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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Kate Evans: Rosa

Kate Evans: Rosa

Die rote Rosa

Vor hundert Jahren, am 15. Januar 1919, wurde die feministische Kommunistin Rosa Luxemburg zusammen mit Karl Liebknecht im Rahmen konterrevolutionärer Gewalt von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet. Vorausgegangen waren revolutionäre Massenproteste gegen die Reichsregierung unter Friedrich Ebert (SPD), die dessen Parteigenosse Gustav Noske mit blutigem Terror niederschlagen ließ.

Die britische Comicautorin Kate Evans erzählt in ihrem Graphic-Novel-Band Rosa vom Leben und Wirken der am 5. März 1871 in einer jüdischen Familie in Polen geborenen Marxistin. Dabei verknüpft sie politische Biografie, Beziehungsleben, historische Ereignisse und theoretische Schriften. Letztere sowie die Briefwechsel der Protagonistin, aus denen Evans Fragmente zitiert, werden für interessierte LeserInnen in einem über 40-seitigen Anhang ergänzt.

Um die Aktualität von Luxemburgs Schrift »Die Akkumulation des Kapitals« (1913) zu demonstrieren, interveniert Evans sogar als eigener Charakter in den Comic: »Die reichen Länder haben eine riesige verschuldete Mittelklasse hervorgebracht, darauf dressiert, hemmungslos und kontinuierlich zu konsumieren. Wir verschlingen gierig die Produkte, die ausgebeutete Arbeiter in Übersee herstellen. Außerdem tragen Kapitalisten schon lange keine Zylinder mehr.«

Besonders überzeugend sind Evans Großzeichnungen: Zwei über beide Buchseiten schwappende revolutionäre Wellen, die sich mit den Schüssen auf friedliche DemonstrantInnen und anschließenden Massenstreiks im Russischen Zarenreich 1905 befassen. Das stärkste Bild des Comics ist aber die Titelzeichnung über die Millionen Menschen verschlingenden Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs: Nachdem Rosa am 10. Juli 1916 in »militärische Sicherheitshaft« genommen wird, spielt sich der Krieg, der jenseits der hohen Gefängnismauern tobt, in ihrem Kopf ab. Evans zeigt das, indem sie die nackte Rosa zeichnet, auf deren Wirbelsäule Soldaten marschieren. Ihre schwarzen Haare verschwimmen mit dem Schlachtfeld, das von Gräben und Stacheldraht zerfurcht ist, auf dem Panzer fahren, Bomben einschlagen und Soldaten sterben. Zugleich ist das Gesicht der internationalistischen Kriegsgegnerin Rosa vom Gewicht dieser Ereignisse nach unten gebeugt, aber angestrengt reflektierend.

Um Rosas emanzipatorischen Umgang mit Beziehungen, Sexualität und Verhütung zu veranschaulichen, zeichnet Evans immer wieder Szenen aus dem Schlafzimmer, mit KPD-Mitbegründer Leo Jogiches oder Kostja Zetkin, dem Sohn Clara Zetkins. Befremdlich wird es nur, wenn Evans Rosa beim Sex mit Leo abwesend und verkrampft über den »Massenstreik. Ein Stück lebendiges Leben aus Fleisch und Blut …« reflektieren lässt.

Patrick Helber

 

Kate Evans: Rosa. Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg. Karl Dietz Verlag, Berlin 2018. 228 Seiten, 20 Euro.

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