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Türkei: Kein Tourismus in die Türkei!

Plädoyer für Wirtschaftssanktionen von unten

von Christian Stock

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu gab sich optimistisch. »Ich sehe einen gewaltigen Anstieg«, sagte er Anfang März bei seinem Besuch der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin über die deutschen TürkeiurlauberInnen. Rekordzahlen wie die 5,6 Millionen von 2015 könnten bis Ende dieses Jahres wieder erreicht werden, stellte er bei der weltweit bedeutendsten Reisemesse in Aussicht.

Nötig wäre diese Trendwende aus Sicht des türkischen Staates. Im vergangenen Jahr lag die Zahl der BesucherInnen aus Deutschland bei nur 3,6 Millionen, 2016 sogar bei 2,5 Millionen. Das drastische Wegbleiben der UrlauberInnen geht auf die Festnahmen deutscher StaatsbürgerInnen und die anhaltende Gefahr von Anschlägen zurück. Beides hat viele verunsichert. Das lädierte Image der Türkei als sorgenfreies Urlaubsland hielt Millionen deutsche und andere ausländische BesucherInnen fern. Wer reist schon gerne in ein Land, in dem abertausende Oppositionelle ins Gefängnis gesteckt werden, in dem immer mehr gesellschaftliche Freiheiten missachtet werden?

Aus türkischer Sicht sind ausländische UrlauberInnen jedoch besonders wichtig: Sie bringen dringend benötigte Devisen ins Land. Denn die Türkei leidet unter einem gewaltigen Handelsdefizit, das heißt, die Importe sind regelmäßig größer als die Exporte. Der Tourismussektor ist daher seit Jahrzehnten von enormer strategischer Bedeutung. Auf dem Höchststand vor vier Jahren brachten ausländische Gäste Devisen in Höhe von 39 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse. Dieses Geld wird benötigt, um damit zum Beispiel Waffen kaufen zu können. Mit Türkischen Lira geben sich weder deutsche noch andere Rüstungskonzerne zufrieden.

Das ist der Hauptgrund, weshalb Cavusoglu sich so vehement für die Reisebranche in die Bresche wirft. In jüngerer Zeit unternimmt die türkische Regierung große Anstrengungen, um dem Rückgang des Tourismus zu begegnen. Sie richtete dafür eigens eine «Einheit für Risikomanagement« ein. Teil der türkischen Offensive in Sachen Tourismuswerbung sind beispielsweise die millionenschweren Imagekampagnen von Turkish Airlines, die dafür Hollywood-Stars wie Morgan Freeman verpflichteten.

Mittlerweile »gibt es eine ganze Branche, die daran arbeitet, das Bild von der Türkei im Ausland zu ‚korrigieren’«, kritisiert dies der türkische Journalist Ali Cekikkan. Bei der ITB im März hatte die Türkei nicht von ungefähr den größten Stand aller Aussteller. Der türkische Tourismusminister Numan Kurtulmus sprach dort davon, die Reservierungen seien jüngst um 70 Prozent gestiegen und vermutete, dies ginge vor allem auf die gewachsene Nachfrage aus Deutschland zurück.

Anlässlich der ITB übten türkische Politiker erneut Druck auf die Bundesregierung aus, damit sie die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes für die Türkei entschärft. Dort heißt es: »Seit dem Putschversuch im Juli 2016 wurden in der Türkei vermehrt deutsche Staatsangehörige willkürlich inhaftiert. Dabei waren weder Grund noch Dauer der Inhaftierung nachvollziehbar. Mit derartigen Festnahmen ist in allen Landesteilen der Türkei einschließlich der touristisch frequentierten Regionen zu rechnen.« Der Abschreckungseffekt dürfte bisher spürbar gewesen sein.

Doch auch wenn die Reisehinweise noch nicht den türkischen Wünschen angepasst wurden, so zeigt sich die neue Bundesregierung insgesamt äußerst kooperationswillig gegenüber der türkischen Regierung. Trotz der verheerenden Menschenrechtslage und des Angriffskriegs gegen das kurdisch-syrische Afrin erwägt die Bundesregierung nicht einmal, Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei zu verhängen. Die EU-Kommission hält sich ebenfalls zurück. Die Stimmung gegenüber der Türkei wird spätestens seit der Freilassung von Deniz Yücel immer freundlicher, auch bei den Tourismuskonzernen. Der Reiseanbieter Thomas Cook hat seine Flugkapazitäten bereits deutlich aufgestockt.

Um den türkischen Ambitionen auf mehr Deviseneinnahmen einen Strich durch die Rechnung zu machen, bleiben somit nur Sanktionen von unten, aus der Zivilgesellschaft. Dafür eignet sich das Mittel des Tourismusboykotts mit am besten. Jede/r an Menschenrechten Interessierte hat es selbst in der Hand, einen repressiven Staat durch die Ausgaben für eine Reise zu unterstützen – oder eben nicht.

Es gibt einige Beispiele für erfolgreiche Tourismusboykotte. Während der Apartheid wurde Südafrika von der Reisebranche gemieden, hier war der Boykott zudem in weitere Wirtschaftssanktionen eingebunden. In den 1990er Jahren hatten Menschenrechtsgruppen recht erfolgreich zum Reiseboykott gegen Myanmar aufgerufen. Die ehrgeizigen Wachstumspläne des dortigen Militärregimes für den Tourismussektor erlitten einen Dämpfer. In den 1980er Jahren war auch zum Reiseboykott der Türkei aufgerufen worden, wegen des schon damals brutalen Krieges gegen die KurdInnen. Von Erfolg war das aber nur punktuell gekrönt, der Tourismussektor boomte ab den 1990er Jahren.

Heute werden zumindest bislang nur wenige Stimmen laut, die einen Boykott des Tourismus in die Türkei fordern. Zu ihnen zählen Katja Kipping, Kovorsitzende der Linkspartei, und die BetreiberInnen der Facebook-Seite »Türkei-Boykott«. Umso nötiger ist es, dass sich ihnen jetzt möglichst viele Menschen anschließen. Und selbst wenn die Boykottierenden nicht zur Massenbewegung werden, so ist doch jeder Euro, der dem türkischen Staat entgeht, ein Euro, der nicht für Krieg und Menschenrechtsverletzungen verwendet werden kann.

Auf mich kann die Boykottbewegung zählen, von mir bekommt das Erdogan-Regime keinen Cent. Dieses schöne Land werde ich erst wieder bereisen, wenn ein deutlicher Kurswechsel stattgefunden hat. Das bin ich nicht nur allen schuldig, die mithilfe deutscher Waffen in Afrin und anderswo massakriert werden, sondern auch den Oppositionellen in den Knästen.

 

 

Christian Stock ist Redakteur der iz3w.

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