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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Rehzi Malzahn (Hg.): Strafe und Gefängnis

Rehzi Malzahn (Hg.): Strafe und Gefängnis

Vertrauen statt Strafe

»Freiheit für alle politischen Gefangenen« ist in linken Kreisen eine populäre Forderung. Aber was ist mit all den anderen nicht-politischen Gefangenen? Verdienen sie nicht auch die Freiheit? Diese Frage wirft der Sammelband Strafe und Gefängnis auf. Sowohl Strafe als auch Gefängnis sollten abgeschafft werden, ginge es nach den AutorInnen. Das sind keine besonders populären Forderungen, selbst bei Linken. Daran wollen die AutorInnen des Bandes etwas ändern und verorten sich selbst an der Grenze zwischen Wissenschaft und Aktivismus.

Die Beiträge unterscheiden sich stark. Sie reichen von einem Auszug aus Friedrich Nietzsches »Genealogie der Moral« bis hin zu Interviews mit Gefangenen. Ebenso verschieden ist der Hintergrund der 15 AutorInnen. Sie sind WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, AktivistInnen oder selbst Gefangene.

Wer in einer Diskussion fordere, Gefängnisse abzuschaffen, werde fast immer vehement dazu aufgefordert, Alternativen aufzeigen zu können, beschwert sich Johannes Spohr in seinem Beitrag. So wirkt es fast ein bisschen widerwillig, wenn daraufhin auf knapp hundert Seiten Alternativen zu Gefängnissen dargestellt werden. Hier werden vor allem die Konzepte der Restorative- und Transformative Justice ausgeführt (siehe dazu auch Melanie Brazell in diesem Heft). Zumeist wird im Rahmen solcher Konzeptionen vorgeschlagen, den Staat aus dem Konflikt herauszuhalten und die betroffene Community selbst den Konflikt lösen zu lassen. Damit soll der Täter oder die Täterin selbst Verantwortung übernehmen und mit allen Beteiligten zusammen der tieferliegende Konflikt gelöst werden.

Besonders in Fällen, wenn jemand einem anderen Menschen wiederholt Leid antut, lastet eine große Verantwortung auf der Community. Sie schützt unter Umständen den Täter, weil sie beispielsweise befürchtet, selbst in ein schlechtes Licht gerückt zu werden. Zwar betonen auch Lisa Monz und Melanie Brazell in ihrem Beitrag das Problem, dass die Lösung, nur weil sie selbstbestimmt ist, noch lange nicht emanzipativ oder progressiv sein muss. Wie dieses zentrale Problem gelöst werden soll, bleibt allerdings insgesamt in dem Band vage: Die Gesellschaft soll nachhaltig verändert, die Communities sensibilisiert und die Betroffenen geschützt werden. Garantieren kann den Schutz niemand. Am ist Ende ist man wohl gezwungen, Vertrauen in die Community zu haben.

Timo Weißer

 

Rehzi Malzahn (Hg.): Strafe und Gefängnis. Theorie, Kritik, Alternativen. Eine Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018. 267 Seiten, 17 Euro.

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