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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Marc Engelhardt: Ausgeschlossen

Marc Engelhardt: Ausgeschlossen

Mauern, Zäune und Abgründe

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs würde eine Ära des friedlichen Miteinanders und der offenen Grenzen anbrechen, hofften wir vor dreißig Jahren. Leider geschah das Gegenteil: Während zwischen den 26 Schengen-Ländern EU-Europas die Grenzen fielen, wurden seither sechzig neue Grenzzäune und Mauern errichtet. Sie sind insgesamt 41.000 km lang und könnten den Erdball umspannen. Mehr als die Hälfte der neuen Grenzbefestigungen sollen vor Migration schützen.

26 JournalistInnen, die aus über 160 Ländern für deutschsprachige Medien berichten und Mitglieder des Netzwerks Weltreporter sind, schreiben in dem von Marc Engelhardt herausgegebenen Band Ausgeschlossen über alte und neue Grenzbefestigungen aus Stein, Beton, Stahl und Stacheldraht – auch über unsichtbare und in Vergessenheit geratene. Manche Beispiele mögen nicht so recht ins Schema passen, aber insgesamt bieten die Beiträge anregende Lektüre zu einem brennenden Thema. Es geht sowohl um technische Details, als auch um den politischen Kontext und die wirtschaftlichen Kosten der Grenzanlagen. Aber vor allem geht es um die Folgen für die Menschen, insbesondere für diejenigen, die ausgeschlossen werden. Wobei die Ausgeschlossenen und Auszuschließenden in der Regel die Machtlosen sind, vor denen die Mauerbauenden – die Mächtigen – sich offensichtlich fürchten.

Viele der Beispiele zeigen, dass Mauern Ausdruck von Angst sind. Angst vor gewaltsamen Konflikten, aber überwiegend Angst vor den Opfern der wachsenden Ungleichheit, die zunehmend als Ungerechtigkeit empfunden wird. Das gilt sowohl für so genannte Gated Communities als auch für Grenzen zwischen Ländern und Kontinenten. Zugleich wird deutlich, dass Mauern das Problem nicht lösen, sondern im Gegenteil Differenzen und Spannungen schüren und das Gewaltpotential und die Belagerungsmentalität verstärken. Deshalb müssen sie immer höher gebaut und immer stärker gesichert werden. Sie werden immer weiter entfernt errichtet und sie verschlingen immer mehr Geld. Dafür stehen sowohl die von US-Präsident Trump geplante Mauer an der Grenze zu Mexiko, als auch die »Mauer aus Sand« der EU in der Sahara an der nördlichen,  5.700 km langen Grenze Nigers.

Nicht nur diese Beispiele zeigen, dass dadurch die Migration nicht verhindert, sondern nur umgeleitet und erschwert wird. Aber so hoch und befestigt die Zäune und Mauern auch sein mögen: Menschen, die nichts zu verlieren haben, werden immer einen Weg finden, sie zu überwinden, selbst wenn man auf sie schießt. Allerdings wird sie das immer mehr kosten, oft auch ihr Leben. 2017 sind 3.116 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken, mehr als in den Jahren davor. Die Zahl derer, die in der Sahara gestorben sind, ist nicht bekannt, dürfte aber kaum niedriger sein.

Die Schlussfolgerung aus alledem erscheint logisch: Wenn die Ungleichheit verschwindet, sind die Mauern unnötig. Aber das ist leider utopisch. In Abwandlung von Bill Clintons Spruch möchte man rufen: It’s the economic system, stupid!

von Eva-Maria Bruchhaus

 

Marc Engelhardt (Hg.): Ausgeschlossen. Eine Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen. DVA, München 2018. 288 Seiten, 18 Euro.

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