Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 365 | Pressefreiheit #MeToo auf arabisch

#MeToo auf arabisch

#MeToo in der arabischen Welt? Kaum jemand weiß, wie wichtig auch im Nahen und Mittleren dieser virtuelle Diskurs in den sozialen Medien ist. Doch woher rührt diese Unkenntnis? Die Debatte wird dort nicht unter dem englischsprachigen Original-Hashtag geführt, sondern unter drei Pendants. Somit werden die dort geposteten Beiträge in der statistischen Auswertung nicht repräsentiert. Jan Düsterhöft analysiert in der aktuellen Ausgabe, wie auch im arabischsprachigen Raum über sexualisierte Gewalt diskutiert wird.

von Jan Düsterhöft

 

Der Hashtag #MeToo verbreitete sich Ende 2017 rasant in sozialen Netzwerken. Allein bis November wurde er 2,3 Millionen Mal in 85 verschiedenen Ländern verwendet. Die von den ProtagonistInnen vehement geforderte öffentliche Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt setzte in vielen Ländern ein. Einige JournalistInnen, etwa von CNN, konstatierten demgegenüber, im Nahen und Mittleren Osten gebe es alarmierend wenig Resonanz auf #MeToo und die dadurch ausgelöste Debatte. Bento (ein Ableger von Spiegel Online für junge Erwachsene) fragte gar: »Warum gab es in der arabischen Welt keine ‚MeToo’-Debatte?«

Auf den ersten Blick verweist dies auf ein Paradoxon, denn sexualisierte Gewalt ist laut zahlreicher Berichte auch im Nahen und Mittleren Osten weit verbreitet. Eine Studie von UN Women aus dem Jahr 2013 besagt beispielsweise, dass markerschütternde 99,3 Prozent der befragten Frauen aus sieben verschiedenen Regionen Ägyptens Opfer sexueller Gewalt wurden.

Auf den zweiten Blick stimmt die Aussage, im Nahen und Mittleren Osten werde nicht über sexualisierte Gewalt debattiert, jedoch nicht. Diese Behauptung basiert auf quantitativen Analysen von Daten sozialer Netzwerke. Dabei wurde ausgewertet, wie oft #MeToo in Twitter-Posts Verwendung fand. Diese Methode ist irreführend: NutzerInnen im Nahen und Mittleren Osten debattierten und teilten ihre Erfahrungen nicht nur unter dem englischsprachigen Original-Hashtag, sondern unter mindestens vier verschiedenen arabischsprachigen Hashtags. Die arabischen Äquivalente zu #MeToo lauten »Ich auch« sowie »Und Ich auch« jeweils auf Hocharabisch und Dialektarabisch. Sie flossen allesamt nicht in die ausgewertete Statistik ein. Ebenfalls unbeachtet blieben frankophone NutzerInnen aus Ländern Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens, die ihre Erfahrungen unter den Hashtags #balanceTonPorc oder #MoiAussi teilten.

 

Ein westliches Phänomen?

Zweifelsohne sind Sexualität und das Sprechen darüber in vielen Gesellschaften weltweit tabuisiert. Wie eng die Grenzen des Sexualdiskurses in einigen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens gesteckt sind, verdeutlicht das Beispiel Doaa Salah: Die ägyptische Fernsehmoderatorin wurde nach einer Sendung im Juli 2017, in der sie außereheliche Schwangerschaften und Sexualität thematisierte, angezeigt und von einem Gericht zu drei Jahren Gefängnis und einer Kaution von 10.000 ägyptischen Pfund verurteilt. Die Justiz sah durch ihr Verhalten »das Gerüst des ägyptischen Lebens bedroht«.

»In patriarchalischen Gesellschaften, wie der ägyptischen, wird anstelle der Täter den Opfern die Schuld für die Tat gegeben. Vorwiegend bei ländlichen Gemeinschaften ist dieses Phänomen zu beobachten«, erklärt Hoda Zakaria, Professorin für Soziologie an der Zagazig-Universität in Kairo. Die Sanktionierung kann dabei von sozialer Isolation über Verehelichung mit den Tätern bis hin zum (Ehren-)Mord reichen. »Das hängt alles mit einem Wertesystem zusammen, welches auf Scham und Ehre basiert. Sie töten das Opfer, um die erfahrene Schande auszulöschen und ein imaginäres Ehrgefühl zu rehabilitieren«, so Zakaria.

Ein hoher Anteil der sexualisierten Gewalt wird im häuslichen Umfeld verübt. Für Frauen, die ihren Peinigern täglich begegnen oder gar gemeinsamen Wohnraum mit ihnen teilen müssen, ist es vermutlich unvorstellbar, ihre Gewalterfahrungen zu publizieren. Angst und Scham auf individueller und ein tabuisierter Sexualdiskurs auf gesellschaftlicher Ebene sind ernstzunehmende Faktoren, die gegen das Publikmachen der eigenen Gewalthistorie unter #MeToo sprechen.

Die bekannten Tageszeitungen und Fernsehsendungen einiger Länder des Nahen und Mittleren Ostens griffen #MeToo
in ihrer Berichterstattung zwar auf, verbuchten ihn aber als ausländisches, »westliches« Phänomen. Im Vordergrund stand die Singularität des Falls Weinstein, eine Abstrahierung sexualisierter Gewalt als Problematik auch in den eigenen Gesellschaften fand nicht statt. Mitunter bedienten sich einzelne konservative JournalistInnen jedoch der #MeToo-Debatte, um Front gegen einen »verwestlichten, freizügigen« Kleidungsstil zu machen. Dabei hatten die Regierungen Ägyptens und Tunesiens im Jahr 2014 Gesetzesverschärfungen erlassen, die genau diese Argumentation aushebeln sollten. Zuvor gab es Fälle, in denen angeklagte Sexualtäter freigesprochen worden waren, weil ihr Opfer ihren Aussagen zufolge »unangemessen« gekleidet war. Juristisch wird dieser Umstand nun nicht mehr berücksichtigt.

 

Ins Gesicht der Täter

Ähnlich wie in den allermeisten anderen Ländern weltweit gab es auch in der arabischen Welt lange vor #MeToo Initiativen und Organisationen, die das Problemfeld sexualisierte Gewalt adressiert haben. Ein Beispiel für einen erfolgreichen Aufklärungs-TV-Spot ist »The Adventures of Salwa«. Salwa ist eine junge Libanesin, die in einem Großraumbüro arbeitet. Fast täglich begegnet sie Situationen, in denen sie und andere Frauen verbalen oder physischen Belästigungen ausgesetzt sind.

Wie alle Superheldinnen trägt auch Salwa eine Waffe: Eine Handtasche. Nicht selten landet sie, von einem comichaften »Peng« oder »Zoom« begleitet, im Gesicht der Täter. Die etwa 30-sekündigen Clips, die im staatlichen Fernsehsender liefen, waren Teil einer landesweiten Aufklärungskampagne, die Formen der alltäglichen sexualisierten Gewalt darstellt und Frauen und Mädchen konkrete Handlungsweisen aufzeigen wollte. Produziert wurden die Clips von IndyAct, einer Gruppe libanesischer AktivistInnen, die im Jahr 2010 ins Leben gerufen wurde.

Salwas ägyptisches Pendant heißt Qahera (zugleich der arabische Name für Kairo, der »die Starke«, »die Mächtige« bedeutet). Es handelt sich um eine muslimische, Hidschab tragende Superheldin, die interveniert, wenn Frauen belästigt werden. Die Webcomics mit Qahera, die durchschnittlich 10.000 Mal täglich angeklickt werden, entwickelte Deena Mohamed 2013 unter den Eindrücken der Revolution auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Dort war es wiederholt zu schweren Übergriffen auf Frauen gekommen.

In einer Episode des Webcomics wird eine Passantin erst mit anzüglichen Kommentaren über ihren Körper, dann mit einer Hand an ihrem Po belästigt. Auf der Polizeiwache will sie Anzeige erstatten, doch mit Verweis auf ihren Kleidungsstil wird sie von einem Beamten selbst für den Zwischenfall verantwortlich gemacht. Beim Verlassen der Wache gerät sie unmittelbar in eine zweite Belästigungssituation. Diesmal sind es vier Männer, die angespornt durch die lautstarken Proteste ihres Opfers ein Messer ziehen. Wie aus dem Nichts kommend, zertrümmert Qahera die Kniescheiben der Angreifer mit einem Stock. Das letzte Panel des Comics zeigt die vier Männer an den Zaun der Polizeiwache gefesselt. Unter ihnen prangert ein Graffiti sie an: »These men are perverts«.

 

Feminismus im Plural

Als weitere ägyptische Initiative ist HARASSmap zu nennen. Gegründet wurde die Non-Profit-Organisation mit der Intention, die Rechtsprechung des Landes im Bereich der sexualisierten Gewalt zu verschärfen. Frauen, die Opfer oder Zeuginnen von sexualisierter Gewalt wurden, können über Onlineformulare, SMS oder via Email, Twitter und Facebook Details zur Tat einreichen. Mit Hilfe dieser Informationen wird eine Karte so genannter Hotspots von sexuellen Übergriffen in Ägypten erstellt. Freiwillige HelferInnen begeben sich nach gemeldeten Übergriffen zum Tatort und machen auf das Geschehene aufmerksam. Sie arbeiten eng mit LadenbesitzerInnen, PolizistInnen, PförtnerInnen und Taxiunternehmen zusammen, um sicherere Orte für Frauen zu schaffen. Die Organisation hat zahlreiche internationale Preise gewonnen und Fördergelder erhalten.

Eine ebenso innovative wie praktische Initiative gegen sexualisierte Gewalt geht von der Ägypterin Shadw Helal aus. Mithilfe eines befreundeten Informatikstudenten erstellte sie die App »Rescue«. Mittels ihr können bedrohte Frauen einen Notruf an FreundInnen, Verwandte und andere registrierte HelferInnen absetzen. Dazu reicht ein Klick auf dem Smartphone oder ein Sprachbefehl. Dank GPS wird dabei der Aufenthaltsort der Frau übermittelt, so dass ihr schnell geholfen werden kann. Im Rahmen der #MeToo-Debatte erfuhr Helal viel Zuspruch für ihre Erfindung.

Den nur vermeintlich ausgebliebenen Solidaritätsbekundungen der Region gegenüber #MeToo steht die Frage nach den gemeinsamen Lebensrealitäten gegenüber: Ist der Kampf einer Alyssa Milano gegen Harvey Weinstein derselbe wie der einer Doaa Salah oder einer Landbewohnerin Oberägyptens gegen ihre Peiniger? Selbst wenn es so wäre: Den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens müssen eigene Zugangsformen zum Themenkomplex sexualisierte Gewalt zugestanden werden. So bedeutend länderübergreifende Solidarisierung gegen sexualisierte Gewalt sein mag, ein einzelner Hashtag wie #MeToo kann nicht alle Feminismen – unter Berücksichtigung ihrer soziokulturellen Eigenheiten und ihrer Umstände – zusammenfassen.

Abgesehen davon erscheint die Verwendung von Hashtags wie #MeToo beispielsweise im wahhabitischen Saudi Arabien – wo nicht wenige BloggerInnen zu Gefängnisstrafen und öffentlichen Auspeitschungen verurteilt wurden – ungleich couragierter.

 

 

Jan Düsterhöft studierte Nah- und Mitteloststudien. Er arbeitet zu progressiven Bewegungen in arabischsprachigen Ländern und zu medialen Repräsentationen von Menschen muslimischen Glaubens.

365 | Pressefreiheit
Cover Vergrößern