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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien »Alles hängt mit allem zusammen«

»Alles hängt mit allem zusammen«

Aus verschiedenen aktuellen Anlässen hat sich das iz3w entschieden, auch den Themenschwerpunkt "Verschwörungstheorien" vom Frühjahr 2019 im Netz frei zugänglich zu machen. Hier ist ein einführendes Interview mit Michael Butter über Geschichte und soziale Funktion von Verschwörungstheorien.

Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis der iz3w- Ausgabe 371

 

iz3w: Wie definiert man eine Verschwörungstheorie? Und was unterscheidet die Theorie von der Verschwörungsideologie?

Michael Butter: Verschwörungstheorie und -ideologie sind unterschiedliche Begriffe für dasselbe Phänomen. Der Begriff Ideologie ist auf die deutschsprachige Forschung beschränkt, während international die Bezeichnung Theorie verbreitet ist. Laut dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Michael Barkun zeichnen sich moderne Verschwörungstheorien durch drei Charakteristika aus. Erstens gehen sie davon aus, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles geplant wurde. Zweitens behaupten sie, dass alles miteinander verbunden ist, und drittens nehmen sie an, dass nichts so ist, wie es scheint. Sie behaupten, dass es eine im Verborgenen arbeitende Gruppe gibt, die einen geheimen Plan verfolgt, um ihre Macht auszubauen. Ihr Ziel kann die Kontrolle über ein Land oder die ganze Welt sein oder in persönlicher Bereicherung bestehen.

Wir kennen Verschwörungstheorien aus dem antiken Rom und Griechenland, die lokal beschränkt sind und sich etwa um die Polis drehen. Sie sind den modernen Theorien recht ähnlich, im Gegensatz zu den mittelalterlichen Narrativen. Moderne Verschwörungstheorien entstehen ab der Frühen Neuzeit im Übergang zur Aufklärung, zeitgleich mit einer bestimmten Vorstellung von Kausalität, des menschlichen Subjektes und einer Öffentlichkeit, in der Theorien zirkulieren können.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts setzt sich ein Phänomen durch, das Barkun als »Superverschwörungstheorie« bezeichnet. Diese dreht sich um die Übernahme der ganzen Welt und vereint viele kleinere Theorien etwa über die Illuminaten, die Juden oder 9/11 zu einer großen Erzählung. Dieser Ansatz ist in den letzten Jahrzehnten immer populärer geworden.

 

Durch Social Media gewinnt man den Eindruck, dass Verschwörungsdenken zugenommen hat. Ist das empirisch belegt?

In den letzten zwei, drei Jahrzehnten haben Verschwörungstheorien und die Zahl der Menschen, die an sie glauben, sicher zugenommen. Im Vergleich zur Situation vor hundert oder zweihundert Jahren haben sie jedoch abgenommen. Vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war der Glaube an sie in der westlichen Welt normal. Dann setzte ein Prozess der Stigmatisierung ein, der sie zum illegitimen, heterodoxen Wissen machte. Verschwörungstheorien wanderten an den Rand der Gesellschaft, was nicht heißt, dass sie nicht mehr geglaubt wurden, aber sie verschwanden in Subkulturen.

Heute macht das Internet Verschwörungstheorien wieder sichtbar und damit verfügbar. Nun greifen auch Menschen darauf zurück, die früher vielleicht gar nicht in Kontakt mit ihnen gekommen wären. Durch die Vernetzung der Szene werden die AnhängerInnen in ihrem Glauben bestärkt. Wer vor dreißig Jahren behauptet hat, JFK sei von der CIA ermordet worden, und das soziale Umfeld hat diese These abgelehnt, hat sie vielleicht irgendwann aufgegeben. Heute findet man online Hunderte, die die eigenen Ansichten bestätigen.

 

Welche Personengruppe glaubt an Verschwörungstheorien?

Wir finden Verschwörungsdenken in allen Bevölkerungsgruppen, unabhängig von Geschlecht, Einkommen, Bildungsgrad oder politischer Orientierung. Die Forschung streitet, ob es Tendenzen gibt. Empirische Wissenschaften wie Psychologie und Politik sagen zum Beispiel, Gender spiele keine Rolle. Qualitative Studien der Ethnologie oder Soziologie zeigen allerdings, dass Verschwörungstheorien für Männer eine viel größere Bedeutung haben. Es sind eher Männer, die Videos posten, Bücher dazu schreiben und online aktiv sind. Und es gibt eine Tendenz zu einer bestimmten Altersgruppe ab etwa 40 bis 50 Jahren. Auch der Bildungsabschluss scheint wichtig zu sein. Es gibt die These, dass Menschen, die in der Schule oder im Studium mit sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontiert wurden, weniger empfänglich für Verschwörungsdenken sind, weil sie mit nicht-konspirationistischen Erklärungsmodellen vertraut sind.

Wenn man zusammenzählt, dass tendenziell mehr Männer ab dem mittleren Alter mit eher geringem Bildungsabschluss an Verschwörungstheorien glauben, stellt man fest, dass es sich um die gleiche Gruppe handelt, die in Europa die populistischen Bewegungen trägt.

 

Sind Verschwörungstheorien ein globales Phänomen und gibt es regionale Unterschiede?

Leider gibt es noch wenig Forschung außerhalb des westlichen Raums. Heute geht man nicht mehr davon aus, dass Verschwörungstheorien eine anthropologische Konstante sind und zu allen Zeiten in allen Kulturen auftreten. Man vermutet, dass sie in Europa im Übergang von früher Neuzeit zur Aufklärung entstanden sind und in außereuropäische Räume exportiert wurden. Das lässt sich anhand von antisemitischen Verschwörungstheorien gut nachzeichnen, die in der arabischen Welt lange Zeit keine Rolle spielten. Erst im 20. Jahrhundert und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnen sie dort an Bedeutung.

Mittlerweile sind Verschwörungstheorien ein globales Phänomen und treten in allen Ländern auf. Außerhalb der westlichen Welt haben sie allerdings keinen Delegitimierungsprozess durchlaufen, das heißt, dass sie in arabischen und manchen osteuropäischen Ländern Teil eines akzeptierten öffentlichen Wissens sind. Sie werden von PolitikerInnen bedient und in den Medien ernsthaft diskutiert. Zum Beispiel werden »Die Protokolle der Weisen von Zion« in der arabischen Welt offen in den Buchhandlungen vertrieben.

 

Treten in allen Verschwörungstheorien Elemente von strukturellem Antisemitismus auf?

Verschwörungstheorien und Antisemitismus haben, wie auch der Populismus, gemeinsame Struktureigenschaften. Dazu gehört etwa ein binäres Weltbild, also die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Im Antisemitismus spielt Verschwörungsdenken eine zentrale Rolle, wie die Vorstellung von einer jüdischen Weltherrschaft. Aber nicht alle modernen Verschwörungstheorien sind antisemitisch. Zeitgenössische Theorien lassen es zudem bewusst offen, wer die Bösen im Hintergrund sind, damit sie ein möglichst großes Zielpublikum erreichen. Diese Theorien können, müssen aber nicht antisemitisch gefüllt werden.

 

Worin besteht die soziale Funktion von Verschwörungstheorien?

Sie bieten ein Sinn- und Erklärungsmodell an und machen die Welt wortwörtlich bedeutsam. Nichts geschieht durch Zufall, alles hängt zusammen und ergibt Sinn. Chaos und Kontingenz werden ausgeschlossen, während Einfluss und Macht menschlichen Handelns betont werden. Verschwörungstheorien transportieren ein romantisches Menschenbild, das eher ins 18. und 19. Jahrhundert passt.

Hinzu kommt, dass Verschwörungstheorien klassische Feindbildfunktionen bedienen. Sie ermöglichen, Verantwortliche für die eigene Misere ausmachen zu können, was wiederum erlaubt, dass man gegen die vermeintlich Schuldigen vorgehen kann. Rassismus oder Antisemitismus werden so legitimiert. Gleichzeitig transportieren Verschwörungstheorien einen gewissen Optimismus. Denn wenn menschliche Akteure an allem schuld sind und nicht abstrakte Prozesse wie die Globalisierung, dann können diese Akteure auch entlarvt und besiegt werden.

 

Verschwörungstheorien treten sowohl im rechten wie im linken Spektrum auf. Worin unterscheiden sie sich?

Verschwörungstheorien sind in beiden Spektren gleichermaßen verbreitet. Das mag JournalistInnen, die sich links oder liberal verorten, nicht auffallen, weil die Theorien von rechts oft ein rassistisches und antisemitisches Substrat haben. Sie drehen sich nicht nur um Eliten, sondern beziehen auch andere Gruppen wie Geflüchtete mit ein. Die Theorien von links belassen es hingegen meist bei Elitenkritik. Zum Beispiel kamen in Interviews mit Demonstrierenden von Stuttgart 21 immer wieder verschwörungstheoretische Elemente vor, was von sympathisierenden JournalistInnen aber nicht weiter thematisiert wurde. Bei PEGIDA haben die Medien die dort verbreiteten Verschwörungstheorien hingegen sofort aufgegriffen. Das hat gute Gründe, aber so entsteht der Eindruck, dass Verschwörungen vor allem rechts auftreten.

Verschwörungstheorien müssen an sich nicht gefährlich sein, können es aber werden, wenn sie sich gegen Minderheiten richten und Gewalt gegen sie legitimieren. Das ist bei Verschwörungstheorien von links eher nicht der Fall.

 

Es gab und gibt tatsächliche Verschwörungen von Seiten staatlicher Akteure. Wie kann berechtigte Skepsis gegenüber staatlichem Handeln von Verschwörungsdenken abgegrenzt werden?

Die Grenze kann gezogen werden, auch wenn sie nicht immer leicht zu identifizieren ist. Sobald davon ausgegangen wird, dass Alles miteinander verbunden und nichts dem Zufall überlassen ist, handelt es sich um eine Verschwörungstheorie. Natürlich gibt es Verschwörungen etwa in Form von Staatstreichen, aber Verschwörungstheorien betten diese Ereignisse in einen viel größeren Rahmen.

Soziale Systeme bringen immer Effekte hervor, die niemand intendiert hat. Beim NSU-Komplex gab es nicht die eine große Verschwörung im Hintergrund, sondern auch viel Chaos und Unfähigkeit. Doch gab es sicher in verschiedenen Landesämtern und vielleicht auch beim Bundesamt für Verfassungsschutz SympathisantInnen, die mehr wussten, als sie heute zugeben. Aber wenn sie alle unter einer Decke steckten, hätten wir das mit Sicherheit bereits erfahren.

 

 

Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Zuletzt erschien von ihm »Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien« (Suhrkamp 2018). Das Interview führte Katrin Dietrich (iz3w).

371 | Über Verschwörungstheorien
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