Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Vojin Saša Vukadinović: Freiheit ist keine Metapher

Vojin Saša Vukadinović: Freiheit ist keine Metapher

Wider die kulturrelativistische Gleichgültigkeit

Der im lesbisch-schwulen Querverlag erschienene Sammelband Freiheit ist keine Metapher hat denselben Anspruch wie die vier Vorgängerbände aus der »Kreischreihe« des Verlags: theoretische und kritische Intervention in akademische, aktivistische und politische Debatten. In seiner Einleitung schreibt Herausgeber Vojin Saša Vukadinović, bei gegenwärtigen Strömungen des Genderfeminismus, Antirassismus und Queerfeminismus ließe sich eine zunehmende Besinnung auf Identitätspolitik beobachten. Diese Verschiebung gehe mit konkreten Verirrungen aktueller linker Politik einher: Die Verbreitung von Antisemitismus bei gleichzeitiger Verharmlosung islamistischer Gefahren lasse das eigene emanzipatorische Selbstverständnis oft zum Lippenbekenntnis verkommen.

Die 38 Beiträge nähern sich Antisemitismus, Migration, Rassismus und Religionskritik ganz unterschiedlich. Die heterogenen Zugänge und Textarten machen den Band trotz des großen Umfangs abwechslungsreich. Die theoretisch orientierten Beiträge befassen sich besonders mit Antisemitismus, bieten aber auch Kritik an der Gendertheoretikerin Judith Butler und dem akademischen Queerfeminismus.

Erwähnenswert ist der Beitrag von Polina Kiourtidis, der die Differenz von Antisemitismus und Rassismus mittels ideologiekritischer Ansätze verdeutlicht. Auf Grundlage des Antisemitismuskritikers Moishe Postone setzt Kiourtidis exemplarisch einen Anspruch des gesamten Sammelbandes um: Begriffe wieder begreifbar zu machen und zu schärfen, die sonst allzu oft schematisch und inhaltsleer als unbestimmte Form der Diskriminierung aneinandergereiht werden.

Den alltäglichen Auswirkungen von Antisemitismus – insbesondere im Gewand des Hasses auf Israel – widmet sich eine Reihe anderer Beiträge. Sercan Aydilek berichtet über Erfahrungen mit der anti-israelischen Gruppe »Berlin against Pinkwashing«. Hier wird deutlich, welche Konflikte offenes Engagement gegen Antisemitismus und Antizionismus mit sich bringt und mit welcher Vehemenz anti-israelische Ressentiments auch innerhalb der queeren Szene vorgetragen werden.

Neben der Kritik des Antisemitismus in akademischen und aktivistischen Milieus stellt die Verharmlosung islamistischer Tendenzen ein zentrales Thema dar. In einem sorgfältig recherchierten Artikel zeigt Janina Marte diese Entwicklung an einem Beispiel aus der politischen Bildungsarbeit auf. Es gelingt ihr, anhand inhaltlicher Verirrungen und struktureller Verflechtungen zu belegen, wie der legalistische Islamismus Eingang in die vermeintlich kritische Bildungsarbeit findet.

Eine Vermutung, die beim Lesen des Sammelbandes immer wieder aufkommt, wird in Martes Beitrag bestätigt: Vor dem Hintergrund eines missverstandenen Antirassismus wird reaktionären, vor allem antisemitischen und frauenfeindlichen Tendenzen vonseiten der Linken häufig mit kulturrelativistischer Gleichgültigkeit begegnet.

von Moritz Pitscheider

 

Wider das pauschale Behaupten

In seiner hervorragenden Kritik an Judith Butler schreibt Marco Ebert in »Freiheit ist keine Metapher« über die »Argumentationsstrategie« der Philosophin: »Die ganze Überzeugungskraft dieser bloßen Behauptungen basiert auf dem Hervorrufen hochemotionaler Bilder beim Publikum bzw. der Konstruktion enormer Bedrohungspotentiale«. Dieser Satz trifft aber auch auf einige Beiträge des Sammelbandes zu. Häufig werden Probleme einfach behauptet und Teufel an die Wand gemalt: Queerfeministinnen erscheinen als eine Art Übermacht, was an rechte Diskurse erinnert. Bei aller berechtigten Kritik an queerfeministischen Positionen haben Gender Studies in Deutschland nicht den massiven gesellschaftlichen Einfluss, den sowohl der Band als auch die AfD suggerieren.

Der Beitrag von Janina Marte über Bildungsarbeit gegen Islamismus ist wiederum auf andere Art problematisch – er erweckt den Eindruck unbeteiligter Berichterstattung, was nicht der Fall ist, da Marte selbst Teil der von ihr geschilderten Auseinandersetzung war. Das soll nicht davon abhalten, darüber zu schreiben. Diese Tatsache jedoch zu verschweigen, verstößt gegen journalistische Standards und schadet dem inhaltlichen Argument mehr, als es nutzt.

Problematisch ist auch die Art der Auseinandersetzung mit Antirassismus. Die in mehreren Beiträgen ausgeführte Kritik am queerfeministischen Antirassismus, dass dieser Gruppen wie Geflüchtete oder Muslime auf ähnliche Weise essentialisiere und homogenisiere, wie es von rassistischer Seite getan wird, ist richtig. Doch es wird so getan, als gäbe es keinen Antirassismus jenseits des queerfeministischen. So kann Naida Pintul behaupten, dass Antirassismus »längst zur Chiffre für Kulturrelativmus und Ethnopluralismus verkommen ist«. Die große Bandbreite antirassistischer Gruppen, die teilweise schon sehr lange wichtige Arbeit leisten, wird dabei ignoriert. Das ist mindestens unsolidarisch. Antirassismus gibt es nicht erst seit den umstrittenen Critical-Whiteness-Ansätzen.

Dass es auch anders geht, zeigt Krsto Lazarević in seiner Kritik an diesem Konzept. Er stellt dar, wie Critical Whiteness entstanden ist und wie es sich immer weiter von seinem sinnvollen Anliegen fortbewegt hat. Dabei zeigt er die Parallelen auf zwischen dem Denken von CW-AnhängerInnen und jenem der Neuen Rechten, besonders dem Ethnopluralismus von Alain de Benoist. Er kommt dabei ohne plattes Antirassismus-Bashing aus.

Der Band versammelt hervorragende Artikel, die wichtige Kritik leisten. Bei anderen Beiträgen hingegen wird man den Verdacht nicht los, dass die AutorInnen sich nur oberflächlich mit dem Gegenstand ihrer Kritik beschäftigt haben – oder aber, ähnlich der von ihnen kritisierten »Genderfeministinnen«, alles in ihr Weltbild pressen wollen.

von Larissa Schober

 

Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik. Querverlag, Berlin 2018. 496 Seiten, 20 Euro.

371 | Über Verschwörungstheorien
Cover Vergrößern