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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Religionskritik: Gottes Wille geschieht

Religionskritik: Gottes Wille geschieht

Die religiöse Landschaft Lateinamerikas ist tiefgreifend im Wandel. Während die Katholische Kirche in einer Krise steckt, erfreuen sich die Evangelikalen großen Zuspruchs. Mit ihrer Macht im religiösen Feld haben sie auch ihren medialen, ökonomischen und politischen Einfluss ausgebaut. Ihre meist ultrakonservative Agenda prägt die Politik in Lateinamerika immer stärker, so wie zuletzt in Brasilien. Worauf beruht ihr Aufstieg?

von René Thannhäuser

Seit der Kolonialzeit ist die durch die portugiesischen und spanischen Eroberer aufgezwungene römisch-katholische Religion die hegemoniale Konfession in Lateinamerika. Wenngleich die meisten Staaten Lateinamerikas laut Verfassung säkulare Staaten sind und ausschließlich Costa Rica den Katholizismus als Staatsreligion ausweist, ist die Katholische Kirche bis heute einer der relevantesten Machtfaktoren in Lateinamerika. Dort leben nicht nur 40 Prozent aller KatholikInnen weltweit, seit 2013 ist mit dem Argentinier Jorge Mario Bergoglio auch das erste Mal ein Nichteuropäer Papst. Doch Rückhalt und Einfluss der Katholischen Kirche schwinden rasant.

Laut dem Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center waren 94 Prozent aller LateinamerikanerInnen bis 1950 katholisch. Doch seit den 1970er-Jahren verliert die Katholische Kirche massiv an Bedeutung: Beziffert das Institut für 1970 noch 92 Prozent der Gesamtbevölkerung als katholisch, so sind es im Jahr 2014 nur noch 69 Prozent. Während der Anteil der Konfessionslosen in derselben Zeitspanne von ein auf acht Prozent anstieg, sind die verschiedenen protestantischen Konfessionen auf 19 Prozent der Bevölkerung angewachsen. Es sind vor allem Strömungen US-amerikanischer Herkunft wie der Evangelikalismus und die Pfingstbewegung, die sich immer größerer Popularität erfreuen.

 

Basis in der Unterschicht

In Lateinamerika haben die Evangelikalen vor allem in Brasilien, der Karibik und Mittelamerika regen Zulauf. Laut einer Erhebung der chilenischen Organisation Latinobarómetro stellten die verschiedenen protestantischen Konfessionen (in der großen Mehrheit Evangelikale und darunter vor allem die PfingstlerInnen) 2017 in diesen Ländern mindestens zwanzig Prozent der Bevölkerung. Hier  ist auch die religiöse Aktivität am stärksten ausgeprägt und der Religion wird die gesellschaftlich höchste Bedeutsamkeit zugesprochen. In Honduras stellen die Evangelikalen mit 39 Prozent mittlerweile die größte Konfessionsgruppe. In Guatemala wird dies bei gleichbleibendem Trend in naher Zukunft der Fall sein. In Mexiko und den Ländern des südlichen Südamerikas sind die Evangelikalen hingegen bis dato nicht zur Massenbewegung geworden. In diesen Ländern benennt laut Latinobarómetro nur eine Minderheit der Menschen die Religion als bedeutsamen Faktor für ihr Leben.

Fanden die ersten protestantischen Missionare im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in den Mittel- und Oberschichten Lateinamerikas Gehör, so haben die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika missionierenden Evangelikalen vor allem in den Unterschichten ihre Massenbasis. Die Krise der Katholischen Kirche und die sozialen Krisen in Lateinamerika haben die Evangelikalen für sich zu nutzen gewusst. Eine Studie der Universidad de Costa Rica über Jugendliche in fünf mittelamerikanischen Elendsvierteln belegt, wie verankert die Evangelikalen dort mittlerweile sind. Unter den 1.501 befragten Jugendlichen genießen nur Sportvereine ein ähnlich hohes Ansehen wie die protestantischen Kirchen. 73 Prozent dieser Jugendlichen bewerteten die Verteilung von Reichtum in ihren Ländern als ungerecht.

In Guatemala, welches dem Religionssoziologen Heinrich Schäfer zufolge als »Vorreiter für die Entwicklung des Protestantismus in Lateinamerika« gilt und wo der prozentuale Anteil der protestantischen Bevölkerung mit 41 Prozent lateinamerikaweit am höchsten ist, erreicht die Beteiligung in protestantischen Gemeinden sowie die Unzufriedenheit mit der Wohlstandsverteilung Spitzenwerte. 1882 kam mit dem amerikanischen Presbyterianer Juan C. Hill der erste offiziell empfangene protestantische Missionar ins Land. Die Mission wurde von den Liberalen Guatemalas unterstützt. Die ersten PfingstlerInnen kamen in den 1930er-Jahren hinzu.

1976, während des guatemaltekischen Bürgerkrieges, kam es zu einem heftigen Erdbeben, in dessen Folge nordamerikanische evangelikale Hilfsorganisationen ins Land strömten. Sie drangen in die Lücke, welche die Katholische Kirche hinterlassen hatte. Diese war zu jener Zeit sehr stark sozial engagiert, wodurch sie die Missgunst der Herrschenden auf sich zog. Durch das Militär und Todesschwadronen wurde ein Großteil ihrer LandaktivistInnen ermordet. Heute finden sich selbst in den entlegensten Dörfern Guatemalas Pfingst-Gemeinden, die unter Abwesenheit noch der grundlegendsten staatlichen Infrastruktur wichtige Funktionen in Bereichen wie Bildung und Gesundheit übernehmen.

Der Politikwissenschaftler David López von der Universidad Nacional de Colombia, selbst pfingstlerischer Pastor, erklärt den Erfolg der Pfingstbewegung in Lateinamerika damit, dass sie es geschafft habe, sich mit der Kultur der Unterschichten zu verbinden. So habe die teils ekstatisch-orgiastische Gottesdienstpraxis und die Betonung der wundersamen Wirkmächtigkeit des Heiligen Geistes, die mystischen Bedürfnisse der lateinamerikanischen Volksreligiosität kanalisieren und mobilisieren können.

Im Gegensatz zur befreiungstheologischen Strömung des Katholizismus sei der pfingstlerische Protestantismus keine Theologie für die Armen, sondern eine religiöse Bewegung der Armen, so López. Während die ersten protestantischen Missionare, meist Methodisten, Baptisten und Presbyterianer, versucht hätten, die lateinamerikanischen Eliten zugunsten eines sozialen Wandels zu missionieren, hätten die später hinzugestoßenen evangelikalen und pfingstlerischen PredigerInnen, meist selbst aus armen Verhältnissen stammend, unmittelbar an die Bedürfnisse und Interessen der Unterschichten angeschlossen.

 

Widersprüchlicher Katholizismus

Die Katholische Kirche hat in Lateinamerika historisch eine äußerst ambivalente Rolle gespielt. Sie ist stets eine der Stützen der Hegemonie der herrschenden Klassen gewesen. Zugleich haben einzelne Stimmen oder Fraktionen innerhalb der Kirche, wie beispielsweise Bartolomé de las Casas, der erste Bischof im mexikanischen Chiapas, seit Beginn der Kolonialzeit zu den lautesten Fürsprechern der Indigenen, Armen und Unterdrückten gehört. Ab den 1960er- Jahren formierte sich die sozialengagierte bis sozialrevolutionäre Befreiungstheologie, die oft im Konflikt zur Amtskirche steht. Während der Zeit der Militärdiktaturen und Bürgerkriege in Lateinamerika stand die Befreiungstheologie dezidiert auf der Seite der sozialen und revolutionären Bewegungen. Auf die sandinistische Revolution beispielsweise hatte sie enormen Einfluss.

Laut David López ist jedoch die auf einen gesamtgesellschaftlichen Wandel zielende Botschaft der Befreiungstheologie in der Praxis weniger greifbar für Unterschichten als die Lehre der Pfingstbewegung. Die PfingstlerInnen, und die Evangelikalen im Allgemeinen, begreifen schon die christliche Erleuchtung und »Wiedergeburt« des Subjekts als sozialen Wandel. Sie predigen eine auf das Diesseits ausgerichtete Ethik, welche Alltagsprobleme in den Fokus rückt.

Ein weiterer Faktor beim Erfolg der Evangelikalen in Lateinamerika ist der partizipatorische und offene Charakter ihrer Gemeinden. Im Gegensatz zur Katholischen Kirche gibt es keine starre hierarchische Organisationsform. Und im Gegensatz zu den älteren protestantischen Konfessionen wird theologische (Aus-)Bildung nicht als notwendig für die Predigt angesehen. Typisch sind die Garagen- und Wohnzimmergemeinden, in denen LaienpredigerInnen vor nur einem Dutzend Anwesenden predigen. Gleichzeitig sind diverse Gemeinden zu landesweiten oder internationalen Kirchen angewachsen und haben sich zu Wirtschafts- und Medienimperien entwickelt. Viele Gemeinden treiben nicht nur einen Kirchenzehnt ein und fordern zu Spenden auf, sondern verkaufen allerlei Güter, von Ratgeberliteratur bis hin zu gesegneten Gegenständen.

 

Unternehmerisch sehr erfolgreich

Die vom Guatemalteken Carlos Enrique Luna gegründete Kirche Casa de Dios (Haus Gottes) ist ein Beispiel für eine zur »Megachurch« angewachsene Gemeinde. Der als Cash Luna bekannte evangelikale Prediger ist ein Vertreter des Wohlstandsevangeliums. 1994 gründete er eine Gemeinde in Guatemala-Stadt. 2013 wurde vor den Toren von Guatemala-Stadt das neue Kirchengebäude eingeweiht, welches einer modernen Unterhaltungsarena gleicht und in dem 11.000 Menschen Platz finden. Zur Eröffnung erschien neben anderen Prominenten auch der damalige Präsident Guatemalas, Otto Pérez Molina. Cash Luna ist auch Autor diverser Bücher und vertreibt Devotionalien, wie etwa Schuhbänder, die über 40 Tage Glück bringen sollen. Dank eigener Radiosender, der Ausstrahlung von Predigten in nationalen und internationalen, religiösen und nicht-religiösen Fernsehsendern sowie der geschickten Nutzung von Internet und Sozialen Medien ist Cash Luna auch in Nordamerika bekannt.

Zu den größten Einzelkirchen des in Brasilien stark zersplitterten Protestantismus gehört neben internationalen Verbänden wie den pfingstlerischen Assemblies of God auch die in Rio de Janeiro gegründete Igreja Universal do Reino de Deus (IURD). Diese pfingstlerische Kirche wurde 1977 vom ehemaligen Lotterieverkäufer Edir Macedo gegründet. Die Kirche hat laut eigenen Angaben allein in Brasilien bis zu acht Millionen Mitglieder und ist weltweit aktiv, so auch in Deutschland, wo sie als Universalkirche des Königreichs Gottes auftritt. Die IURD gibt an, einen Buchwert von 46 Milliarden Euro aufzuweisen. Macedos Privatvermögen soll sich auf 960 Millionen Euro belaufen. Die Kirche ist mittlerweile Eigentümerin oder Anteilseignerin dutzender Radiostationen, TV-Sender und Zeitungen. Neben dem karitativen Engagement ist die IURD durch unzählige Skandale aufgefallen. Dazu gehören Aggressionen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften, innerhalb Brasiliens vor allem gegenüber AnhängerInnen der afrobrasilianischen Religionen, aber auch die Tatsache, dass sie in verschiedenen Ländern wegen Korruption, Betrug und Geldwäsche mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Dennoch ist mit Marcelo Crivela ein Mitglied der IURD seit Januar 2017 Bürgermeister von Rio de Janeiro.

Edir Macedo hatte schon 2009 bekannt gegeben, dass es sein Ziel sei, durch die Beteiligung an Wahlen einen »theokratischen Staat zu schaffen«. BeobachterInnen betrachten die konservative, 2005 gegründete Partido Republicano Brasileiro (PRB) als Partei der IURD. Doch auch ohne die 21 Vertreter der PRB stellen die Evangelikalen im brasilianischen Parlament einen enormen Machtfaktor dar. In der letzten Legislaturperiode gehörten über 90 der 513 Mitglieder des Unterhauses der überfraktionellen evangelikalen Interessensgruppe an. Nach den Parlamentswahlen vom 7. Oktober 2018 dürfte die »bancada evangélica« des nächsten Parlaments noch größer werden. Diese vertritt ultrakonservative gesellschaftspolitische Positionen und spricht sich etwa gegen jede Liberalisierung von Ehe- und Abtreibungsrecht sowie gegen ein Diskriminierungsverbot von Homo-, Bi- und Transsexuellen aus, welches sie durch ihre wortgetreue Bibelauslegung begründen.

 

»Angriff auf das brasilianische Volk«

Stehen die Evangelikalen in Lateinamerika in gesellschaftspolitischen Fragen bis auf wenige Ausnahmen am äußeren rechten Rand, so ist die wirtschaftspolitische Positionierung weniger eindeutig und kann von neoliberal bis sozialistisch reichen. In Brasilien stützten Teile der Evangelikalen den linken Präsidenten Lula da Silva von der Arbeiterpartei, welcher aus Rücksicht auf diese Wählergruppe und ihre parlamentarischen VertreterInnen keine tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Reformen initiierte. Während der Amtszeit seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff, ebenfalls von der Arbeiterpartei, wandelten sich die Evangelikalen zu erbitterten Gegnern der linken Regierung, unter anderem, weil diese die gleichgeschlechtliche Ehe rechtlich gleichgestellte. Die Evangelikalen spielten 2016 eine zentrale Rolle bei der im Zuge der wegen Korruptionsverdacht laufenden Ermittlungen gegen Lula da Silva erfolgten Absetzung Rousseffs. Die parlamentarische Mehrheit, die für die Absetzung Rousseffs stimmte, begründete ihre Entscheidung damit, dass ihre Präsidentschaft ein »Angriff auf Gott, Familie und das brasilianische Volk« sei.

Der Rechtsextreme Jair Bolsonaro, der sich im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen am 28. Oktober deutlich gegen den linken Kandidaten Fernando Haddad durchsetzen konnte, hatte im Wahlkampf die Nähe zur evangelikalen Basis gesucht. Die Pastoren der über 7.000 Kirchen der IURD warben aktiv für ihn. Zwar ist Bolsonaro überzeugter Katholik, seine reaktionäre Agenda erfreut sich jedoch unter den Evangelikalen reger Unterstützung.

Bolsonaros Sieg ist in diesem Jahr nicht der erste Ausdruck für den politischen Machtzuwachs der Evangelikalen in Lateinamerika. Im Februar gingen die Ergebnisse der Wahlen in Costa Rica um die Welt. Dort hatte es der evangelikale Prediger Fabricio Alvarado in die Stichwahl um das Präsidentenamt geschafft. Seine Partei, die ultrakonservativ-evangelikale Restauración Nacional, zog als zweitgrößte Fraktion ins costa-ricanische Parlament ein. Fabricio Alvarado konnte mit seinem antifeministischen und homophoben Wahlkampf auch Stimmen katholischer und konfessionsloser WählerInnen gewinnen (siehe iz3w 366). Die Stichwahl im April verlor Fabricio Alvarado gegen seinen sozialliberalen Kontrahenten Carlos Alvarado dann deutlich. Fabricio Alvarado wurde vor allem in den ländlichen und ärmeren Regionen Costa Ricas gewählt, welche bei den Wahlen 2014 noch Hochburgen der Linken waren. Seine Fraktion hat sich mittlerweile auf Grund von Korruptionsvorwürfen gespalten.

Fabricio Alvarado wäre in Lateinamerika der zweite evangelikale Präsident geworden. Guatemala wird bereits seit 2016 von dem evangelikalen Ökonomen und TV-Komiker Jimmy Morales regiert. Er war für die rechtskonservative Frente de Convergencia Nacional angetreten, welche maßgeblich von pensionierten Offizieren gegründet wurde, die während des guatemaltekischen Bürgerkrieges im Dienst waren. Morales ist nicht nur Befürworter der Todesstrafe und Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe, sondern auch ein Leugner des während des Bürgerkrieges erfolgten Genozids an der indigenen Bevölkerung des Landes. Die brutalste Phase des Genozids ereignete sich in der Regierungszeit des zum Evangelikalismus konvertierten Generals Efraín Ríos Montt. Er hatte sich an die Macht geputscht und wurde nach 17 Monaten von anderen Generälen wegen Unzurechnungsfähigkeit abgesetzt.

Ríos Montt und Jimmy Morales pflegen, so wie die meisten lateinamerikanischen Evangelikalen, gute Beziehungen zu den USA und Israel. Anfang 2018 war Guatemala das zweite Land, das der Entscheidung des US-Präsidenten Trump folgte und die Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem verlegte. Die bei der Eröffnung der guatemaltekischen Botschaft anwesende ehemalige Kongressabgeordnete der US-Republikaner Michele Bachmann, die für ihre christlich-fundamentalistischen Positionen bekannt ist, fasste die Begründung der evangelikalen Israelsolidarität so zusammen: »Gott wird Guatemala segnen wie nie zuvor. Das steht bereits in der Bibel, Genesis 12,3: Die, die Israel segnen, werden gesegnet sein«. Jimmy Morales, der mit dem Slogan »Weder korrupt, noch ein Dieb« Wahlkampf gemacht hatte, steht mittlerweile selbst unter Korruptionsverdacht.

 

Von Wahlerfolg zu Wahlerfolg

In Mexiko haben es die Evangelikalen mit den Wahlen am 1.Juli in die Regierung geschafft. Der Gewinner der Präsidentschaftswahl, der Linkspolitiker Andrés Manuel López Obrador, hatte ein Wahlbündnis seiner Linkspartei Morena mit der evangelikal-konservativen PES vereinbart. Dies führte zu Kritik innerhalb der mexikanischen Linken, da die PES strikt gegen jede Form der Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Liberalisierung des Abtreibungsrechtes ist. Das von López Obrador angeführte Wahlbündnis gewann die Wahlen in einem Erdrutschsieg. Die PES wird in Zukunft mindestens 55 von 500 ParlamentarierInnen des mexikanischen Unterhauses sowie acht von 128 SenatorInnen des Oberhauses stellen. Die Partei wird paradoxerweise jedoch ihre Registrierung im Parteienregister verlieren, da ihr Einzelergebnis deutlich unter dem notwendigen Ergebnis von drei Prozent der Wählerstimmen blieb.

Auch bei anderen 2018 erfolgten Wahlen in Lateinamerika konnten die Evangelikalen ihren neuen politischen Einfluss demonstrieren. In Venezuela erreichte der in den Panama Papers erwähnte evangelikale Prediger und Unternehmer Javier Bertucci im Mai, bei von niedriger Wahlbeteiligung und Auffälligkeiten geprägten Wahlen, immerhin elf Prozent der Stimmen. Er will die VenezolanerInnen zu »andächtigen« ChristInnen machen, etwa durch »Entpolitisierung« und die allsonntägliche Übertragung des Wortes  Gottes in Funk und Fernsehen.

Bei den im Mai und Juni erfolgten Wahlen in Kolumbien unterstützten weite Teile der evangelikalen Gemeinde den konservativen Kandidaten Iván Duque Márquez. Dieser hatte vor allem mit seiner Ablehnung des Friedensvertrages mit der FARC-Guerilla Wahlkampf gemacht. Schon 2016 mobilisierten die Evangelikalen in Kolumbien massiv dafür, beim damaligen Referendum über die mögliche Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit »Nein« zu stimmen. Der vorgelegte Vertrag überbetone die Rechte von Frauen und LGBTI und sei deshalb von »Gender-Ideologie« geprägt, hieß es.

Der Politikwissenschaftler Javier Corrales sieht in den aktuellen Entwicklungen »eine perfekte Ehe« zwischen den Evangelikalen und den Konservativen in Lateinamerika. Während die lateinamerikanische Rechte früher eindeutig das Bündnis mit der Katholischen Kirche suchte, hätte sie die damals noch wenig politisch aktiven Evangelikalen verachtet. Mittlerweile spielten die Evangelikalen für die Rechte eine genauso große Rolle wie die katholischen Milieus. Hatte die Rechte früher vor allem in der Mittel- und Oberschicht ihre Wäh-lerInnenbasis, so habe sich für diese mit dem Erstarken der Evangelikalen eine neue Bündnis-option mit Teilen der Unterschichten ergeben.

Auch die Evangelikalen hätten strategisch nachhaltig Partner gesucht und gefunden, so Corrales. Neben den Parteien der Rechten betrifft dies auch die Katholische Kirche, deren Hegemonie sie ins Wanken bringen. Umfragen haben ergeben, dass evangelikale ChristInnen in Lateinamerika zu einem höheren Prozentsatz hinter der katholischen Morallehre stehen als die KatholikInnen selbst. So haben in vielen Ländern Lateinamerikas KatholikInnen und Evangelikale gemeinsam gegen gesellschaftspolitische Reformprojekte mobilisiert.

 

Nach dem Vorbild der USA

Während sich in manchen Ländern Lateinamerikas das Bündnis zwischen Evangelikalen und Rechten zu verfestigen scheint, ist dies noch nicht überall beschlossene Sache. Die Beispiele Brasiliens und Mexikos zeigten, dass es eine zumindest punktuelle Zusammenarbeit der Evangelikalen mit der Linken geben kann. Auch die SandinistInnen in Nicaragua und die ChavistInnen in Venezuela haben stets die Nähe zu den Evangelikalen in den Unterschichten gesucht.

Eine mögliche Zukunft Lateinamerikas lässt sich jedoch im Kernland des Evangelikalismus ablesen: In den USA sind die Evangelikalen seit Ronald Reagans Präsidentschaft in den 1980er-Jahren, die verlässlichste WählerInnengruppe der Republikaner. Wer für die Republikaner Präsident werden möchte, muss sich der Unterstützung durch die religiöse Rechte sicher sein. Donald Trump, der nicht unbedingt den Idealen der evangelikalen Wählerschaft entspricht, hat mit Mike Pence einen bekennenden Evangelikalen zum Vizepräsidenten ernannt. Ein ähnliches Bündnis der Evangelikalen mit der politischen Rechten in Lateinamerika könnte das dortige Machtgefüge dauerhaft verschieben. Es würde eine existentielle Gefahr für die progressiven Bewegungen bedeuten.

 

René Thannhäuser ist Soziologe und freier Journalist.

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