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Gefängnisse und Strafsysteme

Editorial zum Themenschwerpunkt

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In Deutschland leben etwa 63.000 Menschen hinter Gittern. Das entspricht der Bevölkerung einer mittelgroßen Stadt – deren Zusammensetzung allerdings einen außergewöhnlich hohen »Ausländeranteil« hat. Die NGO Prison Insider schätzt die globale Gefängnisbevölkerung auf 10.350.000 Menschen. Obwohl es so viele sind, spricht kaum jemand von ihnen. Die Gesellschaften sind erleichtert, dass man Probleme im Gefängnis scheinbar wegschließen kann.

Für die Inhaftierten ist ein Aufenthalt im Gefängnis eine existenzielle Frage. Doch auch auf die Menschen draußen übt es einen starken Einfluss aus. Der Philosoph Michel Foucault nannte das Gefängnis eine »Schule der Gesellschaft« und beschrieb es als latentes, ultimatives Disziplinierungsmittel. So ist, wie Foucault in »Wahnsinn und Gesellschaft« schreibt, »die sichtbare Festung der Ordnung« inzwischen auch ein »Schloß in unserem Bewußtsein« geworden.

Im kollektiven Bewusstsein spukt das Gefängnis in unterschiedlicher Form umher. Wir haben den Themenschwerpunkt nicht von ungefähr mit Filmstills aus dem umfangreichen Genre »Gefängnisfilm« bebildert. Es gibt Spielfilme wie »Papillon«, die in sozialkritischer Absicht die Tristesse und Gewalt hinter den Gefängnismauern einfangen. Die immer auch im Unterbewusstsein herumspukende Freiheitssehnsucht spiegelt sich im Motiv der Gefängnisrevolte (etwa bei »Terror in Block 11«). Höhepunkt des Genres ist der Gefängnisausbruch, aufwändig durchgeführt etwa in »Flucht aus Alcatraz« oder slapstickhaft dargestellt in »Down by Law«. So marginal radikale Gefängniskritik heute auch sein mag, der gelungene Ausbruch aus der totalen Institution des Gefängnisses wird vom Publikum goutiert.

Der Gefängnisfilm legt noch weitere Sehnsüchte im Publikum frei. Lady Gaga verlegt sich im Musikvideo zu »Telephone« ins Frauengefängnis, um zu zeigen, was für ein subversiver Feger sie ist. Der Knast wird zur reinen Projektionsfläche, dort wird wilder getanzt als im Club. Die Beschränktheit solcher kulturindustrieller Phantasmen einmal beiseitegelassen, lässt sich festhalten: Das Aufmischen der gesetzten Kategorien von Gut und Böse, Drinnen und Draußen, Verbrechen und Wohlanständigkeit ist stets verdienstvoll.

Beim Thema Knast stellt sich die Frage nach dem Sinn. Der Knast barbarisiert die Gesellschaft, weil er einen Tabubruch vollzieht: Er setzt mit der Bewegungsfreiheit von Menschen ein fundamentales Menschenrecht aus. Das Knastleben macht in der Regel die InsassInnen zu schlechteren Menschen mit schlechteren Perspektiven. Das kann eigentlich niemand wollen. Folglich stießen wir bei unserer Recherche in der Unibibliothek auf eine Flut gefängniskritischer Literatur – selbst bis in die Regale der Juristik hinein. Die Treffer kamen vor allem aus den 1970er und 80er Jahren. »Freiheit statt Strafe« (1986) war in der sozialen Arbeit sowie in den Sozialwissenschaften ein weit verbreitetes Anliegen – aus den oben genannten Gründen. Aber dann brach die Trefferquote ein. Sowohl Knastkritik wie auch das Knastleben allgemein verschwanden in den 1990er Jahren wieder in ihrer Schattenwelt.

»Die Debatte um die Abschaffung der Knäste ist tot«, sagte uns dazu nicht ohne Bedauern ein langjähriger Aktivist des »Knastfunk« von Radio Dreyeckland. Die Knastkritik habe in vielen europäischen Ländern immerhin die Justizvollzugsreformen mit bewirkt. Heute hätten Felder wie Resozialisierung, Entkriminalisierung und Prävention einen höheren Stellenwert. Im Gespräch mit einem gefängniskritischen Sozialarbeiter kommen noch andere Aspekte zur Sprache: »Man muss schon ganz schön viel Scheiße bauen, um heute in Deutschland einzufahren« oder »ein paar von denen will ich draußen nicht begegnen«.

Gewiss, Straftaten lösen sich mit der Humanisierung oder gar Abschaffung von Knästen nicht in Wohlgefallen auf. Wenn es um Gewalt gegen Menschen geht, bedarf es schon weitergehender Mittel als freundlicher Ermahnungen. Doch im Falle vieler anderer Straftaten ist eine Entkriminalisierung absolut sinnvoll, etwa bei Drogengebrauch oder bei Ersatzfreiheitsstrafen für Schwarzfahren. Und auch die großen Freiheitsziele müssen immer wieder neu diskutiert werden. In den Artikeln und Rezensionen dieses Themenschwerpunktes spuken sie weiter umher, ebenso wie auf einer neuen Webseite, auf die wir gestoßen sind: entknastung.org.

»Korruption, Gewalt, skrupellose Ausbeutung – Mexiko hat ein Strafsystem, das den gesellschaftlichen Verhältnissen im Land entspricht«, schreibt unser Autor Wolf-Dieter Vogel über Gefängnisse in Mexiko. Auch in anderen Länderartikeln bedingen kritikwürdige gesellschaftliche Verhältnisse, was als Verbrechen geahndet wird. Eine prominente Rolle spielen in vielen Artikeln die Armut oder die Diskriminierung von Schwarzen, die nicht nur im US-Gefängnissystem auf die Spitze getrieben wird. Außerdem dienen Knäste gerade in autoritären Regimen der Herrschaftssicherung. »Wehe den Dissidenten!« lautet die Botschaft etwa der saudischen Justiz.

Die Knäste dieser Welt sind Orte der Überbelegung, Verwahrlosung, Menschenrechtsverletzungen, Folter und der Zerstörung von Lebensperspektiven. Es bleibt wichtig, das hinter den dicken Mauern Verborgene sichtbar zu machen – und nach Befreiung zu sinnen. Nicht nur für die Gefangenen, sondern für die ganze Gesellschaft. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich bei den Knastkundgebungen an Silvester.

die redaktion

370 | Gefängnisse und Strafsysteme
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