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Julia Ebner: Wut

Das populärwissenschaftliche Buch verortet menschenverachtende Einstellung bei den islamistischen und rechten "Extremen" - und erteilt so der gesellschaftlichen Mitte die Absolution.

Huntington lässt grüßen

Die Österreicherin Julia Ebner arbeitet für die britische Denkfabrik Institute for Strategic Dialogue und wird gegenwärtig medial als »Terrorismusexpertin« gefeiert. Mit ihrem Buch Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen möchte die 27-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin die »Wechselwirkungen unterschiedlicher Formen von Extremismus« veranschaulichen: IslamistInnen und Rechtsradikale sieht Ebner als »zwei Seiten derselben Medaille«. Beide Gruppen befinden sich ihrer Meinung nach gegenwärtig in einer »wechselseitigen Radikalisierung«. Laut Ebner, die hier ähnlich wie Samuel Huntington argumentiert, führe das im schlimmsten Falle zum »globalen Kulturkrieg zwischen Muslimen und Nichtmuslimen«.

Für das Buch hat sie undercover die »Geografie des Hasses« in Deutschland, Belgien, Frankreich und Großbritannien aufgesucht. Viele der Orte sind zugleich die Geografie des Prekariats. Sowohl im belgischen Molenbeek als auch im französischen Lunel, beides Orte islamistischer und rechter Radikalisierung, leben die VerliererInnen des Kapitalismus.

Zur Unterstützung ihrer These von der gegenseitigen Radikalisierung hat Ebner zahlreiche Onlinequellen ausgewertet, Interviews mit AnhängerInnen rechtsradikaler und islamistischer Gruppen und AussteigerInnen geführt sowie islamistische und rassistisch motivierte Anschläge in Europa einander gegenübergestellt. Dabei weist sie darauf hin, dass rechter Terror in Europa häufig »lückenhaft dokumentiert« wird.

Ihr Buch richtet sich an ein populärwissenschaftlich interessiertes Publikum und liest sich insgesamt gut. Die deutsche Übersetzung lässt jedoch zu wünschen übrig. Sperriges Vokabular wie »Extremismusbekämpfungsorganisation« sowie unsensible Sprache bei Begriffen wie »gemischtrassige Beziehungen« oder »rassische Identitätsgruppen« hätte ein kritisches Lektorat vermeiden können.

Beim Vergleich der »Extremisten« wäre es sinnvoll gewesen, dem Thema Antisemitismus mehr Raum zu geben. Letzterer wird von Ebner nur am Rande durch Verschwörungstheorien aufgeführt, ansonsten meist bei der Motivation für Terroranschläge übersehen. Die Rolle von Antisemitismus als Welterklärungsideologie, die sowohl IslamistInnen als auch Rechtsradikale in ihrem Kampf gegen die Moderne eint und sich im Hass auf Juden und Jüdinnen sowie Israel ausdrückt, wird von Ebner unzureichend thematisiert.

Dem Buch hätte auch ein Blick auf die dominanten Geschlechterbilder in beiden Bewegungen gut getan. Beide verherrlichen heterosexuelle Männlichkeit bei gleichzeitiger Abwertung von Frauen und Homosexuellen. Beide fürchten den Werteverfall der Gesellschaft im Kontext sexueller und geschlechtlicher Emanzipation.

Ebners Verortung menschenverachtender und diskriminierender Einstellungen und Praxen bei den antidemokratischen »eskalierenden Extremen« erteilt der gesellschaftlichen Mitte die Absolution. Letztere wird mit dem Wörtchen »uns« im Buchtitel direkt als Zielgruppe angesprochen und kann es sich beim Lesen auf der Seite der ‚Guten‘ gemütlich machen. Der Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und die Homophobie der Mitte sind kein Problem, solange sie nur brav wählen geht und den Betriebsablauf nicht gefährdet.

 

Patrick Helber

 

Julia Ebner: Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen. Theiss Verlag, Darmstadt 2018. 336 Seiten, 19,95 Euro.

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