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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 368 | Bioökonomie Christiane Grefe: Global Gardening

Christiane Grefe: Global Gardening

„Und jetzt ist die Bioökonomie wieder da“, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Christiane Grefe zu Beginn ihres Buches "Global Gardening. Bioökonomie – neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?". Sie kenne das Konzept aus den 1980er Jahren.

Damals, so Grefe, hatten Ökonomen aus den USA mit dem Begriff „eine Wirtschaftsweise beschrieben, die sich auf der Grundlage der Sonnenenergie in ökologische Grenzen fügen und vom permanenten Wachstumszwang befreien sollte. Das bedeutete, die ökonomischen Entscheidungen an den unausweichlichen Rahmen der Naturgesetze zu binden und nach sozial bereichernden Möglichkeiten in der Selbstbegrenzung zu suchen.“ Als sie 2010 wieder über den Begriff stolperte und „kaum wieder[erkannte]“, wollte die Politikwissenschaftlerin, die bereits einige Bücher zu Problemen in der Landwirtschaft und Ernährungsindustrie auf den Büchermarkt brachte, der Sache auf den Grund gehen. Was verbirgt sich hinter der „neuen“ Bioökonomie? Wo stecken noch Anleihen der „alten“ Konzepte aus den 1980er Jahren?

Grefe führt die LeserInnenschaft durch Forschungslabore und Start-up Unternehmen rund um den Globus. Sie schafft es, deren biotechnologische Methoden verständlich zu erklären, mit denen Enzyme und Genome so verändert werden sollen, dass sie Stoffe produzieren, die bei einer Gewinnung aus Naturressourcen als klimaschädlich gelten: Es geht um Ersatzstoffe für fossile Komponenten im Plastik, CO2-Schlucker, Algen als Energielieferanten und Designerfood (Lebensmittel aus dem Labor), und darum die Gesundheitskosten einer übersättigten (mitteleuropäischen) Gesellschaft nicht explodieren zu lassen. Obwohl Grefe stets betont, dass es durchaus positive Innovationen gibt, macht sie deutlich, dass die vielfältigen Sektoren der Bioökonomie auf datenbasierte Technologie setzen und die klare Ausrichtung aufs Geschäft erhalten bleibt. Für den Agrarsektor beschreibt sie die Kombination von Biotechnologie und Big Data. Es wird klar: Sowohl in Laboren als auch auf Feldern wird an der zukünftigen Produktion von Organismen, Lebensmitteln und biobasierten Energielieferanten auf Hochtouren geforscht. Und zum Sprung in die Probephase und Anwendung haben viele Unternehmen und Konsortien längst abgehoben.

Ein zentrales Problem, das Grefe in ihrem Buch benennt, ist die mangelnde Präsenz dieser Entwicklungen in der Öffentlichkeit. Grefe problematisiert beispielhaft die fehlende Debatte zur Rolle des Genom Editings und den mit neuen Methoden hergestellten, genveränderten Mikroben und Pflanzen, die auf leichtem Weg an den Zulassungsbehörden vorbei durch die Hintertür auf den europäischen Markt gelangen könnten. Sie lässt KritikerInnen und BefürworterInnen in erhellenden Streitgesprächen und mit Wortwitz geschriebenen Wissenschaftstexten zu Wort kommen.

Ein Kapitel widmet sie der Rolle der Bioökonomie in entwicklungspolitischen Programmen und in Ländern des Globalen Südens. Auch eine auf gesellschaftliche Teilhabe setzende „Bioökonomie von unten“ wird thematisiert, die sie in Projekten solidarischer Landwirtschaft sieht. Im Fokus steht für sie dabei die agrarökologische und sozial verträgliche Nutzung von natürlichen Ressourcen vor allem für die Lebensmittelproduktion. Grefe plädiert dafür, über die Bioökonomie öffentlich zu streiten und damit die Chance wahrzunehmen, bioökonomische Praxis in eine weniger herrschaftsförmige Ausrichtung zu bewegen.

Eine politökonomische Analyse findet man in dem Buch nicht. Grefe erhebt hierauf keinen Anspruch. Die Stärke des Buches ist eher Begriffe wie „Innovation“ und „Technologie“ in ihrer dominanten Lesart in Frage zu stellen und Missverhältnisse zu benennen. So zeigt Grefe, wie einseitig Forschungsförderung von Biotech bei gleichzeitig schrumpfenden Fördertöpfen für die Agrarökologie ausfällt. Ob Monsanto oder Shell, Novartis oder weniger bekannte Erdöl- und agroindustrielle Konsortien – sie alle mischen in Forschung und Entwicklung kräftig mit oder kassieren staatliche Gelder. Als politisches Plädoyer setzt Christiane Grefe auf den Bürger und die Zivilgesellschaft und appelliert etwa an Postwachstums-AktivistInnen oder VertreterInnen der Solidarischen Landwirtschaft, ihr Engagement auch in Parlamente und Normungsausschüsse zu tragen, um die politischen Rahmenbedingungen zu verändern. Ob sie für eine neue grüne Partei plädiert und wie sie das Verhältnis zwischen Sozialen Bewegungen und staatlichen Institutionen fasst, wird allerdings nicht klar.

von Rosa Lehmann

 

Christiane Grefe: Global Gardening. Bioökonomie – neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Verlag Antje Kunstmann, München 2016, 320 Seiten, 22,95 Euro.

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