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Barbara Lüdde/ Judit Vetter (Hg.): Our Piece of Punk

Ein queer_feministischer Blick auf den Kuchen. Ventil Verlag, Mainz 2018. 160 Seiten, 20 Euro.

Reclaim the Stage

Das Buch Our Piece of Punk widmet sich der Realität von FLTIQ-Personen (Frauen*, Trans*, Inter* & Queer) in der Punkszene. Bereits seit den 1970er Jahren und während der Riot Grrrl-Bewegung der 1990er wurden Genderrollen innerhalb der Punkszene stark kritisiert. Doch dann scheint das Thema versandet zu sein. So werden auch heute noch in der Punkszene genau jene Macht- und Herrschaftsverhältnisse reproduziert, gegen die sie sich vorgeblich auflehnt. Der Anspruch des Buches ist, den Ist-Zustand der Punkszene zu hinterfragen und weiterhin existierenden Handlungsbedarf aufzuzeigen.

Als gewöhnliches Buch kann «Our Piece of Punk« kaum bezeichnet werden – DIY-Projekt (do it yourself) trifft die Sache eher. Themen wie Rassismus, Sexismus und Homo- und Trans*phobie werden in den Beiträgen der 35 Autor*innen auf vielfältige Weise verarbeitet. Szenenahe Protagonist*innen stellen persönliche Erfahrungen und Gedanken nicht nur in Form von Texten, sondern auch als Comics und Zeichnungen dar.

Wie die Herausgeber*innen betonen, ist »Our Piece of Punk« »eine Streitschrift, eine Momentaufnahme und eine Liebeserklärung zugleich«. Denn nicht alles an der Punk-Subkultur ist schlecht. Nur wer darin als Frau oder weiblich gelesene Person Musik macht, steht unter dem ständigen Druck, sich profilieren oder rechtfertigen zu müssen. In dieser Männerdomäne als FLTIQ-Person Raum einzunehmen und der Tätigkeit des Musikmachens nachzugehen, geht unweigerlich mit der Markierung als FLTIQ-Person einher – und wird somit zu etwas Außergewöhnlichem, das hervorgehoben werden muss. »Diese unumgehbare Verbindung von Tätigkeit und Körper bekommt man als Frau* […] früh gespiegelt«, schreibt die Musikerin Elinor in ihrem Textbeitrag.

Was ist Punk eigentlich? Vor allem scheint es immer noch ein Raum zu sein, dem anzumerken ist, dass er über Jahrzehnte von Männern dominiert und folglich mit vielen Stereotypen verknüpft wurde. Wie kann es auch anders sein, wenn die Hürden des Musikmachens für weiblich sozialisierte Personen so viel größer sind als für männlich sozialisierte? Für die Autor*innen ist es an der Zeit, den Begriff neu zu definieren und zu erweitern, damit mehr Menschen darin Platz finden und sich wohl fühlen können.

Kritisiert wird unter anderem auch, dass mit diesem Kampf eine Reproduktion der klassischen Geschlechterverhältnisse erfolgt, indem er überwiegend von FLTIQ-Personen ausgetragen wird. Aisha Franz kommentiert: »Am Ende bin ich immer in meiner zugeschriebenen weiblichen* Rolle, die die minimale (emotionale/empathische) sensibilisierende Aufklärungsarbeit zu verrichten hat, letztendlich aber den negativen Stempel der dogmatischen Radikalität aufgedrückt bekommt.«

»Our Piece of Punk« hat großes Potenzial, dass die Lesenden sich darin verlieren und erst nach mehreren Stunden, begleitet von Wutausbrüchen und Wehmut, wieder auftauchen. Spannend sind dabei die unterschiedlichen Perspektiven auf den Zustand der szeneinternen Geschlechterrollen und die Definition einer emanzipatorischen Praxis. Das Ziel, FLTIQ-Personen dazu zu motivieren, die Bühnen zu erobern, verfehlt es dabei nicht. Wer vorher noch nicht über eine eigene Band nachgedacht hat, wird es nach diesem Buch in Erwägung ziehen.

 

Theresa Weck

Anarchismus weltweit
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