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Zum Tode von Elmar Altvater

Am 1. Mai starb Elmar Altvater. Als Denker, der Marx als spannenden Analytiker präsentierte, hatte er einen prägenden Einfluss auf die Linke nach 1968. Ein Nachruf.

Ende der 1960er und Anfang der 1970er-Jahre öffnete sich ein Zeitfenster. Eine junge Generation von Gelehrten – im besten Sinne des Wortes – betrat die Bühne. Es begann ein neuer theoretischer Zyklus, dessen Fokus am Otto-Suhr- Institut (OSI) der Freien Universität Berlin lag. Elmar Altvater war ein zentraler Akteur.

Karl Marx war ein wichtiger Referenzpunkt. Ja, klar! werden heute sicher viele einwenden, er lag ja nach 1968 bei der akademischen Linken voll im Trend – wie jetzt auch wieder bei seinem runden Jubiläum. Das ist richtig und falsch zugleich. Man beschäftigte sich in den Universitäten viel mit Karl Marx. Die blauen Bände standen in den linken Buchläden, manchmal kaufte man sie auch preiswert in Ost-Berlin. Allerdings präsentierten der Marxismus-Leninismus (ML) kasernenhofsozialistischer Prägung und die damals in Teilen dominanten K-Gruppen Marx auf einem Denkmalsockel. Der spannende Theoretiker und leidenschaftliche Redner, der sich in Kontroversen hineinstürzte, war zum Säulenheiligen verkommen. Sätze wie «Der tendenzielle Fall der Profirate» wurden wie eine Monstranz vor sich hergetragen.

 

Elmar Altvater holte Marx von diesem Sockel herunter und löste den Theoretiker aus der Versteinerung. Es ging um die Wiederaufnahme eines Projekts, das sich mit Stichwort «Kritik der politischen Ökonomie» zusammenfassen lässt. Dies mündete, um es mit dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci zu sagen, in einer «Theorie der Praxis». In der viel zitierten Feuerbach-These, dass die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern sei, ist die Aufgabe auch für kommende Generationen benannt.

Die Analyse, bei der Altvater mit Marx zusammen ging, ist sehr klar. Es geht um unterschiedlichste Formen der Ausbeutung, Machtverhältnisse und Unterdrückung. Es ging Marx – und das hat Elmar Altvater immer wieder deutlich gemacht – aber nicht um eine Analyse, die sich einer Parteilichkeit unterordnet. Bei aller eingeforderten Pluralität gab es für Elmar Altvater aber auch Kerne von Marx, die Bestand haben. So geht es um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Geld ermöglicht hier eine Reflexivität, die das Handeln beeinflusst. Die Kategorie des Doppelcharakters der Arbeit eröffnete die Möglichkeit, Arbeit nicht nur als Produktion von Werten zu begreifen, sondern auch als Prozess der Transformation von Stoffen und Energie. Ökologische Fragestellungen lassen sich daran auch heute anschliessen.

 

Altvater thematisierte aber auch Fehlentwicklungen, die schon bei Marx angelegt waren. Er war ein Kind des 19. Jahrhunderts und bewunderte die Dampfmaschinen in den Fabriken. Da war er Modernisierungstheoretiker mit all den teleologischen Fallstricken, die wir inzwischen kennen. Nachfolger von ihm bastelten daraus ein plumpes Stufenmodell der Weltgeschichte. Marx selbst war aber ein komplexerer Denker, der seine eigenen Hauptthesen durchaus auch reflektierte und in Frage stellte. So gibt es im «Kapital» Textstellen, die die negativen ökologischen Folgen durchaus thematisieren: «Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrarkultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit». (MEW 23: 529f.). Genau dies analysieren wir ja heute im Rahmen der industrialisierten Landwirtschaft.

Trotzdem ist der Rationalismus für Marx eine feste Grundlage, und daher glaubte er, auch hier Kind seiner Zeit, an eine geplante Ökonomie, die dem sprunghaften Fetisch von Waren- Geld und Kapitalströmen überlegen sei. Die bewusste Lenkung der gesellschaftlichen Reproduktionsprozesse kann aber die Betroffenen heillos überfordern und Gesellschaften in ein Chaos stürzen. Das, so Altvater, war ein Schwachpunkt bei Marx. Die Planungsakteure waren und sind überfordert und es fällt Marx auf die Füße, dass er sich zu wenig mit staatlichen Machtapparaten auseinandergesetzt hat.

Solch ein differenziertes und trotzdem wirkungsmächtiges Bild von Marx beeindruckte die Zuhörerinnen und Zuhörer im stets überfüllten Hörsaal im Otto-Suhr-Institut. Wir als junge Studentinnen und Studenten saßen immer wieder staunend vor diesem hochgewachsenen hageren Mann, der als «Marxist» so differenziert von Marx sprechen konnte. Das Theoriemagazin, in dem er regelmässig publizierte, hieß PROKLA (Probleme des Klassenkampfs). Das hört sich richtig stramm an – und gleichzeitig hatte er ein Einreiseverbot in die DDR. Er passte in keine Schablone des Kalten Krieges.

 

Es ging um die ganz großen Fragestellungen. Was hält die kapitalistische Moderne zusammen und wie kann man ihre Krisen und Grenzen erfassen? Dazu holte Altvater unterschiedlichste Denkerinnen und Denker in seine Vorlesungen, das Spektrum reichte von Ernest Mandel bis Wilhelm Hankel. Ein Theoretiker, der so zwischen den Stühlen sitzt und heftige Diskussionen führt, muss manchmal ein stoischer Zeitgenosse sein. Elmar Altvater führte die Rolle mit feiner Ironie aus. Er war kein Kumpel-Typ, sondern wirkte zwischen den Pali-Feudeln und Latzhosen mit seinem lässigen Gang im Nadelstreifenanzug und kleiner Zigarre in der Hand eher wie ein linker Bildungsbürger, ein Flaneur in den bewegten Zeiten der FU Berlin. Aber er hatte verdammt viel auf Lager. Wir, die aus WGs und besetzten Häusern aus Kreuzberg, Wedding, Schöneberg und Neukölln in seine Vorlesungen kamen, begannen mit ihm produktiv zu arbeiten.

Ein Beispiel sind die legendären Fachkurse zur Weltwirtschaft, die über zwei Semester gingen. Dort thematisierten wir die beginnende Abkopplung der Eurogeldmärkte, die Verschuldungskrisen und die IWF-Weltbankpolitik in den vielen Staaten Afrikas, Südostasiens und Lateinamerikas. Heute finden sich die Beispiele in Süd- und Osteuropa. Dependenztheoretiker wie Samir Amin, Immanuel Wallerstein und André Gunder Frank waren wichtige Bezugspunkte der «Politischen Ökonomie des Weltmarktes».

Die folgenden Debatten zum Thema Globalisierung lagen da noch in weiter Ferne. Elmar Altvater publizierte früh darüber, in Büchern mit Titeln wie «Sachzwang Weltmarkt» (1987) oder «Armut der Nationen» (1988). Im Vorwort zu «Sachzwang Weltmarkt» steht: «Tatsächlich sind die Konsequenzen der Weltmarktkrise in der Region Amazonien – wie in anderen Regionen Brasiliens und anderen hoch verschuldeten Ländern – im Alltagsleben sichtbar, konkret greifbar.» Die Thesen von Altvater waren auch spannend, weil er vor Ort forschte und zum Beispiel Gastvorlesungen in Brasilien gab. Seine Analysen flossen wiederum in den Gegenkongress zur IWF-Weltbanktagung 1988 in West-Berlin ein.

 

Es gab auch dabei lebhafte Auseinandersetzungen. So ging es um die Fragestellung, inwiefern es im herrschenden Weltmarktkontext auch Gewinner beispielsweise aufseiten der so genannten Schwellenländer geben kann. Einige südostasiatische Staaten wie Südkorea ließen sich nicht mehr nur mit Werkzeugen der Dependenztheorie und Stichworten wie der «verstümmelte Industrialisierung» fassen.

Elmar Altvater war kein Solitär, sondern bewegte sich mit anderen kritischen Verbündeten in einem gemeinsamen Raum. Wolf Dieter Narr (Demokratietheorie), Bodo Zeuner (Gewerkschaften), Johannes Agnoli (Anarchie und Hegel) gehörten am OSI dazu. In anderen Fachbereichen waren es beispielsweise Barbara Töpper (Lateinamerika Institut) oder Ekkehart Krippendorf (John F. Kennedy Institut). Sie diskutierten kontrovers, waren aber gemeinsamer Teil des Theoriezyklus, der mit den beginnenden Pensionierungen zu Anfang dieses Jahrhunderts zu Ende ging. Abgesehen von der Frankfurter Schule gab es weder davor noch danach an Hochschulen in Deutschland solche Akademikerinnen und Akademiker, die den Historischen Materialismus vom Kopf auf die Füße gestellt haben. In Zeiten nach der Bologna-Reform sind solche akademischen Querköpfe nicht mehr gefragt.

Ihre Schülerinnen und Schüler sind in alle Welt verstreut. Viele Zeitgeistsurfer haben sich aus den Debatten verabschiedet oder müssen ganz woanders ihrem Broterwerb nachgehen. Elmar Altvater wollte sicher keine eigene Theorie-Schule gründen. Aber die zunehmend begrenzte Reichweite seiner Argumente hat ihm sicher in den letzten Jahren zu schaffen gemacht. So musste er sich von einigen politischen Zusammenhängen verabschieden, wie etwa von den Grünen. Dennoch gibt es weiter akademische Einzelpersonen jüngerer Generation, die mit der Denkweise von Elmar Altvater arbeiten. Dazu gehören Ulrich Brand und Markus Wissen («Imperiale Lebensweise», 2017) oder Dorothee Bohle («Europas neue Peripherie», 2002).

 

Elmar Altvater ist am 1. Mai 2018 gestorben. Wir sollten mit seinem theoretischen Werkzeugkasten weiter arbeiten. Er hat uns dazu einige Bücher hinterlassen. Dazu gehören sein mit seiner Lebensgefährtin Birgit Mahnkopf publiziertes Standartwerk «Grenzen der Globalisierung» (1996). Wer sich in etwas kompakterer Form Elmar Altvater näheren will, dem sei das Gesprächsbuch mit Raul Zelik ans Herz gelegt: «Vermessung der Utopie» (2009).

 

Georg Lutz studierte in den 1980er Jahren Politologie am OSI.

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