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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 366 | Arbeitsrechte Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung

Reiseberichte mit Humor, Empathie und kluger politischer Analyse zu Orten, die nicht auf den gängigen touristischen Reiserouten liegen.

Welt ohne Ordnung

Wer bei dem etwas trockenen Titel Das Ende der westlichen Weltordnung an ein Sachbuch denkt, sollte sich nicht abschrecken lassen. Denn die Journalistin Andrea Böhm (heute ZEIT, früher taz) versammelt in ihrem neuen Buch gut geschriebene, engagierte und scharfsinnige Reiseberichte zu Orten dieser Welt, die nicht auf gängigen touristischen Reiserouten liegen. Über sie erfährt man hierzulande nur selten etwas – außer in der Katastrophenberichterstattung.

Anhand einer kommentierten Weltkarte von 1459 und im gedanklichen Austausch mit ihrem damaligen Zeichner, Bruder Mauro von San Michele, macht sich Böhm auf den Weg: von Venedig nach Mogadischu, anschließend nach Guangzhou, weiter mit Stationen im Irak in den Nahen Osten nach Beirut, Gaza, Alexandria. Schlusspunkt ist Nowa Amerika an der deutsch-polnischen Grenze. Bereits die von Böhm verwendete Weltkarte ist eine Herausforderung an die Gewohnheiten des Blicks. Amerika ist noch nicht ‚entdeckt‘, die Karte ist zudem ‚gesüdet‘. »Die Afrikaner oben, wir Europäer unten. Vielleicht ist schon dieser Gedanke eine Überforderung – nicht nur in geografischer Hinsicht«, schreibt Böhm. Auf ihrer Reise ist sie immer auf der Suche nach »Geschichten, die ebenso von der Wahrnehmung des Westens in Asien, Afrika und dem Nahen Osten erzählen, wie von unserem Selbstverständnis des Westens als ewigem Hauptdarsteller (...) im guten wie im schlechten Sinne.«

In Mogadischu – im 15. Jahrhundert eine ähnlich blühende Handelsstadt wie Venedig – erkundet Böhm, welche Verkettung von Umständen dazu geführt hat, dass das Land nach der US-amerikanischen »Operation Wiederherstellung der Hoffnung« heute nur noch als »nicht zu zivilisierendes Dschungelgebiet gilt«, als »erster Ort des Scheiterns einer neuen humanitären Weltordnung«. Böhm erläutert diese Zäsur beispielhaft an einer Fotografie von 1993: »Paul Watson, ein kanadischer Fotograf, lichtet somalische Zivilisten ab, wie sie die nackte Leiche eines amerikanischen Soldaten durch die Straße schleifen, und das Bild verbreitet sich über die Medien, woraufhin ein Schock durch die amerikanische Nation geht und sich Verbitterung breitmacht über die grausame Undankbarkeit hungernder Afrikaner, denen man hatte helfen wollen; Wut über die Demütigung der einzigen Supermacht durch ein paar lumpige Klan-Milizen.«

Erst im Nachhinein, schreibt Böhm, sei ihr an dem Bild etwas Wichtiges aufgefallen: »Durch das Foto hatte Watson unser Gefühl der Unangreifbarkeit erschüttert. Ob westliche Soldaten, Entwicklungshelfer oder Journalisten, in Afrika bewegen wir uns alle mit der tiefen Überzeugung, dass unsere Haut einen Schutzpanzer bildet. Egal, wie viel Kolonialismuskritik, wie viel Anti-Rassismus wir verinnerlicht haben, wir betrachten unsere Hautfarbe als einen Privilegierten-Ausweis, der allen Nicht-Weißen signalisiert, dass unsere körperliche Unversehrtheit überall Priorität hat.«

Es gehört ein gutes Stück Selbstbewusstsein dazu, sich wie Böhm den Nahen Osten für eine politische Reiseerzählung auszusuchen und die unterschiedlichen Perspektiven aus Beirut, Gaza City und Tel Aviv gegenüberzustellen. Vor allem, weil die Autorin es nicht dabei belässt, sondern unter der Kapitel-Überschrift »Mare Nostrum« den erweiterten Mittelmeerraum in den Blick nimmt. Aber vielleicht ist es gerade der Fokus auf das Meer, der einige Dinge sichtbar macht. So schreibt sie: »Orte, deren Geschichte man unter den Fußsohlen spüren kann, mag ich. Aber hier befindet sich eindeutig zu viel Vergangenheit auf zu kleinem Raum. Das Meer ist schuld daran. Es ist groß genug, den Raum zwischen drei Kontinenten und drei Weltreligionen zu füllen. Es ist klein genug, um mit jeder noch so mickrigen Welle alles miteinander zu vermischen. Süden und Norden, Asien, Afrika und Europa. Judentum, Islam und Christentum. Orient und Okzident.«

Pointiert erzählt sind die Begegnungen mit einem jungen Israeli, den Böhm direkt nach ihrem Besuch in Gaza während des dortigen Kriegs in Tel Aviv trifft und der sich nach der Situation in Gaza erkundigt. Als er erfährt, dass sie in Berlin-Neukölln wohnt, antwortet er in perfektem Deutsch, dass er sich dort gerade eine Wohnung gekauft habe, weil er immer wieder mal aus Israel weg müsse: »Sonst hält man es nicht aus in diesem Land.« Ebenso überraschend die Begegnung mit einer jungen Libanesin am Strand bei den Ruinen der Nekropolis von Tyre. »,Das muss Israel sein‘, sage ich. Sie sieht mich an, als hätte ich sie angespuckt. ‚Das ist das besetzte Territorium! Es gibt kein Israel!‘ ‚Tut mir leid‘, antworte ich, ‚aber das da drüben ist wirklich Israel‘. ‚Woher kommen Sie denn?‘, will sie wissen. ‚Aus Deutschland.‘ ‚Dann müssen Sie das ja sagen.‘ So ist das in diesem Land. Man gönnt sich einen Tagesausflug in die Antike und prallt nach wenigen Stunden mit Wucht auf die Gegenwart.« Böhm bleibt aber nicht bei Anekdoten, sondern wirft auch Schlaglichter auf die historischen und politischen Konfliktlinien der Region und lässt dabei die aktuellen Migrationstragödien nicht unerwähnt.

Vielleicht legt Böhms Rede vom »Ende der westlichen Weltordnung« eine zu große Erzählung nahe, vielleicht erinnert sie damit zu sehr an die Thesen vom Untergang des Abendlandes, mit denen ihr Buch ja nun gar nichts gemein hat. Vielleicht macht das Stilmittel der häufigen Unterbrechung von Erzählsträngen das Lesen manchmal anstrengend. In jedem Fall aber zeichnet sich ihr Buch durch historische Einordnungen und kluge politische Analysen aus. Zudem ist es mit einer großen Portion Empathie und Humor geschrieben. So ist es ein Gewinn für alle, die nicht vor der immer größer werdenden Komplexität der Welt kapitulieren wollen. Dass aber auch ein veränderter Blick auf diese Welt nicht alle Hierarchien, Mobilitätshindernisse und Weltmachtprozesse auflösen kann, ist der Autorin klar. Sie schreibt es selbst in ihrem Nachwort.

 

Steffen Schülein

 

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten. Pantheon Verlag, München 2017. 272 Seiten, 17 Euro.

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