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Bastian Bretthauer/Susanne Lenz/Jutta Werdes (Hg.): Kambodscha

Vorspann

Mehr als Tempel und Trauma

von Christopher Wimmer

Nach dem Bürgerkrieg und dem Völkermord der Roten Khmer erlebte Kambodscha eine Renaissance. Doch das kleine südostasiatische Land steht am Scheideweg: Bleibt es eine Quasi-Demokratie oder etabliert der langjährige Ministerpräsident Hun Sen eine Diktatur? 2018 stehen Neuwahlen an, doch die einzige ernstzunehmende Oppositionspartei ist bereits verboten. In diesen turbulenten Zeiten beleuchten kambodschanische, deutsche und internationale Autor_innen in ihrem Gemeinschaftswerk „Kambodscha. Ein politisches Lesebuch“, die jüngere Geschichte und Gegenwart des Landes. Erschienen ist der Band bei Regiospectra in Zusammenarbeit mit der Stiftung Aisenhaus.

Die 24 politisch hoch aktuellen Beiträge gliedern sich in eine Einführung der Herausgeberin Jutta Werdes, einem Abschnitt zum Thema Geschichte sowie zu Kunst. Es folgen Kapitel mit Beiträgen zu Politik & Gesellschaft sowie Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung. Ergänzt werden die Texte durch eindrückliche Farbfotografien des Fotografen Kim Hak.

Die Beiträge bestechen durch ihre vielfältige Mischung aus Sachberichten, Erzählungen, persönlichen Erlebnisberichten und wissenschaftlichen Artikeln. So räumt der Sammelband mit dem Klischee auf, Kambodscha würde lediglich aus den beiden berühmt-berüchtigten „T´s“ bestehen: Tempel und Trauma. Zwar sind die wundervollen Tempelanlagen von Angkor der größte Touristenmagnet des Landes und sicher sind die Traumata als Folge der Gewaltherrschaft der Roten Khmer noch nicht geheilt. Doch das Buch macht deutlich, dass das Kmaboscha weit mehr ist. Die Vielzahl der angesprochenen Themen bildet dabei die Vielfalt des Landes – auch gerade auch aktuell: seiner Probleme – wunderbar ab.

So finden sich Beiträge, die die Verstrickung der Regierung in den illegalen Kunsthandel und Landraub beschreiben. In einem Artikel, den der Autor aus Angst vor Verfolgung unter Pseudonym schreiben musste, wird lebensnah die alltägliche und kaum hinterfragte Korruption beschrieben. Die Wirkmacht des kolonialen Erbes wird ebenso erörtert wie die knapp vierjährige Herrschaft der Roten Khmer, die zwischen 1,7 und 2,2 Millionen Tote forderte. Besonders interessant ist ein Beitrag von Katrin Luise Laezer und Elizabeth Högger Klaus, der die individuellen und kollektiven Traumata als Folge der Herrschaft der Roten Khmer beschreibt: Rund 20 Prozent der Kambodschaner_innen leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Marina Kem erzählt einfühlsam die Geschichte ihres kambodschanischen Vater, der in der DDR studieren konnte. Nach seinem Tod macht sie sich auf in einer Spurensuche in seine Heimat. Es folgen Beiträge, die der Bedeutung des Kinos, der Architektur und des Tanz Rechnung tragen. Craig Bradhsaw gibt in seinem lesenswerten Beitrag einen Überblick über die politische Entwicklung des Landes. Der Anspruch und die Wirklichkeit der Demokratie liegen dabei weit auseinander. Die größte Oppositionspartei CNRP, die bei den Kommunalwahlen 2017 auf über 45 Prozent gekommen ist, wurde verboten. Ihre Sitze wurden an die kleineren Parteien verteilt. Zwar ist Kambodscha seit 1993 offiziell eine Mehrparteiendemokratie, doch hat die CPP unter Ministerpräsident Hun Sen eine fast uneingeschränkte Kontrolle über das Land. Die Pressefreiheit ist massiv eingeschränkt. Sun Narin berichtet in seinem Beitrag davon, dass 30 unabhängige Radiosender (oftmals die einzige Informationsquelle in den weit entlegenen Gebieten) von der Regierung eingestellt wurden. Die staatliche Repression ist vielfältig: Derzeit gibt es im Land 24 politische Gefangene – 16 alleine von der verbotenen Oppositionspartei. Die Zivilgesellschaft ist verstärkt mit Überwachung, Diffamierung und Gewalt konfrontiert. Dazu gehört auch eine immer restriktivere Gesetzgebung zu NGOs und die Schließung von Organisationen und Zeitungen.

Neben den innenpolitischen Verhärtungen wird auch die internationale Ebene beleuchtet. So werden von Duong Keo Kambodschas widersprüchliche Beziehungen zu den übermächtigen Nachbarn Thailand und Vietnam ebenso beschrieben wie Hun Sens Hinwendung zu China. Dieser kann die Kritiken an seiner Politik aus dem Westen leicht überhören, da er in der Volksrepublik einen finanzstarken Partner gefunden hat, der massiv in Kambodscha investiert und dabei nicht nach Menschen- oder Bürgerrechten fragt.

Die Beiträge des Sammelband sind dabei nicht nur ein Kaleidoskop, eine Schau auf das Land, sondern tief durchdrungen vom Anspruch, Handreichungen zu geben, um den Weg in die Diktatur, den das Land aktuell unter Hun Sein einschlägt, vielleicht doch noch aufzuhalten. So beschreibt Michaela Doutch die Herausforderungen, vor denen Gewerkschaften in Kambodscha stehen, wirft aber auch ein kurzes Schlaglicht auf alternative Formen der Arbeiterorganisation und eröffnet so eine neue Perspektive. Diese hätte dem Buch allgemein gut getan. Klar ist diese Kritik aus deutscher Perspektive, gedacht und geschrieben am Schreibtisch, in gewissen Maß wohlfeil. Jedoch provoziert die Anrufung des Staates und die Hoffnung auf seine Einsicht und Reformierbarkeit, die am Ende doch aus vielen Beiträgen spricht, zumindest Fragen. Die Entwicklung Kambodschaa unter Hun Sen, deutet zumindest darauf hin, dass emanzipatorischer Wandel nur gegen den Staat und nicht in ihm möglich ist.

Nach Eigenaussage der Herausgeber_innen richtet sich das Buch sowohl an „Interessensgruppen, Reiseunternehmen, Akteur_innen aus Wirtschaft und Politik sowie Interessierte globaler politischer Prozesse“. Die Gefahr, die in einer solchen Breite liegt, ist Beliebigkeit. Trotz einzelner intellektuelle Fragwürdigkeiten, wie der Aussage, dass das „künstlerische Talent“ den Khmern in den „Genen liegen würde“ oder dass die Gleichberechtigung der Geschlechter eine „kommunistische Ideologie“ sei, ist der Sammelband eine ausgewogene, gut recherchierte und geschriebene Einführung, die zur Lektüre nur empfohlen werden kann.

Bastian Bretthauer/Susanne Lenz/Jutta Werdes (Hg.):
Kambodscha. Ein politisches Lesebuch. Regiospectra, Berlin 2017.
211 Seiten, 19,90 Euro.

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