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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben

Besser keine Zähne

99/99/9999 vermerkt der Gefängniscomputer als Entlassungsdatum für den namenlosen Ich-Erzähler, der minutiös seinen Knastalltag als Das angehaltene Leben beschreibt. Angelangt ist er im Knastjahr 20 und die Chancen, irgendwann herauszukommen, stehen schlecht. Er wurde als Fahrer eines mit gefälschten Markenartikeln beladenen LKWs verhaftet. Die Polizisten finden in seinem Geldbeutel das Zeitungsfoto einer entführten Frau. Diese hatte er sieben Monate in einem abgelegenen Waldstück bewacht.

Die Aufbewahrung des Zeitungsfotos der Entführten war eine kleine Sentimentalität mit großen Folgen. Er wird für die Entführung verurteilt und kommt auf die Insel, in das »perfekte Gefängnis, wenig Ausbrecher, alle im Meer umgekommen«. Nach gut zwei Jahren Isolationshaft holen sie ihn heraus und versuchen, ihn in den Trakt für Schützlinge, also für Verräter, zu stecken. Ausgerechnet ihn, der jede Aussage verweigert hat. Er rastet aus und tötet den Wärter, der ihn in den Verrätertrakt führen sollte.

Er fasst diese scheinbar irrationale Tat in Worte: »Wer oben auf den Stockwerken sitzt, ahnt nicht, wie viel Wut man in Isolationshaft ansammelt. Sie plaudern, spielen Karten, treffen sich, um zusammen zu essen ... Bevor ich im Hof tötete, hatte ich schon hundertmal im Kopf getötet. Ich war randvoll, zum Bersten gefüllt, überquellend: Ich versprühte Tod. Ich habe getötet, wie ein ausbrechender Geysir töten kann. Mancher tut es, weil er sich leer fühlt, ein Gespenst unter Gespenstern, und weil er hofft, durch das Töten endlich auf einen Widerstand zu stoßen. Ich nicht. Jeder Stich war, als würde ich mich ausdehnen. Ich wurde breiter und länger unter dem Himmel, und das Messer half mir, immer weiter vorzudringen, mir mehr Raum zu verschaffen.«

Er übersteht die furchtbare Rache der Wärter, die ihn sofort wieder in Isolationshaft stecken, die Zelle halbieren, ihn mit Dunkelheit, Licht, Krach und Schlägen foltern. Dann wird er zu lebenslänglicher Haft ohne Bewährung verurteilt und sitzt in einem anderen Knast im Nirgendwo an der Küste. Trotzdem hat er, wie die meisten Gefangenen, einen Rest an Hoffnung. Er stellt sich vor, dass die Gesetze sich ändern könnten oder dass es Begnadigungen gibt, denn: »Keiner hat mehr Hoffnung als einer, der seit langer Zeit gefangen ist; wenn du dich nicht umbringst, häufst du Hoffnung auf ein Danach an.«

Der namenlose Ich-Erzähler ist nach zwanzig Jahren Knasterfahrung mit allen Wassern gewaschen. Er ersetzt die ausgeschlagenen Zähne nicht durch ein Gebiss, weil er weiß, dass die Zähne ihm dann immer wieder weggenommen werden können – eine Waffe in den Händen der Gefängnisverwaltung. Er weiß, dass es sicherer ist, weniger zu sehen und keine Brille zu tragen – falls ein Schlag ins Gesicht kommt. Er weiß, dass die kleinste Unachtsamkeit, die kleinste Schwäche die eigene Stellung in der Gefängnishierarchie fundamental ändern kann.

Den Knast als Herrschaftssystem zeigt Maurizio Torchio in allen Facetten. Der Gefangene Toro beispielsweise steht in der Hierarchie ganz oben und gewährt seiner Umgebung Schutz. Auch die Mafia-Gangs halten zusammen, die Politischen sind eine Gruppe für sich und dann gibt es die Schwachen und Verräter, auf die alle herabblicken und die deshalb umso mehr gequält werden. Doch auch die Wärter und selbst der Gefängnisdirektor erscheinen wie Gefangene, unentrinnbar verwoben mit dem unmenschlichen System. Großartig recherchiert, ermöglicht Torchios Gefängnis-Roman tiefe Einblicke in das Leben hinter Gittern.

Tommi Hohner

 

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Aus dem Italienischen von Anette Kopetzki. Zsolnay Verlag, Wien 2017. 239 Seiten, 22 Euro.

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