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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Doğan Akhanlı: Verhaftung in Granada

Doğan Akhanlı: Verhaftung in Granada

Viermal Haft für nichts

»Treibt die Türkei in die Diktatur?« Doğan Akhanlı stellt sich diese Frage im Untertitel seines Buches Verhaftung in Granada aus einer besonderen Perspektive. Am 19. August 2017 wird er in Granada von der spanischen Polizei verhaftet, weil die Türkei ihn über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben hat. Der in der Türkei aufgewachsene Autor, der seit 1992 in Köln lebt, erhält Unterstützung seitens fortschrittlicher Intellektueller in Spanien und Deutschland. Der Vorwurf, er sei vor vielen Jahren an einem Raubüberfall in der Türkei beteiligt gewesen, erweist sich als absurd. Bereits 2010 wurde er in der Türkei mit demselben Vorwurf verhaftet und wieder freigelassen. In den zwei Monaten, die Akhanlı bis zum Entscheid der spanischen Justiz 2017 festsitzt, schreibt er das vorliegende Buch.

Die Türkei wird seit vielen Jahren für ihre willkürliche politische Justiz kritisiert. Akhanlı wirft einen einmaligen Blick auf dieses Phänomen, weil er die Justiz des heutigen AKP-Staates mit den Willkürregimen Mitte der 1970er Jahre, Mitte der 1980er Jahre und 2010 vergleicht. In allen diesen Jahren machte er selbst Bekanntschaft mit der polizeilichen und juristischen Willkür der türkischen Regimes gegen Oppositionelle, die für ihn bis zur Folter reichte. Erstmals wurde er 1975 ins Gefängnis geworfen und misshandelt, weil er eine Zeitschrift mit einem roten Stern gekauft hatte. 1985 kam er als politischer Gefangener für zweieinhalb Jahre ins Istanbuler Militärgefängnis.

Die gesamte Geschichte der türkischen Republik ist für Akhanlı eine »Ansammlung von gewaltsamen Auseinandersetzungen«. Sie gipfelte etwa in der »Pornografie der Gewalt« im Militärgefängnis Diyarbakır der 1980er Jahre. Akhanlı stellt fest, dass die Exekutiv-Despoten des heutigen AKP-Regimes unter der früheren Militärdiktatur selbst Opfer staatlicher Gewalt waren. Warum ging die Gewalt dann weiter? Akhanlı sieht einen Grund darin, »dass das Land sich niemals der Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte gestellt hat.« Zusätzlich habe »die Gewalt in die politischen Strukturen jener Gruppen Einzug gehalten, die ihr ausgesetzt waren.« Hierzu wäre auch eine selbstkritische Betrachtung der linken und kurdischen Bewegung vonnöten, die jedoch ausbleibe.

Akhanlıs vergleichende Betrachtung dreier Willkürdekaden türkischer Justizgeschichte spielt auf verschiedenen Ebenen. Man kann von ihm viel übers Gefängnisleben und unterschiedliche Justizvollzugsregime lernen. Grässlich sind seine oft nur angedeuteten Berichte über die systematische Demütigung Andersdenkender im autoritären Regime.

Geradezu lustig lesen sich hingegen Akhanlıs Gespräche mit Polizisten, mit denen er manch nervenzerreibendes Herumwarten ausfüllte. Ein Polizist mit literarischen Ambitionen ist entzückt, einen gefangenen Schriftsteller übers Drehbuchschreiben ausfragen zu können. Er will einen Text darüber schreiben, »wie man uns bei der Terrorbekämpfung ausbeutet«. Akhanlı schreibt auch über einen Nachbarn und Polizisten, der sich 1982 während seiner Folterhaft für ihn einsetzte und anbot, sein Kind zu hüten. Aus dem Jahr 2010 berichtet Akhanlı von einem nationalistischen Polizisten, der stundenlang mit ihm über Politik diskutierte. Hierin sieht Akhanlı eine Hoffnung auf Verständigung, denn »in den Achtziger-, Neunzigerjahren wäre ein solches Gespräch nicht möglich gewesen. Und in der heutigen Türkei ist ein solches Gespräch wieder unmöglich geworden.«

Winfried Rust

 

Doğan Akhanlı: Verhaftung in Granada – oder: Treibt die Türkei in die Diktatur? Kiepenheuer und Witsch, Köln. 222 Seiten, 9,99 Euro.

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