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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Rachel Kushner: The Mars Room

Rachel Kushner: The Mars Room

Zweimal lebenslänglich

Im Hintergrund lauern immer die großen Themen Freiheit, Schuld und Gerechtigkeit. In ihrem aktuellen englischsprachigen Roman The Mars Room nimmt Rachel Kushner die Lesenden mit ihrer schillernden Protagonistin Romy Hall in ein kalifornisches Frauengefängnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit.

Romy Hall wurde von ihrer exzentrischen Mutter nach einer berühmten Schauspielerin benannt und wächst im San Francisco der 1980er und 90er Jahre auf. Es ist nicht das San Francisco der Regenbogenflaggen, sondern das der schäbigen Kneipen und Vergnügungsviertel, der billigen Drogen und allgegenwärtigen Gewalt. Romy schließt die Highschool ab und arbeitet danach in einer Striptease-Bar, dem titelgebenden Mars Room. Es ist ein heruntergekommener Ort, an dem es, so eine Aussage im Buch, schon etwas Besonderes war, wenn man keine falschgeschriebenen Tätowierungen am Körper trug. Romy bekommt ein Kind von einem Türsteher aus einem anderen Club, hat eine Beziehung zu einem Künstler, vor allem aber hat sie Ärger mit einem Stalker. Dieser Mann, angeblich ein Kriegsveteran, folgt ihr bis nach Los Angeles, wohin sie mit ihrem Sohn Jackson vor ihm geflohen ist. Für den Mord an ihm bekommt sie zweimal lebenslänglich plus sechs Jahre.

Die Handlung beginnt mit dem Gefangenentransport in die Vollzugsanstalt Stanville Women’s Correctional Facility in Kalifornien. Diese Fahrt durch das Niemandsland findet nachts statt, damit die Bevölkerung nichts mitbekommt. Im Bus sitzen neben Romy weitere zukünftige Insassen der Frauenvollzugsanstalt: Button Sanchez, eine hochschwangere Fünfzehnjährige; Laura Lipp, eine mitteilungsbedürftige Kindsmörderin; Conan, eine riesige Schwarze, die aussieht wie ein Mann; und Sammy Fernandez, die eine Freundin werden wird. Mit den beiden Letztgenannten verbringt Romy die erste Zeit in Isolationshaft, eine Disziplinierungsmaßnahme wegen Widerstands gegen die Gefängniswärterinnen.

An Handlung hat der Roman wenig zu bieten: Zweimal lebenslänglich plus sechs Jahre, das bedeutet Gefängnisalltag bis zum Lebensende. Als Leserin fragt man sich bald: auch bis zum Roman-ende? Hofgang, Gefängniswerkstätten, Freundschaften und Solidarität, das Schmuggeln von selbstgemachtem Alkohol durch Abwasserrohre, die Geschichten der Frauen aus dem Todestrakt und, im Falle von Romy Hall, nie Besuch. Ihre Mutter, die sich seit ihrer Inhaftierung um das Kind gekümmert hat, stirbt bei einem Autounfall. Romys Sohn Jackson kommt in eine Pflegefamilie und verschwindet, unauffindbar für eine Gefängnisinsassin ohne bürgerliche Rechte.

Ein zweites Ereignis im gleichförmigen Gefängnisalltag ist die Ankunft des Lehrers Gordon Hauser, der die Inhaftierten auf eine der Mittleren Reife vergleichbare Prüfung vorbereiten soll. Romy entspricht nicht seinen Vorstellungen von einer Inhaftierten. Er versorgt sie mit Büchern, von denen sie, zu seinem Erstaunen, die meisten schon gelesen hat. Für Romy wiederum bietet er eine Möglichkeit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und so vielleicht etwas über ihren Sohn zu erfahren.

Erzähltechnisch wird die Zeit im Gefängnis immer wieder unterbrochen von Rückblenden auf Romys Leben in San Francisco, von Einblendungen aus der Sicht ihres Stalkers Kurt Kennedy sowie von Berichten eines korrupten wegen Mordes im Gefängnis sitzenden Polizisten, der mit einer der Frauen aus dem Todestrakt in Stanville liiert war. Das Buch enthält eine Auflistung bizarrer Besucherregeln (keine rote Kleidung, kein Händchenhalten, lautes Lachen ist verboten, lautes Weinen eigentlich auch), außerdem Erzählungen aus der Sicht des Gefängnislehrers sowie von Romys früherer Zellengenossin Sammy Fernandez.

So ergibt sich, trotz mangelnder Zukunftsperspektiven und Bewegungsfreiheit, ein spannendes Kaleidoskop vielfältiger Bezüge und Perspektiven. Es ist ein aufrüttelndes und erschütterndes Buch, das trotz aller Tristesse voller Humor und liebenswerter Personen steckt. Es ist ein hartes Buch, denn alle Figuren tragen Verletzungen und Narben. Und schließlich fragt es nach Schuld und Gerechtigkeit und danach, wo das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung formulierte Recht auf »Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit« seine Gültigkeit hat. Die meisten GefängnisinsassInnen sind, wie Rachel Kushner in einem Interview im New Yorker sagte, arm: Das kann nicht gerecht sein.

Tina Bolg

 

Rachel Kushner: The Mars Room. Jonathan Cape, London 2018. 340 Seiten, 15,95 Euro.

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