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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Verschwörungstheorien

Hat sich die CIA mit der Sängerin Beyoncé verbündet, um mittels ihres neuen Albums »Lemonade« sowohl einen »Rassenkrieg« als auch einen »Krieg gegen Männlichkeit« herbeizuführen? Klingt absurd, ist es auch, aber: #mussmanwissen. Mit der Floskel »Muss man wissen« beendete der Verschwörungstheoretiker Axel Stoll gerne seine kleinen Vorträge über allerlei Wahnideen. Die kritische Initiative Der Goldene Aluhut griff die Worte ironisch auf und retweetet unter diesem Hashtag immer wieder lustige Verschwörungstheorien auf Twitter. Die CIA-Beyoncé-Connection ist nur eine von vielen, die uns bei der Recherche zum Themenschwerpunkt zum Lachen brachten.

Doch so unsinnig die allermeisten Verschwörungstheorien auch klingen, so real und zerstörerisch können die Folgen sein: Menschen werden angefeindet, ausgestoßen, bedroht oder gar ermordet. Häufig werden dabei bestehende Diskriminierungsstrukturen aufgegriffen und zu einem von Ressentiments geleiteten Theoriemonster umgebaut – so wie im oben genannten Beispiel Rassismus und Antifeminismus aufgegriffen werden.

Besonders weit verbreitet sind antisemitische Verschwörungstheorien, nicht zuletzt, um sich im schwer überschaubaren global vernetzten Kapitalismus zurechtzufinden. Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärungsmodelle für komplexe Sachverhalte. Sie ermöglichen eine klare Trennung in Gut und Böse. Sie vermitteln das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, sowie das erhabene Wissen, verstanden zu haben, was die anderen immer noch nicht kapieren wollen und sollen.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Verschwörungsgläubige minderbemittelt sind, dass sie den ganzen Tag im Internet surfen und ohne nachzudenken alles glauben, was ihnen dort erzählt wird. Verschwörungstheorien sind durchaus Narrative, die beanspruchen, das gängige Wissen kritisch zu hinterfragen und investigativ nach der Wahrheit zu suchen. Sie werden nicht nur am Stammtisch erschaffen, sondern auch in politischen Strategiebesprechungen und in der Wissenschaft. Oft sind es hochintelligente Menschen, die mit besonderem Eifer Verschwörungstheorien erfinden. Sie meinen, die Welt besser erklären zu können als der Mainstream. Verschwörungstheorien sind trotz ihres meist vorhandenen Lokalkolorits oft so stark global miteinander vernetzt, dass sie sich gegenseitig legitimieren. Häufig widersprechen sie sich aber auch – was jedoch nicht dazu führt, dass ihre AnhängerInnen sie auf Plausibilität überprüfen.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Verschwörungstheorien heute fortbestehen, in einer Zeit, in der der den Menschen so viele Informationen wie nie zuvor zur Verfügung stehen. Jede/r kann sich umfassend informieren und so verschwörungstheoretischem Irrglauben vorbeugen. Und doch sind Theorien über Verschwörungen weltweit beliebter denn je. Denn ihre Verbreitung ist über das Internet extrem einfach geworden, jede/r kann dort ungefiltert abstruse Ideen kundtun. Verschwörungstheorien haben die Nischen längst verlassen: Der Popmusiker Xavier Naidoo verpackt die Wahnvorstellungen der ReichsbürgerInnen in Kuschelrocktexte, zigtausende ImpfgegnerInnen entziehen ihre Kinder den geheimen Machenschaften der Pharmaindustrie und am Kiosk kann man mehr als eine Zeitschrift kaufen, die den Klimawandel für eine Verschwörungstheorie der Ökospinner hält.

Verschwörungstheorien sind kein Alleinstellungsmerkmal der Rechten und des Rechtspopulismus, sie reichen bis weit in gesellschaftliche Mitte. Auch die linke Szene ist anfällig dafür. Das unreflektierte Gerede von »den Herrschenden«, »den Eliten« oder »den Großmächten« eröffnet eine Querfront zu ähnlich skurrilen Weltbildern der rechten Szene. Wahlweise werden die CIA, der Mossad, die Nato, der Westen, die USA, China oder Russland für die Unterdrückung der Völker verantwortlich gemacht, und immer verfolgen sie dabei angeblich größere Geheimpläne. Dass beispielsweise die CIA tatsächlich massiv in andere Staaten eingreift, ist aber kein Geheimnis und beruht nicht auf einer Verschwörung, sondern ist ihr offen kommunizierter machtpolitischer Auftrag, über dessen Details mehr bekannt ist, als die Meisten glauben. Und doch arbeiten viele PolitikerInnen wie derzeit etwa Nicolás Maduro in Venezuela mit obskuren Sündenbocktheorien, um von selbst verursachten Missständen abzulenken.

Gegen den Irrsinn der Verschwörungstheorien hilft nur Aufklärung. Man kommt nicht umhin, sich über sie zu informieren und immer wieder dagegen zu argumentieren. Das kann ermüdend sein, aber zum Glück bieten die meisten Verschwörungstheorien auch einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Jedes Format, das sich wie etwa Der Goldene Aluhut über diese Theorien lustig macht, trägt dazu bei, dass sie auf keine größere gesellschaftliche Resonanz stoßen.

die redaktion

371 | Über Verschwörungstheorien
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