrischend zu lesende Analyse der epochalen Ereignisse um das Jahr 1917. Das liegt auch daran, dass sie die Versäumnisse und Verbrechen der Bolschewiki konsequent thematisiert, aber weiterhin von einem positiven Revolutionsverständnis ausgeht und in der bürgerlichen Demokratie – in der alles erlaubt ist, »so lange die Geschäftsgrundlage des Privateigentums nicht angetastet wird« – nicht »das Ende der Geschichte« ausmacht. Der Revolution der Bolschewiki setzt sie ein Revolutionsverständnis entgegen, bei dem soziale Transformation statt Machterringung im Zentrum steht. Adamczak setzt auf das »Knüpfen« von solidarischen Beziehungen als Motor. Am Ende stehe nicht die »Dekonstruktion der herrschenden Gesellschaft«, sondern die »Konstruktion einer herrschaftsfreien«.

Hildermeiers Mammutwerk von 1348 Seiten gibt sich weniger anarchistisch und unternimmt den Versuch einer »integrierenden Binnenansicht von Staat (Politik), Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur« der Sowjetunion. Dabei überzeugt es als Nachschlagewerk, gibt aber kaum Auskunft über die Ausstrahlung der Revolution auf die gesamte Welt. In seiner überarbeiteten Auflage geht der Göttinger Historiker über das Ende der Sowjetunion hinaus und setzt sich in einem neuen Kapitel mit der »Präsidialdiktatur« Vladimir Putins auseinander.

Die Gründe für das Scheitern der sozialistischen Utopie in Russland führt Hildermeier unter anderem auf die Unfähigkeit der Sowjetunion zurück, »die riesigen demographischen und natürlichen Ressourcen effizient zu nutzen«, ergo im Wettlauf der kapitalistischen Nationalstaaten mithalten zu können. Ferner sei dem Regime, dessen Alltag von »der Allgegenwart des Mangels« geprägt war, durch die stärkere Durchlässigkeit des Eisernen Vorhangs die Glaubwürdigkeit abhanden gekommen, die »Weltgeschichte zu vollenden«.

Das Schlusskapitel des Buchs veranschaulicht aber, dass Demokratie und Marktwirtschaft in Russland nicht zum Ende des Mangels geführt haben. Vor allem auf dem Land sind die Lebensbedingungen weiterhin prekär. Vielleicht ein Grund dafür, warum Putin das Revolutionsjubiläum nicht groß beging. Ein Herrscher, der sich selbst in der Tradition des Zaren sieht, sollte 1917 aber nicht vergessen. Laut Hildermeier war damals vom »Zarenmythos« unter der bäuerlichen Bevölkerung plötzlich nichts mehr übrig.

Patrick Helber

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