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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 369 | Friedensprozesse Noam Chomsky, C.J. Polychroniou: Zuversicht in Zeiten des Zerfalls

Noam Chomsky, C.J. Polychroniou: Zuversicht in Zeiten des Zerfalls

Zuversicht in Zeiten des Zerfalls lautet der Titel eines Buches, das auf einem Gespräch von C.J. Polychroniou mit Noam Chomsky beruht. Seit mehr als vierzig Jahren gilt der Linguist Chomsky als scharfsinniger Kritiker des Weltgeschehens, er zählt zu den bekanntesten US-amerikanischen Intellektuellen.

Die beiden unterhielten sich über zahlreiche Themen: Die US-Außen- und Innenpolitik der letzten Jahrzehnte und deren aktuelle Krisen, die Anti-Terror-Kriege und die Interventionen im Irak und Afghanistan unter Bush und Obama, die atomare Aufrüstung, die Klimakatastrophe, das verkorkste Gesundheitssystem und die Wahl von Donald Trump.

Chomskys Analysen zielen auf die Kerndoktrinen dominierender US-Politiken der letzten Jahrzehnte. Seine Einsichten in Missstände des politischen Systems werden von grundsätzlichen Debatten um Demokratie, Sozialismus und Herrschaftslosigkeit begleitet, in denen er Realpolitisches mit tiefgehenden Fragen nach der Würde des Menschen verbindet. Ein radikaler Wandel hin zu einer freieren, rational handelnden Gesellschaft ist für Chomsky längst zur Notwendigkeit geworden. In den Überlegungen, wie dieser Wandel ablaufen müsste, wird seine Sympathie für den Anarchosyndikalismus deutlich. Der Argumentation des russischen Anarchisten Michail Bakunin folgend, plädiert Chomsky dafür, »die Keime einer künftigen Gesellschaft innerhalb der existierenden auszusäen« und »die herrschenden Institutionen als die Wurzel der Probleme« anzupacken.

Der zuversichtlich klingende Titel kann angesichts der schonungslosen, gelegentlich apokalyptischen Darstellungen Chomsky falsche Erwartungen wecken. Die Frage, »warum wir trotz Terror, Trump und Turbokapitalismus optimistisch bleiben sollten«, beantwortet Chomsky erst im letzten Satz des Gesprächs: »Wir haben zwei Möglichkeiten: Wir können unserem Pessimismus freien Lauf lassen, uns geschlagen geben und selbst dazu beitragen, dass das Schlimmste eintreten wird. Oder wir sind optimistisch, nutzen die durchaus vorhandenen Chancen und tragen so möglicherweise dazu bei, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln. Viel Auswahl haben wir also nicht.« Auf alternative Projekte und Widerstandsbewegungen geht Chomsky nicht ein – es bleibt bei bereits bekannten, theoretischen Überlegungen über die »Macht der Regierten« und die »Wandelbarkeit des Systems«. Letztere klingen allerdings realitätsfern neben den nüchternen Analysen der globalen Entwicklungen in Sachen Klimawandel, Aufrüstung und Terrorismus.

Laut Chomsky liegen »zwei dunkle Schatten« über allen Betrachtungen: Die Umweltkatastrophe und Atomkriege. »Die reichsten und mächtigsten Gesellschaften mit einzigartigen Privilegien wie die USA und Kanada führen begeistert das Rennen an, an dessen Ende nur ein Sprung über die Klippen stehen kann. Sie tun das genaue Gegenteil dessen, was rationales Denken nahe legen würde – vorausgesetzt, wir ignorieren die aberwitzige Rationalität des ‚real existierenden Kapitalismus’.« Für Chomsky ist der Kapitalismus nicht per se zum Scheitern verdammt, die Ausformung, die er angenommen hat, allerdings schon. Ebenso sei »nicht die Menschheit und ihr Fortschritt der Grund für die Umweltzerstörung, sondern eine bestimmte sozioökonomische Entwicklung, die nicht unbedingt kapitalistisch sein muss.«

In einem eigenen Kapitel stellen Polychroniou und Chomsky den Regierungsstab Trumps vor und prognostizieren eine Richtung, in die sich US-amerikanische Politik bewegen könnte. Insbesondere bei Klimawandel und Atomkrieg ist diese für Chomsky klar: Es lauert der Abgrund. In Sachen Klimawandel setze die Welt ihre Hoffnungen auf Rettung seit der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 auf China. Und zur zukünftigen Linie der USA bei der Aufrüstung atomarer Waffen sei Trumps Kommentar auf Twitter aufschlussreich: »Die USA müssen ihr nukleares Potenzial massiv verstärken und ausweiten, bis die Welt in Sachen Kernwaffen zur Vernunft kommt.«

Isoliert sei die USA mit Trump allerdings nicht nur in Fragen globaler Erwärmung und der Aufrüstung nuklearer Waffen, sondern auch bei der »Unterstützung israelischer Verbrechen gegen Palästinenser und Araber« und im Streit um den Atom-Deal mit dem Iran. Die Isolation der USA gehe allerdings noch weiter: Lateinamerika, der »Hinterhof der USA«, habe sich längst unabhängig gemacht, und Trump sei derweil dabei, die zaghaften Annäherungsversuche Obamas Richtung Kuba wieder zu kappen. Für Chomsky deutet die Entwicklung auf die »Entstehung einer neuen Weltordnung« hin, in der die USA isolierter dastehen denn je.

Mit besonderer Intensität zieht Chomsky über Trumps Israel unterstützende Haltung her. Einmal mehr kritisiert er Israel für seine Siedlungspolitik im Westjordanland aufs schärfste. Dabei verharrt Chomsky in seiner einseitigen Sichtweise auf Israel als »Schurkenstaat«, für die er schon in der Vergangenheit oft kritisiert wurde. Seine Publikationen sind bekannt für provokative Analysen, insbesondere in Bezug auf die USA und Israel. KritikerInnen werfen ihm eine vereinfachte Welteinteilung in »gut« und »böse« vor. Chomsky nehme »den Verdammten der Erde« in seinen Analysen die Handlungsmacht, indem er ihre Handlungen als Reaktion auffasse, auf das, was der Westen und Israel ihnen seit Jahrzehnten antun.

Dennoch: Chomskys klare Einblicke in das Schlamassel unserer Zeit rütteln auf und desillusionieren. Sie machen Mut, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

 

Mischa Homlicher

 

Noam Chomsky, C.J. Polychroniou: Zuversicht in Zeiten des Zerfalls. Warum wir trotz Terror, Trump und Turbokapitalismus optimistisch bleiben sollten. Unrast-Verlag, Münster 2018. 216 Seiten, 16 Euro.

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