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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 368 | Bioökonomie Stephan Grigat (Hg.): Iran, Israel, Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm

Stephan Grigat (Hg.): Iran, Israel, Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm

Der von Stephan Grigat herausgegebene Sammelband soll einen umfassenden Überblick über die Beziehungen zwischen Iran, Israel und Deutschland geben, ohne in die im Diskurs üblichen Verallgemeinerungen zu verfallen. Rezension von Till Schmidt.

Zwischen Opportunismus und Antisemitismus

In Deutschland ist die Wahrnehmung des iranischen Regimes trotz punktueller Kritik an Menschenrechtsverletzungen von Verharmlosung und Personalisierung geprägt. Selten gerät das Regime umfassend in den Blick. Die Holocaustleugnung etwa wird häufig lediglich sogenannten »Hardlinern« wie dem ehemaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zugeschrieben, der dem Regime immanente eliminatorische Antizionismus aber ausgeblendet. So lautet einer von Stephan Grigats Kritikpunkten an dem in Deutschland vorherrschendem Diskurs über den Iran. Als Gegengewicht hierzu versteht er die 13 Beiträge des von ihm herausgegebenen Sammelbandes Iran, Israel, Deutschland.

Ein Teil der Beiträge setzt sich kritisch mit dem 2015 geschlossenen Atomdeal und seiner Rezeption in Deutschland auseinander. Emily B. Landau, eine Sicherheitsexpertin der Tel Aviv University, analysiert die israelischen Reaktionen auf den Atomdeal und das iranische Nuklearprogramm seit 1990. Damals kam Israel aufgrund von Geheimdienstinformationen zu dem Schluss, dass die Islamische Republik an einem militärischen Atomprogramm arbeitet. Hervorzuheben ist Landaus Analyse der Positionen der israelischen Premierminister Ariel Sharon, Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu zur nuklearen Bedrohung durch den Iran. In deutschen Medien, wo die Dämonisierung Israels, haltlose Bellizismus-Vorwürfe und ein mangelndes Interesse an innerisraelischen Debatten stark verbreitet sind, liest man eine solche Analyse selten.

Matthias Küntzel wirft einen Blick auf die deutsche Rolle bei den Atomverhandlungen. Berlin verfolgt ihm zufolge seit Jahren einen janusköpfigen Kurs: Einerseits will Deutschland mit dem Iran besondere Beziehungen unterhalten, für das es sogar das Risiko der iranischen Bombe in Kauf nimmt; andererseits aber auch besondere Beziehungen mit Israel, wie sie etwa Angela Merkel in ihrer berühmten Knesset-Rede hervorgehoben hatte, in der sie Israels Sicherheit als Teil der deutschen Staatsräson bezeichnete. »Früher oder später wird sich Deutschland […] entscheiden müssen«, schreibt Küntzel. »Entweder es verbündet sich mit Israel und den anderen Nationen des Westens, um die totalitäre Bewegung des Islamismus, einschließlich Teheran, in seine Schranken zu weisen. Oder es bleibt bei seiner ‚historisch gewachsenen strategischen Präferenz‘ und befördert den Aufstieg Irans zur Regional- und Atommacht, um davon zu profitieren.«

Den iranischen Einfluss in Deutschland thematisiert Ulrike Becker. So ist das Regime etwa in Form des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) nicht nur in die Organisation der antisemitischen Al-Quds-Märsche in Berlin involviert, sondern kann durch einen Staatsvertrag mit der Stadt Hamburg sogar Einfluss auf islamischen Religionsunterricht nehmen. Deutschland ist seit langem einer der wichtigsten Handelspartner des Iran – und soll es in Zukunft wohl auch bleiben.

Zur Förderung der ökonomischen Beziehungen reiste der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nur wenige Tage nach der Unterzeichnung des Atomdeals als erster westlicher Spitzenpolitiker in den Iran. Mit schnellen Effekten: Mitte März 2017 verkündete die Deutsch-Iranische Handelskammer einen Anstieg der deutschen Exporte in den Iran im ersten Quartal des Jahres um 41,3 Prozent. Nach wie vor gebe es, argumentiert Becker, keinen Beleg, dass ein über wirtschaftliche Beziehungen vermittelter Dialog, wie er von deutschen PolitikerInnen propagiert wird, zur Mäßigung des Regimes führt – weder in Fragen der Menschenrechte, der Unterstützung von Terrorgruppen im Ausland noch der Vernichtungsdrohungen gegen Israel.

Auf die Destabilisierung der Region durch das iranische Regime geht Thomas von der Osten-Sacken ein. Die westliche Syrienpolitik habe den Ausbau von Irans Position als Regionalmacht mit ermöglicht und letztlich auch zu dazu beigetragen, dass so viele SyrerInnen vor der Waffengewalt des Assad-Regimes und seiner Verbündeten in Moskau und Teheran fliehen mussten. Sama Maanis Essay beschäftigt sich kritisch mit dem Begriff »Islamophobie« und dem Problem der »vollen Identifizierung« von Individuen aus bestimmten Ländern oder Regionen mit dem Islam. Jörn Schulz diskutiert, inwieweit das iranische Regime und auch der sunnitische Islamismus als »islamfaschistisch« charakterisiert werden können.

In ihrem autobiographischen Essay gibt Roya Hakakian pointierte Einblicke in Geschichte und Gegenwart der Jüdinnen und Juden im Iran. »Die Juden, die während ihres Lebens im Iran nach Anonymität trachteten, sterben nun in Anonymität aus. Khomeini, Ahmadinejad, Rafsandjani, Rohani, Ali Khamenei und all die anderen mögen es nicht geschafft haben, Israel von der Landkarte zu tilgen, ihre Revolution hat aber sicherlich die jüdische Gemeinde nahezu von der Karte des Iran gelöscht«, schreibt Hakakian. »Nach westlichen Maßstäben sind die iranischen Juden eine bedrohte Spezies. Mit dem Unterschied zu anderen ‚bedrohten Völkern‘, dass Autoaufkleber oder Anstecker am Revers zur Erinnerung an ihr Schicksal nirgends zu sehen sind.« So ende eine fast 3.000-jährige Geschichte in aller Stille. Von den etwa 90.000 Juden, die seit 1979 emigrierten, wanderte wahrscheinlich die Hälfte nach Israel aus, andere, so wie Hakakian, in die USA.

Einen Kritikpunkt gibt es an dem Sammelband: Für die Sicherheitslage Israels macht es zwar keinen Unterschied, ob der Verharmlosung des iranischen Regimes antisemitische Motive oder schlicht Opportunismus zugrunde liegen. Doch hätte die in der Einleitung gestellte Frage, inwiefern die deutsche Iran-Politik durch Antisemitismus und Nationalsozialismus beeinflusst ist, pointierter und systematischer diskutiert werden können. Einer Empfehlung, Grigats Sammelband zu lesen, tut diese Kritik jedoch keinen Abbruch.

Till Schmidt

Stephan Grigat (Hg.): Iran, Israel, Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm. Hentrich & Hentrich. Berlin 2017. 252 Seiten, 24,90 Euro.

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