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Anarchismus weltweit

Editorial zum Themenschwerpunkt

Die Utopie von der herrschaftsfreien Gesellschaft, von der Anarchie hat kaum jemand so überzeugend formuliert wie der italienische Anarchist Errico Malatesta: »Unser Ideal ist nicht eines, dessen Erfolg vom isoliert betrachteten Individuum abhängt. Es geht darum, die Lebensweise der Gesellschaft insgesamt zu verwandeln, darum, unter den Menschen Beziehungen zu schaffen, die auf Liebe und Solidarität beruhen; darum, die vollkommene materielle, sittliche und intellektuelle Entwicklung nicht etwa für einzelne Individuen oder Angehörige einer Klasse oder bestimmten politischen Partei, sondern der gesamten Menschheit zu erreichen – und das ist ein Ziel, das nicht mit Gewalt erzwungen werden kann, vielmehr muss es sich aus dem aufgeklärten Bewusstsein eines jeden von uns ergeben und kann nur durch freiwillige Zustimmung aller erreicht werden.«

Mit diesen Vorstellungen von der freien Assoziation der Menschen wandten sich Malatesta und andere AnarchistInnen nicht nur gegen das Ausbeutungsverhältnis des Kapitalismus und gegen den Autoritarismus der feudalen, bürgerlichen und faschistischen Staaten. Ihre Kritik galt ebenso den parteikommunistischen Vorstellungen von der »Diktatur des Proletariats« und dem faulen Frieden der Sozialdemokratie mit dem Kapital. Damit stießen sie einst auf viel Zuspruch: In den Jahrzehnten vor und nach 1900 war der anarchistische Flügel der ArbeiterInnenbewegung enorm stark; und zwar nicht nur in Hochburgen wie Spanien oder Russland, sondern auch in den USA und in Lateinamerika.

Warum wurde aus dem starken libertären Flügel der Linken eine recht bedeutungslose Unterströmung? Anarchismus wird kaum mit dem emanzipativen Anliegen der Abschaffung von Herrschaft assoziiert, sondern mit Chaos, Gewalt und unreifem Denken. Bis heute gibt es selbst in weiten Teilen der Linken viel Unwissen und teils vehemente Vorbehalte. Auch nach einer gewissen Blütezeit in Folge der Neuen Linken ab 1968 ist es in Westeuropa und Nordamerika wieder recht still geworden um den Anarchismus, abgesehen von wiederum strittigen Ausnahmen wie Occupy.

 

Lebendiger sind anarchistische Szenen heute in Lateinamerika, in asiatischen Ländern, in Osteuropa oder in Südafrika. Unser Themenschwerpunkt porträtiert einige von ihnen, allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn ein Merkmal von sozialen Bewegungen und Initiativen, die anarchistische Ideale im Alltag verwirklichen, ist oftmals, dass sie sich nicht explizit als anarchistisch bezeichnen. Der Begriff ist vielerorts negativ besetzt, die Angst vor der Repression der Staatsmacht tut ihr Übriges.

Einen weiteren Grund für die relative Unsichtbarkeit anarchististischer AktivistInnen benennt das Kollektiv Rai Ko Ris aus Kathmandu in Nepal: »AnarchistInnen schreckten historisch oft zurück, wenn es darum ging, sozialen Bewegungen eine bestimmte Richtung zu geben. AnarchistInnen fürchten sich sehr davor, eine ‚Führungsrolle‘ einzunehmen. Manchmal scheint es so, dass AnarchistInnen die Massen nicht erreichen, weil sie davor Angst haben, sich auch nur die Frage zu stellen, wie das eigentlich gehen kann. Die detaillierten marxistisch-leninistischen Zukunftsmodelle sind für viele Menschen oft greifbarer.« Letzteres ist denn auch der Grund dafür, warum sowohl in Nepal als auch in Indien zumeist maoistische und marxistisch-leninistische Gruppierungen den Kampf der Armen gegen die Großgrundbesitzer anführen. Paradox, denn »Land and Freedom« ist immer eine der wichtigsten anarchistischen Forderungen gewesen.

 

Es gibt einiges, was am heutigen Anarchismus irritieren kann. Etwa sein beständiges Schielen auf bessere Zeiten in der Vergangenheit, seine Selbstbezüglichkeit und seine dürftigen Theoriedebatten. Das Reflektionsniveau etwa der Kritischen Theorie hat kein einziges anarchistisches Theoriewerk je auch nur annähernd erreicht.

Umso mehr überzeugt die Praxis derjenigen, die sich als anarchistisch verorten. In ihren politischen Projekten versuchen sie zumindest, den Anspruch umzusetzen, egalitär zu leben und zu handeln. Ziemlich oft klappt das sogar ganz gut, jedenfalls gemessen an dem, was sonst in den Gesellschaften vorherrscht.

Der große Vorzug des Anarchismus bleibt vor allem seine umfassende Herrschaftskritik. Gleich ob es um Patriarchat, Kapitalismus, Autoritarismus, Elitenherrschaft, Rassismus oder Militarismus geht: Anarchismus als lebendiges Konzept hilft bei der Kritik daran, aber auch bei der Realisierung gesellschaftlicher Alternativen. Ohne dieses libertäre Element tendiert auch jede linke Strömung dazu, die Freiheit der einzelnen Menschen zu beschneiden.

die redaktion

 

PS: Wir bedanken uns beim ukrainischen Künstler und Anarchisten David Chichkan für das Titelmotiv. Im Februar 2017 wurde seine Ausstellung »Verpasste Möglichkeiten« in Kiew von Neonazis gestürmt. In Jungle World 46/2017 erschien ein spannendes Interview mit ihm, das online nachzulesen ist.

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