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»Repression war immer vorhanden«

Der in der Türkei geborene Schriftsteller Doğan Akhanlı - bekannt durch sein Buch "Verhaftung in Granada" - spricht in der iz3w-Ausgabe zu Pressefreiheit über seine Erfahrung mit staatlicher Repression, seine Motivation zu schreiben und die aktuelle politische Lage in der Türkei.

iz3w: Du bist bereits im Alter von 18 Jahren in der Türkei für fünf Monate in Untersuchungshaft gesteckt worden, weil du eine linke Zeitschrift gekauft hattest. Wie prägend war diese Verletzung deiner Meinungsfreiheit für deine persönliche Entwicklung?

Doğan Akhanlı: Im Mai 1975 habe ich an einem Kiosk eine Wochenzeitung mit dem roten Stern gekauft, deren Organisation inzwischen zu einer nationalistischen, antisemitischen, den Genozid an den ArmenierInnen vehement leugnenden, provokativen Bewegung geworden ist. Das hat mein Leben völlig geändert. Ein Polizist in Zivil hat mich direkt am Kiosk verhaftet. Elf Tage lang wurde ich vernommen. Ich habe noch immer nicht vergessen, wie groß meine Angst war.

Schon damals fand ich keine Erklärung für die Gewalt, die man mir antat. Die Folterer waren davon überzeugt, dass ich mit dem Erwerb jener Zeitschrift den Umsturz der türkischen Republik beschlossen hatte. Sie haben zwei weitere junge Menschen aus meinem Viertel unter Folter genötigt zu behaupten, sie hätten mit mir zusammen eine illegale Organisation gegründet. Ich war in Istanbul Schüler der Abschlussklasse des Gymnasiums und eigentlich noch nicht politisch aktiv, aber neugierig, angestoßen durch die 68er-Bewegung in der Türkei. In der Türkei hatte sich die 68er-Bewegung schnell radikalisiert und die Reaktion des türkischen Staates war heftig. Drei Studentenführer waren gehängt, ein maoistischer Theoretiker unter Folter getötet worden. Zehn junge Che Guevera-AnhängerInnen waren bei einer Militäroperation mitsamt ihren drei Geiseln getötet worden. Alle Getöteten waren Studierende der Elite-Universitäten der Türkei, und ich verstand nicht, was gerade passierte.

Vier Monate später wurden wir drei freigelassen und freigesprochen, aber diese willkürliche Gewalt hat meine Beziehung zum türkischen Staat völlig zerstört. Ich bin im Gefängnis radikalisiert worden und dort Revolutionär geworden. Es war also weniger die Verletzung meiner Meinungsfreiheit, es waren die daraus resultierenden Folgen: Haft, Folter, Solidarität und Aufklärung im Knast, die mich verändert haben. Meine Wut und Verletzung, im Mai 1975 im Istanbuler Polizeipräsidium gefoltert worden zu sein, waren aber so unbändig, dass es mir nicht in den Sinn kam, mich ins Ausland abzusetzen oder mich aus allem zurückzuziehen. Ich schloss mich der TDKP an, der 1980 gegründeten Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei und ging in den Untergrund.

 

2010 wurdest du in der Türkei unter dem Vorwurf festgenommen, 1989 an einem Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. ProzessbeobachterInnen wurde schnell klar, dass sich die Repression des Staates aber eigentlich gegen deine publizistische Tätigkeit richtet. Hat der Staat es geschafft, dich zumindest zeitweise mundtot zu machen?

Ich habe von dem Vorwurf erst erfahren, nachdem sie mich ins Gefängnis gesteckt haben. Ich musste mich deshalb notgedrungen mit meiner Verteidigung beschäftigen. Aber die Hauptarbeit wurde von meinen AnwältInnen und der Solidaritätsgruppe in Köln erledigt. Weil das türkische Haftsystem nicht völlig hermetisch nach außen abgeschlossen ist, konnte ich mich sogar mit kurzen Stellungnahmen während meiner Haftzeit äußern. Schriftstellerisch arbeiten konnte ich nicht, in dieser Hinsicht hat mir die Ungerechtigkeit der Inhaftierung eine Zeitlang die Sprache verschlagen. Nach meiner Freilassung im Dezember 2010 habe ich wieder zu schreiben begonnen. Als die türkische Justiz 2013 meinen Freispruch von 2010 kassierte, habe ich eine Presseerklärung abgegeben und erklärt, ich sei aus dem Prozess »ausgestiegen«, weil klar sei, dass der türkische Staat mich nicht freisprechen wolle. Die Wut auf die Dreistigkeit der türkischen Justiz, die mich seit damals umtreibt, hat mich nicht mundtot gemacht, sondern schriftstellerisch eher noch beflügelt.

 

Im August 2017 konnte der türkische Staat über Interpol erreichen, dass du in Spanien festgenommen wirst. Auf welchen Vorwürfen beruhte die »Red Notice« an Interpol? Warum setzte der spanische Staat ein solches offensichtlich politisch motiviertes Ansinnen überhaupt um?

Die Red Notice wurde genauso begründet wie meine Inhaftierung in der Türkei 2010. Ich weiß nicht, warum Spanien diese fadenscheinige Begründung akzeptiert hat und zwei Monate brauchte, um die völlige Willkür hinter diesem Haftbefehl zu erkennen.

 

Inwieweit verunsichert dich die neuerliche Festnahme in Spanien?

In den ersten Wochen nach der Freilassung war ich richtig krank. Seelisch und körperlich. Die Solidarität und der öffentliche Aufschrei haben aber dazu geführt, dass ich mein unsicheres Gefühl schnell überwinden konnte. Dann erhielt ich vom Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch die Möglichkeit, ein Buch über meine Festnahme zu schreiben. In nur sechs Wochen habe ich das Manuskript »Verhaftung in Granada« fertig geschrieben. Das hat mir gut getan. Das war auch eine Art Rache an meinen türkischen Verfolgern, die anscheinend kein Ende finden.

 

Du hast nach den Festnahmen 2010 und 2017 viel zivilgesellschaftliche Unterstützung erfahren, gerade auch in Deutschland. Wie wichtig ist diese Solidarität für deinen Kampf für Meinungsfreiheit? Und war die Unterstützung seitens der Bundesregierung oder anderer staatlicher Institutionen ausreichend?

Anders als während meiner Zeit im Gefängnis in den 1980er Jahren gab es 2010 keine Folter. In einer Zelle zu sitzen war aber trotzdem nicht angenehm, immerhin wartete ich vier Monate auf meinen Prozess. Türkische Briefe durfte ich erhalten und schreiben. Deutschsprachige Briefe, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher wurden mir vorenthalten. Ende Oktober kam die Generalkonsulin zu Besuch. Am selben Abend wurden etwa fünfzig deutschsprachige Bücher, zahlreiche Ausgaben deutscher Zeitungen und Zeitschriften sowie deutschsprachige Briefe und Postkarten, die sich seit August angesammelt hatten, in meine Zelle geschleppt, sodass sie sich in eine an mein Arbeitszimmer erinnernde Oase verwandelte, in der ich meinen Träumen nachhängen konnte. Ich las nächtelang. Durch die Briefe und Postkarten entfloh ich in den langen Nächten an andere Orte. Das war sehr hilfreich, um das Gefängnis weiterhin ertragen zu können.

Zwölf Tage vor meinem ersten Verhandlungstag ist mein Vater gestorben. Ich habe von seinem Tod aus der Presse erfahren. Meine Verletzung war so tief, dass ich nicht länger in meiner Muttersprache reden wollte. Die Solidarität, die in Köln in meinem Freundeskreis entstanden ist und sich bundesweit und in der Türkei verbreitete, holte mich aus dem Abgrund wieder heraus.

Bei meiner erneuten Verhaftung 2017 in Granada hat die Solidarität vom ersten Tag an ganz Deutschland erfasst. Geübt durch die Kampagne gegen meine Verhaftung von 2010 wurden innerhalb eines Monats 53.000 Unterschriften gesammelt. Meine Rettungen verdanke ich, wie ich es in meiner Botschaft aus Madrid formuliert habe, der Magie der Solidarität. Ich habe am eigenen Leibe gemerkt, wie wichtig die Solidarität für Gefangene ist.

 

Ist die Presseunfreiheit in der Türkei unter Erdoğan schlimmer als je zuvor? Oder haben sich nur die politischen Diskurse unter seiner Ägide verändert, nicht aber die Brutalität der Repression?

Dass die Geschichte der türkischen Republik die Geschichte einer Ansammlung von gewaltsamen Auseinandersetzungen ist, liegt daran, dass die Keller der »Befreiungsgeschichte« voller Leichname christlicher StaatsbürgerInnen sind und dass man sich der Geschichte der Massaker an den ArmenierInnen nicht stellt, sondern an der Leugnung festhält. 1938 kamen zu diesen Opfern noch die KurdInnen und AlevitInnen in Dersim dazu. Und 80 Prozent der Jüdinnen und Juden in der Türkei, die wir ach so gut geschützt zu haben vorgeben, haben unmittelbar nach den Istanbuler Pogromen 1955 die Türkei verlassen. Die auf dem Weg zur Demokratisierung immer wieder unternommenen Schritte wurden alle zehn Jahre durch Militärputsche und militärische Memoranden unterbrochen und der Ausnahmezustand wurde in der Türkei zur Regel.

Die juntahaft-despotische Politik der Regierung Erdoğans, der als Reformer auf die politische Bühne trat und dem es mithilfe der Gülen-Gemeinde – von der wir erst jetzt wissen, wie sehr sie Regierung und Verwaltung unterwandert hatte und wie entwickelt ihre Fähigkeiten zu Manipulation und Komplotten waren – gelang, das Militär zu schwächen, ist lediglich das letzte Glied dieser Gewaltgeschichte. Also: Brutalität und Repression waren in der modernen Türkei immer vorhanden. Unter der Erdogan-Regierung, insbesondere nach dem gescheiterten Putsch, hat sich die Lage der Pressefreiheit ungeheuer verschlechtert. Die Phasen der Militärregimes waren von systematischer Folter geprägt, in der Erdoğan-Ära hingegen herrscht die Willkür eines Justizsystems, die nicht nur Linksoppositionellen, sondern allen zum Verhängnis werden kann.

 

Doğan Akhanlı wurde 1957 in der Türkei geboren und lebt seit 1992 in Köln. Sein Roman »Kıyamet Günü Yargıçları» (dt. »Die Richter des jüngsten Gerichts«) war 1999 das erste Buch in türkischer Sprache, das den Armeniengenozid thematisierte. Soeben erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch sein Buch »Verhaftung in Granada«, in dem er über seine Gefängniserfahrungen vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung in der Türkei, Spanien und Deutschland erzählt. Das Interview führte Albrecht Kieser.

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