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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Joachim Bruhn – Kritik aus Leidenschaft

Joachim Bruhn – Kritik aus Leidenschaft

„Außer Lesen nichts gewesen“ – wenn Joachim Bruhn in Blödellaune war, was entgegen des ihm vorauseilenden Rufes als strenger Kritiker gar nicht so selten vorkam, dann wünschte er sich diesen Spruch für seinen Grabstein. Durchaus passend, denn Jochen war ein Homme de Lettres par excellence, und so leidenschaftlich er als Leser, Verleger und Autor ideologiekritischer Schriften war, so wenig einträglich war diese Tätigkeit. Je nach Stimmungslage bevorzugte er andere Inschriften für den Grabstein, etwa „Die Revolution ist notwendig, also ist sie möglich“. Seine FreundInnen und Angehörige sind nun früher als gedacht gefordert, eine Auswahl aus schönen Bonmots von Jochen zu treffen, denn am 28. Februar ist er im Alter von nur 64 Jahren gestorben.

Die 1968er-Zeit erlebte Jochen als Teenager in Baden-Baden mit. Seine frühe Erkenntnis, dass zugunsten der freien Assoziation der Menschen kein Weg an einer (sozialen) Revolution vorbei geht, führte ihn zunächst in Freiburg in eine der K-Gruppen. Doch Parteienbildung, Staatsfetischismus, Marxismus-Leninismus oder Maoismus waren nichts, was ihn als Freigeist lange halten konnte. Immer mehr am späten Marx und an der Kritischen Theorie geschult, wurden ihm das Klassenkampfgedröhne der Linksradikalen und der Voluntarismus der Alternativbewegung genauso zuwider wie die realpolitische Wendung vieler K-Gruppen hin in Richtung der Macht, etwa bei den Grünen.

 

1981 gründete er mit Gleichgesinnten einen linkskommunistischen Zirkel namens Initiative Sozialistisches Forum (ISF). Binnen weniger Jahre wurde die ISF zum intellektuell spannendsten Ort in Freiburg, mit großer Ausstrahlung auf die gesamte deutschsprachige Ideologiekritik. Insbesondere beim bis heute regelmäßig veranstalteten Jour fixe waren die Vorträge und Diskussionen zumeist äußerst gehaltvoll, eine Kolloquienreihe an der Uni war im Vergleich belanglos und unterkomplex. Ähnliches gilt für den von Jochen mitbegründeten Ça ira-Verlag, der immer noch eine der ersten Adressen für ideologiekritische Veröffentlichungen ist. Der Verlag nahm sich, nicht zuletzt dank Jochens editorischem Einsatz, mit besonderer Verve wenig bekannter oder wieder vergessener Theoretiker jenseits des dogmatischen ML-Kanons an, von Agnoli bis Sohn-Rethel.

Dank seiner Leseleidenschaft war Jochen ein hervorragender Historiker der Linken. Es gab so gut wie keinen Theoretiker und keine Theoretikerin, die er nicht kannte und wortgewaltig zu kritisieren oder zu ergänzen wusste, gleich ob es um Marxismus, Leninismus, Stalinismus, Trotzkismus, Anarchismus oder Sozialdemokratie ging. Wer sich darauf einließ, konnte viel von ihm lernen, obwohl er keinerlei Ambitionen hatte, Lehrer zu sein, und die Universität als Ideologieproduzentin hasste. Für eine Unikarriere war er viel zu kompromisslos, undiplomatisch und vor allem viel zu kritisch gegenüber jeder Form von Ideologiebildung, gerade auch der akademischen. Doch wer beispielsweise wissen wollte, was Wertkritik von Klassensoziologie unterscheidet und warum Kapital, Staat und Ideologiebildung nicht nur aufklärerisch dialektisch, sondern auch negativ dialektisch gedacht werden müssen, fand in Jochen einen geistreichen, anregenden Mentor. Nicht von ungefähr bezogen sich viele  Autorinnen und Autoren aus dem Umfeld kritischer Medien wie Jungle World, konkret, Phase 2, sans phrase und auch der iz3w auf ihn. Seine Schriften, Vorträge und Diskussionen waren für eine ganze Generation von IdeologiekritikerInnen prägend.

 

Bereits in den 1980er Jahren verschrieb Jochen sich der Kritik des Antisemitismus und seiner linken Ausprägungen etwa in Gestalt des Antizionismus. Der Nationalsozialismus und die Vernichtung der Juden waren für ihn im Sinne der Kritischen Theorie Ausgangspunkt allen kritischen Denkens. Wenn er gegen AntisemitInnen gleich welcher Couleur und für den Staat Israel als Refugium der Jüdinnen und Juden agitierte, dann war Jochen so dezidiert wie nur irgend möglich. In den damals noch so genannten „blättern des iz3w“ hielt er der Linken 1988 vor, „aus Auschwitz nichts gelernt“ zu haben. Zu dieser Zeit dominierten in der iz3w wie im gesamtem Mainstream der Linken antizionistische Positionierungen gegen den „imperialistischen Brückenkopf“ Israel, was 1982 beispielsweise die unsägliche Überschrift „Holocaust an den Palästinensern“ hervorgebracht hatte. Mit seiner radikalen Kritik des Antisemitismus fand Jochen zunehmend Gehör bei der Mehrheit der iz3w-Redaktion. Dass die Redaktion 1997 in einem Editorial ausdrücklich dem Antizionismus abschwor und die Zeitschrift bis heute kein Ort mehr für antisemitisch grundierte „Israelkritik“ ist, geht nicht zuletzt auf ihn zurück.

 

Jochen war gleichwohl im iz3w umstritten, wie überall in der Linken. Er polarisierte, etwa durch seinen scharfen polemischen und oftmals apodiktischen Ton. Wenn es um das Existenzrecht Israels, um Kritik an der Verharmlosung des Nationalsozialismus oder um die ideologischen Verwüstungen durch das Kapitalverhältnis ging, kamen bei ihm schon mal Formulierungen vor wie „das ist begründungsfrei“ oder „das ist ein Existentialurteil“. Den iz3w-Themenschwerpunkt „Jahrhundert der Lager?“ hat er 1999 in einer langen Diskussion mit der Redaktion derart harsch kritisiert, dass große Irritationen zurück blieben.

Auch wer als Vortragende/r zum Jour fixe der ISF eingeladen war, musste stets damit rechnen, von Jochen auseinander genommen zu werden, oftmals wegen erkenntnistheoretischer Grundfragen. Einer dieser legendären Dispute, jener mit dem sozialrevolutionären Theoretiker und Historiker Karl-Heinz Roth, ist in der iz3w 222 nachzulesen.

 

Unvergessen ist auch der Moment, als Jochen auf einer iz3w-Veranstaltung zur deutschen Iranpolitik dem SPD-Außenpolitiker Gernot Erler ein empörtes „Sozialdemokrat!“ entgegen rief. Aus seinem Munde war das eine der schlimmsten vorstellbaren Beschimpfungen. Erler hat das selbstverständlich nicht verstanden. Überhaupt wurde Jochen von vielen nicht verstanden, so elaboriert und voraussetzungsvoll waren seine Einwürfe. Wer Marx und Adorno/Horkheimer nicht gelesen hatte, dem oder der fiel es schwer, ihm zu folgen.

 

In den frühen 2000er Jahren, als die von Jochen maßgeblich mitbegründete Strömung der Antideutschen die Linke in Deutschland und Österreich aufmischte und regelrecht in die Spaltung trieb, wandten sich einige seiner bisherigen WeggefährtInnen von ihm ab, etwa Ulrich Enderwitz, Ilse Bindseil oder Michael Koltan. Was auch immer von Antideutschen und der Kritik an ihnen zu halten ist – zu Sottisen der antideutschen Szene wie „Bush - the Man of Peace“ hat Jochen sich nie hinreißen lassen. Die Regression jener Bahamas-Fraktion, die sich von den Verhältnissen hat dumm machen lassen und die heute die AfD schön redet, hat er vorausgeahnt und befürchtet. Identitäre Szenepolitik war ohnehin nie seine Sache. Justus Wertmüller bezeichnete er als „Stalinisten“, und wenn Jochen dieses Wort verwendete, wusste er ganz genau, warum.

 

Abseits öffentlicher Veranstaltungen, bei denen er immer ordentlich unter Strom stand,  konnte Jochen nicht nur charmant, witzig und angenehm hedonistisch sein, sondern auch Zugeständnisse machen. „Fürs Differenzieren haben wir ja Leute wie euch“, sagte er einmal an die Adresse der iz3w-Redaktion, und das war anerkennend gemeint. Fehlen wird uns künftig aber vor allem seine radikale Kritik an den Verhältnissen und an den ungenügenden Antworten der Linken darauf. Sie brachte uns mehr als einmal zum Nachdenken.

 

die iz3w-Redaktion

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