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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme »One Year in Germany«

»One Year in Germany«

Reise zur Selbsterkenntnis

Ein Jahr lang begleiteten Christian Weinert und Ferdinand Carrière vom Blickwechsel-Projekt mit ihrer Kamera vier junge Menschen bei ihrem Freiwilligendienst in Deutschland. Das Besondere daran: Agnes, Gloria, Adele und Christian kommen aus Tansania und Kamerun. Die Dokumentation One Year in Germany beleuchtet somit die »Süd-Nord«-Perspektive von Freiwilligendiensten wie weltwärts.

Der Film beginnt mit Aufnahmen im Heimatland. Die jungen Menschen werden in ihrem sozialen Umfeld gezeigt, bei ihren Familien und Freunden. Die abenteuerlustige Agnes träumt davon, in Deutschland internationale Erfahrungen zu sammeln und eine »Botschafterin« für ihr Land zu sein. Die zarte Adele interessiert sich für die Situation von geflüchteten Menschen. Später kommen die Perspektiven von Gloria aus Tansania und Christian aus Kamerun hinzu. In Deutschland nehmen alle Vier ihren Dienst in sozialen Einrichtungen auf. Abwechselnd schildert der Film ihre Eindrücke.

Zunächst beschreiben sie ihren Kulturschock in Deutschland. Versehentlich erwischen die Freiwilligen einen falschen Zug, sie schütteln den Kopf über befremdliche Gewohnheiten der Deutschen. Der ersten Kälte wird mit warmer Kleidung, Wärmflasche und Wollsocken begegnet und sie lernen die deutschen MitbewohnerInnen und Gasteltern kennen. Doch schon bald bekommt die neue Welt Risse. Die Vier fühlen sich zunehmend einsam und isoliert. Ausgerechnet ein Seminar über Rassismus führt zu inneren Konflikten. Agnes sagt rückblickend: »Besonders nach dem Seminar Ende März ging es mir schlecht. Denn da wurde Rassismus sehr real. Ich dachte sogar, dass ich mich selbst diskriminiere«.

Genau hier beginnt die Reise zur Selbsterkenntnis. Der zunächst sperrig wirkende Film gewinnt an Tiefe. Alle Vier erleben eine starke Entwicklung, doch nicht jeder kommt in der neuen Umgebung zurecht. Adele merkt, dass sie »härter arbeiten« muss, und Agnes realisiert, dass ihr anfänglicher Enthusiasmus für die Arbeit in einer Kita verloren geht. Der deutsche Alltag frustriert sie: »Ich bin doch kein Roboter«. Gloria und Christian hingegen scheinen dem Druck gewachsen. Gloria, die ihren Deutschlandaufenthalt ohne große Erwartungen angegangen war, merkt, dass sie bei der Arbeit mit behinderten Kindern viel lernt. Christian, der schon nach kurzer Zeit gut Deutsch spricht, ist stolz darauf, dass ihm die Sprache den Zugang zu KollegInnen und PatientInnen ebnet.

Konsequent nimmt der Film die Perspektive der ProtagonistInnen aus dem Globalen Süden ein. Er soll junge Menschen aus dem Süden auf ihr freiwilliges Jahr in Deutschland vorbereiten. Auf Anfrage ist er daher für Bildungsorganisationen kostenfrei verfügbar. Doch die Doku ist mehr als ein Vorbereitungsfilm. Bei den ZuschauerInnen entsteht eine innere Bindung zu den Vieren. Man fühlt mit, wenn sich Agnes tränenreich von ihrer Gastfamilie am Flughafen verabschiedet. In der Hand hat sie ein Kissen, bedruckt mit den Fotos »ihrer Kinder«. Unweigerlich fragt man sich, was wird wohl nach der Rückkehr aus ihren Projekten? Vielleicht bieten Weinert und Carrière die Antwort in ihrem nächsten Film.

Julia Boger

 

»One Year in Germany«: Film von Christian Weinert und Ferdinand Carrière. Deutschland 2018, 83min, Original mit deutschen UT. Der Film ist auf www.globale-perspektiven.de zu sehen.

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