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Transnational ist besser - Stand und Perspektiven des Syndikalismus

Es gibt eine neue "Internationale": die Internationale ArbeiterInnen-Konföderation (IAK), ein Verbund syndikalistischer Gewerkschaften. Was ist ihr Sinn und Zweck? Holger Marcks plädiert anlässlich der Gründung für eine neue libertäre Verortung von Lohnabhängigen im transnationalisierten Gegenwartskapitalismus, und er tritt für einen neuen Syndikalismus ein.

von Holger Marcks

Der Syndikalismus erlebt ein kleines Revival. Wie der Historiker Marcel van der Linden unlängst feststellte, setzen Gewerkschaften horizontalen und revolutionären Typs derzeit »vorsichtige« Akzente. Als ein Beispiel erfolgreicher Organisierung nennt er die FAU (Freie ArbeiterInnen-Union) in Berlin. Diese Lokalorganisation hat sich in den letzten zehn Jahren zu einer florierenden Basisgewerkschaft mit über 500 Mitgliedern entwickelt. Sie knüpft damit an den Mitgliederstand ihrer Vorläuferorganisation, der Berliner FAUD, vor ihrem Gang in den Untergrund 1933 an. Mediale Aufmerksamkeit haben ihr etwa der Tarifkampf prekärer KinoarbeiterInnen im Berliner Babylon Mitte, der Arbeitskampf rumänischer Bauarbeiter rund um die »Mall of Shame« oder die Organisierung von Essensausliefernden im Rahmen der DeliverUnion-Kampagne eingebracht. Auch andernorts in Deutschland wachsen syndikalistische Pflänzchen, etwa in Form der Gefangengewerkschaft GG/BO oder der alternativen Hochschulgewerkschaft unter_bau in Frankfurt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in anderen Ländern: Die polnische IP ist eine wichtige Kraft der Kämpfe bei Amazon und treibt auch die internationale Vernetzung beim Konzern voran. Die SAC in Schweden und die CNT in Frankreich organisieren schon lange erfolgreich Reinigungskräfte, die stark migrantisch zusammengesetzt sind. In den USA entfalten die IWW bemerkenswerte Aktivitäten in der Gefängnisindustrie und im Fast-Food-Bereich. Die UVW in England hat sich vor allem auf migrantische ArbeiterInnen spezialisiert und mit dem Insourcing der Reinigungskräfte an einer Londoner Universität neulich einen geradezu historischen Erfolg erzielt. In Spanien wiederum war der Syndikalismus – abgesehen von der Franco-Ära – niemals richtig weg. Dort gibt es nicht nur die CNT mit ihren für deutsche Verhältnisse immer noch beeindruckenden 10.000 Mitgliedern, sondern auch die CGT, die ebenfalls aus der historischen CNT der Spanischen Revolution erwachsen ist. Mit ihren rund 80.000 Mitgliedern ist sie die drittgrößte Gewerkschaft des Landes. Dazu kommen zahlreiche Basisgewerkschaften in Spanien (etwa SAT), Frankreich (SUD) oder Italien (Cobas), die mit dem Syndikalismus zumindest verwandt sind.

Jetzt hat sich ein Teil der syndikalistischen Organisationen Mitte Mai zu einer neuen Internationale zusammengeschlossen. Die im italienischen Parma ins Leben gerufene Internationale ArbeiterInnen-Konföderation (IAK) vereinigt zunächst die CNT (Spanien), USI (Italien), FAU (Deutschland), FORA (Argentinien), ESE (Griechenland), IWW (Nordamerika) und IP (Polen). Wie sich andere syndikalistische Organisationen dazu verhalten werden, bleibt abzuwarten. Zurückhaltung wäre verständlich, hat der jüngere Syndikalismus auf der internationalen Bühne doch ein Trauerspiel dargeboten. Die einst Millionen Mitglieder starke IAA (Internationale Arbeiter-Assoziation) von 1922 war schon länger in der Bedeutungslosigkeit versunken. Mikroskopisch kleine Landessektionen verursachten zuletzt mit sektiererischen Possen interne Kleinkriege, so dass die relativ großen Sektionen genervt das Feld räumten. Mit der IAK versuchen diese nun einen Neuanfang.

 

Warum die soundsovielte Internationale?

Die Geschichte beginnt bei der Ersten Internationale (1864–1877), in deren Schoß der Anarchismus als Massenbewegung entstand. Die frühen AnarchistInnen verteidigten dort die Organisationsform föderaler Arbeiterassoziationen (Gewerkschaften) gegen das von Karl Marx lancierte Modell zentralistischer Parteien. Diese Organisationsfrage war zugleich eine der revolutionären Strategien. Während die MarxistInnen auf die Eroberung der staatlichen Macht abzielten, wollten die AnarchistInnen den Staat aufgehoben sehen, durch einen »universellen Zusammenschluss freier landwirtschaftlicher und industrielle Vereinigungen«. Dieses Konzept setzte also auf revolutionäre Gewerkschaften und wurde später bekannt als Syndikalismus. Nicht nur führte der Konflikt zu Spaltung und Niedergang der Internationale, er begründete auch unterschiedliche nationale Traditionen in der Arbeiterbewegung. In den romanischsprachigen Ländern etwa prägte der Syndikalismus die Bewegung maßgeblich. Der Marxismus fasste hier häufig erst nach der Oktoberrevolution von 1917 Fuß.

Der Konflikt zwischen »mittelmeerischem Denken« und »deutscher Ideologie« (Albert Camus) führte denn auch zu nationalistischen Querelen innerhalb der Arbeiterbewegung. Bereits 1870/71, anlässlich des Deutsch-Französischen Kriegs, hatten Marx und Friedrich Engels zum Ausdruck gebracht, dass sie einen Sieg Preußens gutheißen würden, weil dies ein Übergewicht der deutschen über die französische Arbeiterbewegung bringen würde. Derlei Chauvinismus setzte sich auch in der (sozialistischen) Zweiten Internationale (1889–1914) fort, wo sich die SyndikalistInnen der französischen CGT mit marxistischen Organisationen zusammengeschlossen hatten. Letztere arbeiteten dort erneut schulmeisterlich an der Hegemonialisierung des Parteienmodells. Dies schuf bis 1914 derart tiefe Gräben, dass ein gemeinsames Handeln in der Stunde des Krieges unmöglich war.

Als besonders strittig erwies sich die Arbeitsteilung zwischen Partei und Gewerkschaft. Marx’ Vorstellung vom parteipolitischen Primat reduzierte die Gewerkschaften, von Engels noch als »eigentliche Arbeiterbewegung« bezeichnet, auf betriebliche Belange und entpolitisierte sie so. Der Syndikalismus hingegen sah in ihnen die natürliche »Partei der Arbeit« (Émile Pouget), die den Kampf um alltägliche Verbesserungen und revolutionäre Veränderungen zugleich organisieren sollte. Die bolschewistische Oktoberrevolution verbreitete das parteipolitische Primat weiter. In der (kommunistischen) Dritten Internationale (1919–1943) galten die Gewerkschaften als »Transmissionsriemen« marxistischer Parteien, die wiederum dem Einfluss Moskaus unterlagen. Dieser weiteren Instrumentalisierung der Gewerkschaften versuchten die SyndikalistInnen wieder eine Internationale entgegenzusetzen. Die 1922 in Berlin gegründete IAA gab sich nicht zufällig denselben Namen wie die Erste Internationale.

Jedoch fanden sich die IAA-Organisationen von autoritären Entwicklungen umgeben, die sie in die Defensive drängten. Der Spanische Bürgerkrieg ab 1936 band schließlich alle Kapazitäten, die Niederlage der anarchistischen CNT 1939 ließ sie in der Bedeutungslosigkeit versinken. Zwar gab es mit deren Wiedergründung 1976 einen Hoffnungsschimmer, doch war die IAA spätestens mit dem Ausscheiden der SAC in den 1950ern vollends marginalisiert. In ihrer Verzweiflung nahm sie zunehmend Kleinstsektionen auf, die fern von jeder gewerkschaftlichen Praxis waren. Für eine Bewegung, deren Theorie eigentlich »das Resultat einer langen Praxis [war], die durch die Verhältnisse geschaffen wurde« (Victor Griffuelhes), konnte das nur Gift sein. Dogmatische Positionen hielten zunehmend Einzug, die mit den Realitäten und pragmatischen Bedürfnissen größerer Organisationen schwer vereinbar waren. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis sich die IAA zerlegte.

 

Weg vom methodologischen Nationalismus

Die Bilanz des Arbeiter-Internationalismus ist nicht gerade rosig. Die Internationalen waren oft Kampfplätze von ideologischen Hoheitsansprüchen, in denen man sich mehr belagerte als einander half. Das gilt auch für Beziehungen innerhalb des Anarchismus. Gerade das Drama der IAA zeigt, was falsch laufen kann im Internationalismus. Waren die frühen AnarchistInnen noch für einen Pluralismus von Taktiken eingetreten, machte sich in der jüngsten IAA selbst ein verkappter Zentralismus breit. Sie untersagte den Sektionen zunehmend dieses oder jenes. So wurde ein Korsett angeblich notwendiger Prinzipien geschaffen. Die neue IAK muss sich daran messen lassen, ob sie ihren Sektionen wieder das Vertrauen gibt, in der Praxis experimentieren zu können, um erneut »Schule der Revolution« (Pouget) zu sein. Wie Camus einst herausstelle, war es ja einst die Stärke des Syndikalismus, dass er sich an konkreten Möglichkeiten und nicht abstrakten Notwendigkeiten orientierte.

Grundsätzlicher stellt sich aber die Frage, inwiefern eine internationale Praxis überhaupt durchschlagen kann. Auch in der ruhmreichen Ersten Internationale waren die Kämpfe vor allem lokale. Internationale Aktivitäten waren vorwiegend defensiver Art, etwa wenn Repressionen finanzielle Hilfe oder Zuflucht im Exil nötig machten. Daneben ermöglichten Netzwerke zwar wichtige Erfahrungsvermittlung, doch wurde dies auch konterkariert durch Fraktionsbildungen, bei denen man sich nicht mehr zuhörte. Ähnliches gilt für die Folge-IAA, deren internationale Aktivitäten vor allem im Abwehrkampf gegen den Faschismus stattfanden. Zwar hatte sie zuletzt einige Soli-Aktionen bei Arbeitskämpfen von Schwestergewerkschaften aufzuweisen, doch waren diese meist symbolischer Art. Auch ein Blick auf die heutige Sozialistische Internationale (SI) oder den Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) zeigt, dass sich ihre Mitglieder zwar aufeinander beziehen, aber auf internationaler Ebene kaum gemeinsam handeln. Kann eine syndikalistische Internationale also mehr als ein Wasserkopf sein, mit dem man sich zwar die internationalistische Gesinnung beweist, der praktisch aber wenig bringt?

Die Frage mag verwundern, sind doch heute internationale Arbeitskämpfe nötiger und möglicher denn je. Die Erste Internationale hatte jedenfalls kaum Gelegenheit, entlang der globalen Konzerne und Produktionsketten zu operieren, die den Gegenwartskapitalismus ausmachen. Und doch sind solche Kämpfe eine Rarität. Mehr noch: Trotz der berüchtigten Funktionsweise des Kapitals, die Arbeiterschaften verschiedener ‚Standorte‘ gegeneinander auszuspielen, setzen die Gewerkschaften dem nicht nur nichts entgegen, sondern stabilisieren diese Konkurrenz sogar. Bereits Ende der 1980er hatten die Ökonomen Lars Calmfors und John Driffill dargelegt, dass landesweite Gewerkschaften zwar durch koordinierte Verhandlungen die Binnenkonkurrenz der Arbeiterschaft überwinden konnten, die darin bestand, dass man den eigenen Betrieb im Produktwettbewerb nicht schaden und damit seinen Arbeitsplatz riskieren wollte. Doch mit den landesweiten Gewerkschaften war die Konkurrenz nun auf die internationale Ebene verschoben worden, weil diese nun den volkswirtschaftlichen Wettbewerb berücksichtigen und aus Angst vor Massenentlassungen Zurückhaltung üben würde. Die Gewerkschaften, so das niederschmetternde Urteil, simulierten so die Machtlosigkeit einer unorganisierten Arbeiterschaft.

Offenbar ist die Arbeiterbewegung in einem »methodologischen Nationalismus« (nach Ulrich Beck) gefangen, der sie das Denken in nationalen Kategorien reproduzieren lässt. Die Vermutung liegt nahe, dass dies in ihren Organisationsformen begründet liegt, die den Nationalstaat weiter als Entität politischer Vergesellschaftung nutzen. Strukturen wirken ja immer handlungsleitend und kanalisieren Interaktionsprozesse; und zugleich befördern sie eine bestimmte Organisationsräson und Identität. Mehrere Internationalen haben das gezeigt: Allem internationalistischen Getöse zum Trotz verliefen ihre Konfliktlinien und Handlungsgrenzen entlang nationaler Einkerbungen. Hingegen ist bezeichnend, dass internationale Arbeitskämpfe noch am ehesten von Gewerkschaften geführt wurden, die von Grund auf länderübergreifend verfasst waren, wie etwa die alte Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF). Solche Strukturen vermitteln nicht einfach zwischen nationalen Entitäten (daher: Internationalismus), sie bewegen sich über ihnen. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Transnationalismus die angemessene Form für eine Arbeiterbewegung wäre, die über die nationale Handlungsebene auch wirklich hinaus will.

Die IAK hat den richtigen Riecher, wenn sie beabsichtigt, länderübergreifende Branchengewerkschaften aufzubauen. Solchen Strukturen, die simultanes Organizing, koordinierte Kämpfe und einheitliche Kollektivverträge in transnationalen Unternehmen ermöglichen, sind überfällig. Jedoch kann es sein, dass ihre internationale, das heißt methodologisch-nationalistische Konstitution bereits Pfadabhängigkeiten geschaffen hat, die den Aufbau transnationaler Strukturen erschweren. Womöglich hat sie eine Gelegenheit verpasst, als sie sich nicht unmittelbar als Transnationale konstituierte. Es bleibt der Fantasie überlassen, welch Signal eine mutige Erneuerung bedeutet hätte, bei der die nationalen Gewerkschaften in einer neuartigen Organisation aufgegangen wären. Zumindest innerhalb der EU, eines wirtschaftlich-administrativ verflochtenen Nationenkomplexes, sind nationale Gewerkschaften (und auch Parteien) so anachronistisch wie eine saarländische Fußballnationalmannschaft. Nicht auszuschließen, dass der Syndikalismus, hätte er solch eine Vorreiterrolle in der Modernisierung der Arbeiterbewegung eingenommen, einen Quantensprung vollzogen hätte – so wie einst die Erste Internationale von null auf hundert schnellte.

 

Syndikalismus und antiautoritäre Linke

Der Syndikalismus ist mehr als nur eine Spielart des Anarchismus. Ohne ihn wären anarchistische Ideen längst vergessen. Es waren die (proto-)syndikalistischen Ansätze in der Ersten Internationale, die den Anarchismus zu einer bedeutenden Bewegung machten, und es waren die verschiedenen syndikalistischen Wellen, auf denen er ritt, als er Massen bewegte oder gar Revolutionen machte. Als wichtigste Tradition des »Massenanarchismus« (Lucien van der Walt & Michael Schmidt) war er es, mit dem antiautoritäre Kräfte überhaupt Zugriff auf soziale Kämpfe erhielten. Nach dem Zerfall der Ersten Internationale in den 1870er Jahren ging der Anarchismus erst einmal weg vom gewerkschaftlichen Ansatz und praktizierte mit der »Propaganda der Tat« eine militante Strategie und lose Organisationsweisen – sich gesellschaftlich damit isolierend. Erst mit der Rückbesinnung auf die Erste Internationale und dem dann explizit gewordenen Syndikalismus gelang es, angefangen im Frankreich der 1890er Jahre, wieder zu einer treibenden Kraft zu werden. Syndikalistische Massenorganisationen gab es von da an bis in die 1930er Jahre. Und wenn es heute überhaupt noch nennenswerte anarchistische Organisationen gibt, dann sind sie in der Regel syndikalistisch.

Nehmen wir als Beispiel Deutschland. Trotz aller Parolen, der Anarchismus sei nicht totzukriegen, ist er seit dem Zweiten Weltkrieg eben doch gesellschaftlich recht fruchtlos. Daran kann weder das geschichtsklitternde Aufblähen der antiautoritären Achtundsechziger etwas ändern noch die Ausdehnung des Anarchismus-Begriffs auf informelle Lebensformen. Der Neo-Anarchismus ist, wie die radikale Linke insgesamt, seit Jahrzehnten eine jugendkulturelle Veranstaltung bildungsbürgerlicher Abkömmlinge, die in Nischen überlebt und kaum praktischen Bezug zur (arbeitenden) Masse hat. Das galt und gilt teilweise auch für die FAU, die ab ihrer Gründung 1977 trotz gewerkschaftlichen Etiketts eher neo-anarchistisch geprägt war. Subkulturelles Gehabe, informelle Organisationsformen und die Verweigerung jeglicher Praxen, bei denen man mit dem »System« interagieren muss, ließen sie kaum Gewerkschaftsarbeit entfalten. Entsprechend bestand sie aus typischen kleinen Szenegruppen. Erst Ende der 2000er Jahre setzte ein Wandel ein, angefangen in Berlin, als man sich auf den syndikalistischen Kern besann. Ein Bruch mit Szenepraxen, der Aufbau formalerer Strukturen und die Bereitschaft, mit den institutionellen Realitäten umzugehen (etwa durch Pressearbeit, Tarifpolitik, Gerichtsprozesse), ermöglichten dann zunehmend echte Kämpfe und stetiges Wachstum.

Indes versuchen weitere Teile der Linken nachzuholen, was die FAU vor zehn Jahren begonnen hat: eine »neue Klassenpolitik«, wie eine aktuelle Debatte lautet. Unzufrieden mit mangelnder Resonanz- und Anschlussfähigkeit werden Organisationsformen diskutiert, die einen Weg aus der Echokammer weisen können, etwa MieterInnen- oder Stadtteilorganisationen. Zugleich lässt sich seit einigen Jahren eine internationale Trendverschiebung in der linken Theoriebildung feststellen, bei der MarxistInnen zunehmend horizontale Organisationsformen anpreisen, die als »reale Utopien« (Erik Olin Wright) soziale Transformation erlauben. Die Linke vollzieht damit unbewusst – auch wenn es verdeckt oder gar verdrängt wird (wie im Falle von Antonio Negri und Michael Hardt) – eine Syndikalisierung. Denn der Ansatz, die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufzubauen, durch Organisationsformen, die Staat und Kapital von unten aushebeln können, ist genau das, was Anarchismus und Syndikalismus ursprünglich vom Marxismus abgrenzte – schon in der Ersten Internationale, die sich an der Organisationsfrage spaltete.

Entgegen des Vorurteils, der Syndikalismus sei unzulänglich, weil er nur auf Betriebe fokussiere und um kommunalistische Strukturen ergänzt werden müsse, schloss er in seiner Hochphase durchaus solche Strukturen ein, etwa Mieter- und Erwerbslosenhilfe, Konsumgenossenschaften sowie Bildungs- und Kulturvereine. Insofern deutete er tatsächlich ein umfassendes Modell gesellschaftlicher Reorganisation an. Es wäre Aufgabe eines modernen Syndikalismus, dieses Modell deutlicher auszuprägen. Dabei könnte gerade die Kombination von Interessen- und Selbstverwaltungsstrukturen das ausgestalten, was in der späten FAUD als »konstruktiver Sozialismus« eingefordert wurde: eine Strategie, die nicht auf radikalen Ordnungsbruch abzielt, sondern den Aufbau sozialer Beziehungen, welche die staatlichen und kapitalistischen Strukturen überschreiben. Derartige Transformationspolitik wäre eine glaubwürdige Vision für die antiautoritäre Linke in einer Zeit, wo revolutionärer Eifer als destruktiv oder blauäugig gilt, zugleich aber die Unzufriedenheit mit etablierter Reformpolitik omnipräsent ist. Sie stünde für ein revolutionäres Taktgefühl, das zwischen utopischen Ansprüchen und Lebensrealitäten vermitteln kann.

Die FAU Berlin hat mit der Gründung einer Wirtschaftsföderation von Kollektivbetrieben, welche die Gewerkschaftsföderation ergänzt, einen ersten Schritt getan. Der nächste könnte sein, dies zu einer Konföderation auszubauen, die eine Mietergewerkschaft und ein Mietshäusersyndikat einschließt (nebst Konsum- und Ämterorganisationen). Mietergewerkschaften sind ohnehin eine historisch überfällige Struktur, die eine Arbeitergewerkschaft überhaupt erst komplettieren würde. Denn was nutzen höhere Löhne, wenn gleichzeitig die Miete steigt? Gleichzeitig würden sie helfen, jene ArbeiterInnen sozialräumlich anzubinden, die über betriebliches Organizing nicht zu erreichen sind (etwa Hausfrauen, Freelancer, Erwerbslose) – und so zur Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit beitragen.

Eine solche synergetische Perspektive, die an den Verhältnissen des Kapitalismus ansetzt und Alternativen aus ihnen heraus entwickelt – womit sich ja auch MarxistInnen identifizieren dürften –, hat denn auch das Potential, die soziale Basis herzustellen, die für transnationale Kämpfe nötig ist. Denn auch und gerade transnationale Organisationsstrukturen brauchen eine Menge Mitglieder. Und die lassen sich nur lokal gewinnen.

 

 

Holger Marcks lebt in Berlin und Frankfurt am Main. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt, außerdem Mitglied der FAU Berlin sowie von unter_bau.

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