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Hefteditorial

Gute Nachrichten

Neulich, in einer kleinen Runde politisch Interessierter, kommt das Gespräch auf den Schülerstreik gegen Klimawandel und miese Klimapolitik. »Irgendwie finde ich das traurig, wenn schon die Kinder Weltuntergangszenarien beschwören«, sagt eine. Ein anderer widerspricht: »Wir waren doch in den 1980er Jahren noch viel stärker No Future-mäßig drauf: Atomraketen, Waldsterben, Big Brother is watching you, Aids …« Die Runde ist sich zumindest in einem einig: Düstere Szenarien und Kulturpessimismus sind der Linken fest eingeschrieben, gleich ob jung oder alt.

Die iz3w ist da keine Ausnahme. Heute erlauben wir uns aber mal eine Abwechslung vom medialen Alltagsgeschäft, sprich der Übermittlung schlechter Nachrichten. Wir sprechen über Entwicklungen, die den ebenfalls linken, wenn auch in Verruf geratenen Topos des Fortschrittsoptimismus bedienen. Denn gute Nachrichten gibt es erstaunlich viele.

Wussten Sie zum Beispiel, dass im September 2018 eine ungeheuer wichtige Marke erreicht wurde? Erstmals seit Beginn der Neuzeit lebt die Mehrheit der Menschheit nicht mehr in Armut. Über 50 Prozent der Menschen zählen nun im globalen Maßstab zur Mittelschicht und Oberklasse. In Indien konnte die Armutsrate halbiert werden, Tendenz weiter fallend. Sicher, Bemessungsgrundlage dafür sind nur bedingt aussagekräftige monetäre Indikatoren. Soziale Spaltung und bittere Armut sind noch lange nicht aus der Welt (siehe iz3w 336). Aber die Werte über den sich verbreiternden Wohlstand sind über die Jahrzehnte vergleichbar, und sie weisen in die richtige Richtung.

Fast zu Jubelschreien verleiten kann die Zurückdrängung von Aids. Anders als noch vor dreißig Jahren ist eine HIV-Infektion kein Todesurteil mehr, es gibt wirksame Medikamente dagegen. Die Zahl der Neuinfektionen ging weltweit zurück, in Südafrika sogar um 44 Prozent. Neuinfektionen bis 2030 auf null zu senken, ist ein realistisches Ziel geworden – zu dessen Verwirklichung allerdings noch viel Druck auf die Pharmaindustrie ausgeübt werden muss, damit Medikamente nicht nur Zahlungskräftigen zu Gute kommen.

Unbemerkt vom Nachrichtengeschäft hat sich in afrikanischen Ländern eine kleine Revolution ereignet, die wie so oft mehr Folge langfristiger Aufklärung denn großer Politik ist: Genitalverstümmlung bei Frauen geht stark zurück. Eine Forschungsgruppe fand heraus, dass in Nordafrika die Rate von 58 auf 14 Prozent der Frauen gesunken ist, in Westafrika von 74 auf 25 Prozent und in Ostafrika von 71 auf acht Prozent. Es bleibt noch viel zu tun, bis die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung voll erreicht ist. Aber die vielen Mädchen und Frauen, die nun unverstümmelt leben können, dürften mehr als nur erleichtert sein.

Erfolge gibt es auch bei der Umweltpolitik: Das Ozonloch wird in wenigen Jahrzehnten vollständig gestopft sein. Laut UN-Umweltprogramm UNEP werden allein bis zum Jahr 2030 zwei Millionen weniger Fälle von Hautkrebs auftreten, gerade in Ländern mit hoher Sonneneinstrahlung. Das anfänglich gegen große Widerstände durchgesetzte Verbot der Verwendung von Fluorkohlenwasserstoff (FCKW) in Spraydosen und Kühlschränken zahlt sich nun in einem Maße aus, das selbst OptimistInnen nicht erwartet hatten. Das könnte eine Blaupause sein für die Eindämmung der Klimawandelgase Kohlendioxid und Methan.

Die guten Nachrichten sind so zahlreich, dass sie hier gar nicht alle aufgeführt werden können. Die Kindersterblichkeit geht weltweit zurück, der globale Baumbestand ist seit 1982 um zwei Millionen Hektar gewachsen, allein in der VR China wurden 40 Milliarden Plastiktüten eingespart, in Paraguay ist die Malaria endgültig besiegt, in einem wegweisenden Urteil stellte ein libanesisches Gericht fest, dass Homosexualität kein Verbrechen ist, die Zahl der Todesopfer von kriegerischer staatlicher Gewalt sank in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich, usw. usf.

Wächst angesichts dieser Fortschritte das Glück auf Erden? Glück lässt sich nicht messen, aber zumindest gibt es Indizien dafür, dass existenzielles Unglück abnimmt. Die globale Selbstmordrate sank in den vergangenen 25 Jahren um 38 Prozent. Das entspricht vier Millionen Menschen. Am meisten sanken die Selbstmordraten in asiatischen Ländern und dort besonders unter jungen Frauen, die nun mehr denn je Perspektiven für sich sehen. Bemerkenswerte Ausnahme sind die USA, wo die Selbstmordrate um 18 Prozent gestiegen ist.

Was lernen wir aus alledem? Es lohnt sich, mit langem Atem für Veränderungen zu kämpfen. Hey, ihr streikenden SchülerInnen: Ihr macht das Richtige! Für euer hoffnungsfroh stimmendes Engagement dankt euch herzlich

die redaktion

371 | Über Verschwörungstheorien
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