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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Wer dahintersteckt - Warum sind so viele Verschwörungsideologien antisemitisch?

Wer dahintersteckt - Warum sind so viele Verschwörungsideologien antisemitisch?

Die Judenfeindschaft stellt eine wirkungsmächtige Verschwörungstheorie dar. Mit der gesellschaftlichen Ächtung des Antisemitismus nach 1945 verlor sie an Sichtbarkeit. Die Vorstellung vom Komplott »der Juden« ist damit nicht aus der Welt.

von Olaf Kistenmacher

Im bayerischen Wahlkampf 2018 witterte der heutige Landtagsabgeordnete der Alternative für Deutschland (AfD), Andreas Winhart, die Chance, »Frau Merkel in den Ruhestand zu senden und die Soros-Flotte mit den ganzen Rettungsbooten im Mittelmeer zu versenken«. Das Verschwörungsnarrativ über George Soros war bei der deutschen extremen Rechten angekommen: Demnach sei Migration weder normal noch eine Folge von Armut, Hunger oder Krieg – sondern das Werk böser Mächte, von »Juden«.

Diese Vorstellung formulierte bereits vor 90 Jahren Adolf Hitler: »Juden waren und sind es, die den Neger an den Rhein bringen«, schrieb er in »Mein Kampf«. Sie würden das Ziel verfolgen, durch die »dadurch zwangsläufig eintretende Bastardisierung die ihnen verhaßte weiße Rasse zu zerstören«. Was Hitler 1925 so beschrieb, nennt die Neue Rechte heute »Bevölkerungsaustausch« und »Umvolkung«.

Die Beispiele machen deutlich, wie Antisemitismus und Rassismus im Weltbild der extremen Rechten verschränkt sind. Sie zeigen außerdem, warum der antimuslimische Rassismus nicht einfach, wie manche WissenschaftlerInnen glauben, den Antisemitismus ersetzen kann. Volker Weiß erinnert in »Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes« daran, dass niemand »dem Islam die Schuld an Fortschritt, Säkularisierung, Frauenemanzipation, Kulturindustrie, Marxismus und Liberalismus« geben würde, also an all dem, was die extreme Rechte an einer modernen Gesellschaft hasst. Die »Islamisierung«, vor der sich AfD, Pegida und Identitäre Bewegung ängstigen, ist für sie nur die Folge des Universalismus – den die »Juden« angeblich verkörpern.

Mit der Radikalisierung der AfD haben die offen judenfeindlichen Äußerungen zugenommen, und bei Bewegungen wie Pegida, die sich zuweilen auch proisraelisch geben, wird immer häufiger offen ausgesprochen, dass »die Juden« hinter der »Lügenpresse« und der »Merkel-Diktatur« stecken.

 

Wer profitiert vom Gedenken?

Es stellt sich die Frage, ob Verschwörungsideologien notwendig antisemitisch sind. Etliche kommen jedenfalls ohne den Verweis auf »die Juden«, den Mossad oder Israel aus. Ein Milieu, das für seine mitunter kruden Vorstellungen berüchtigt ist, sind die »Reichsbürger«. Ihre Verschwörungsnarrative drehen sich oft um Außerirdische, Echsenmenschen oder namenlose Mächte. Wie Tobias Ginsburg in seiner Undercoverreportage »Die Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern« gezeigt hat, wissen viele Reichsbürger um die gesellschaftliche Tabuisierung von Antisemitismus. Ginsburg zitiert Gespräche, bei denen sich Reichsbürger oder Souveränisten gegenseitig ermahnen, den Holocaust nicht öffentlich zu leugnen – trotz ihrer Sympathien für die verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck.

In dem Sammelband »Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr« analysiert Jan Rathje die Sehnsüchte der Reichsbürger nach einem »mythischen Heilsort (Deutsches Reich, eigener Staat, Souveränität)«. Dieser entspräche ihrem Wunsch, der deutschen Geschichte zu entkommen. Wenn man die BRD, wie es die meisten Reichsbürger explizit tun, nicht anerkennt, dann kann man gleichzeitig die Ursachen dafür ausblenden, warum es nach 1945 die Teilung und zwei deutsche Staaten gab.

Das Bedürfnis nach Entlastung, Erinnerungs- und Schuldabwehr teilen die Reichsbürger nicht nur mit vielen Rechtsextremen, sondern auch mit zahlreichen Menschen in der Mitte der Gesellschaft. Wie Schuldabwehr und Antisemitismus zusammenhängen, offenbarte Rudolf Augstein Ende der 1990er Jahre während der Debatte um das Holocaust-Mahnmal und um Martin Walsers Dankesrede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Walser hatte sich in seiner Rede gegen die »Dauerpräsentation unserer Schande« gewendet und Augstein war ihm mit dem Argument beigesprungen, dass das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin die Judenfeindschaft befördern würde: »Man würde untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brandmal aufgezwungen wird.« Als der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke 2017 in Dresden das Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichnete und seine Partei dafür kritisiert wurde, konnte sie damit kontern, dass Augstein und Walser rund zwanzig Jahre zuvor die gleichen Begrifflichkeiten verwendet hatten.

Diese Verbindung lässt sich als eine Steigerung darstellen: Die einen geben sich wie Augstein besorgt, dass die Erinnerung an die Shoah den Antisemitismus befördere, die nächsten fordern wie Björn Höcke eine »180-Grad-Wende« in der Erinnerungspolitik, und schließlich behaupten Rechte hinter vorgehaltener Hand, »die Juden« würden von der deutschen Gedenkpolitik profitieren.

 

Wer hat die Macht?

Strukturell besteht zwischen Verschwörungstheorien und antisemitischen Weltbildern eine Gemeinsamkeit. In beidem werden gesellschaftliche Verhältnisse personifiziert oder durch den Einfluss böser Wesen scheinbar erklärt. Im antisemitischen Weltbild sind es »die Juden«, die wahlweise für den Kapitalismus, den Liberalismus oder den Kommunismus verantwortlich sind. Schon im Antijudaismus brachten sie angeblich das Böse mit Brunnenvergiftung, Hostienschändung oder Gottesmord in die Welt. Verschwörungstheorien bieten für Katastrophen, Attentate oder andere rätselhafte Phänomene Erklärungen an, indem sie die angeblichen Schuldigen oder Nutznießenden benennen. In populären Verschwörungsnarrativen ist entsprechend wiederholt von Geheimbünden oder -diensten die Rede.

Verschwörungstheorien, so heißt es manchmal, hätten einen wahren Kern. Aber im Kern können sie völlig falsch sein. Es stimmt jedoch, dass Verschwörungsnarrative, wenn sie erfolgreich sein wollen, an anerkannte Tatsachen anknüpfen sollten, beispielsweise: den Mord an John F. Kennedy, die Landung amerikanischer Astronauten auf dem Mond oder die Anschläge vom 11. September. Es dient dem Erfolg einer Verschwörungserzählung, wenn sie an vertraute Vorstellungen anknüpft. Dabei passen antisemitische Vorstellungen besser als rassistische. Den »Juden« wird seit Jahrhunderten nachgesagt, im Verborgenen zu agieren und über eine unsichtbare Macht zu verfügen.

Bei allen Formen des Rassismus wird den Anderen Macht zugesprochen, schrieb der Marxist Moishe Postone 1979 in seinem grundlegenden Aufsatz »Nationalsozialismus und Antisemitismus«. Doch die Macht, über die in rassistischen Vorstellungen beispielsweise afroamerikanische Männer verfügen, ist eine körperliche. Sie ist die Fähigkeit, durch physische Überlegenheit oder sexuelle Potenz andere zu unterwerfen.

Die den »Juden« zugeschriebene Macht, so Postone, ist demgegenüber eine ganz andere: nicht körperlich, sondern über andere Menschen vermittelt, nicht sichtbar. Postone verweist auf die Ähnlichkeit zu dem, wie der globale Kapitalismus erscheint. Die »Charakteristika der Macht«, die den »Juden« zugeordnet werde – Abstraktheit, Unfassbarkeit, Universalität, Mobilität – gleichen den »Charakteristika der Wertdimension« im Kapitalismus: »Weil die Macht der Juden nicht konkret gebunden, nicht ‘verwurzelt’ ist, wird sie zum einen als überwältigend wahrgenommen und ist zum anderen sehr schwer nachzuprüfen. Es wird angenommen, daß sie hinter den Erscheinungen stehe, ohne mit diesen identisch zu seien. Ihre Quelle ist hinterlistig verborgen: konspirativ.« Und anders als bei der rassistischen Angst vor einer endgültigen Unterwerfung in der Zukunft verfügen im antisemitischen Weltbild »die Juden« über diese Macht bereits in der Gegenwart.

 

Wer finanziert die Karawane?

Um diese Vorstellungen aufzurufen, reichen Anspielungen. Als sich eine Karawane von mehreren tausend Menschen in Richtung der USA aufmachte, fragte Donald Trump sein Publikum, ob es wisse, wie die Karawane zustande gekommen sei: Dabei machte er eine Geste des Geldverteilens. Der Republikaner Matt Gaetz wurde konkreter. Er zeigte am 17. Oktober auf Twitter ein Video, in dem zwei Männer etwas Geld an Frauen und Kinder in einer Menschenschlange vergeben. Das täten sie, damit sie sich der Karawane anschließen und die US-Grenze »stürmen«, so Gaetz. Dann forderte er zu untersuchen, aus welchen Quellen das Geld stamme. »Soros? US-backed NGOs?«

Für den Attentäter von Pittsburgh, der Ende Oktober 2018 elf Jüdinnen und Juden in einer Synagoge erschoss, war die Frage längst beantwortet. In sozialen Medien hatte er kurz zuvor kundgetan, dass »Juden« dahinterstecken, wenn Menschen die US-amerikanische Grenze »stürmen«.

 

 

Olaf Kistenmacher gab mit Hans-Joachim Hahn den Sammelband »Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der Antisemitismusforschung vor 1944« (De Gruyter, Berlin/München 2015) heraus, zu dem 2019 ein Folgeband erschienen ist.

 

 

Zum Hintergrund:

Michelle Obama ist ein Mann

In ihrer Autobiographie »Becoming« schreibt Michelle Obama, sie werde Donald Trump nie verzeihen, dass er die Verschwörungstheorie verbreitete, wonach ihr Mann nicht in den USA geboren und daher kein legitimer Präsident sei. Eine weitere Verschwörungstheorie erwähnte sie dagegen nicht, vermutlich, um Alt-Rightlern nicht die Genugtuung zu verschaffen, sie verletzt zu haben: Michelle Obama, so lautet sie, sei in Wirklichkeit ein Mann.

Im August 2017 hatte Alex Jones mit einem zwölfminütigen Video für die weltweite Verbreitung dieser zuvor schon in Nazikreisen kursierenden Lüge gesorgt. Seit Obama zum Präsidenten gewählt wurde, hätten zahlreiche BürgerInnen die existierenden Fotos und Videos von Michelle eingehend studiert und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass sie ein Mann sei, erklärte der rechte Verschwörungstheoretiker. Jones kündigte »Schock-Material« an – das dann aus dem Üblichen bestand. Irgendjemand sagt in einem kurzen Clip, dass die Präsidentengattin ganz klar transgender sei. Dazu wurden eine Menge Fotos präsentiert, die herauszusuchen sich jemand ganz besondere Mühe gegeben hatte: Aus bekannten Bilderserien wurden akribisch die Aufnahmen ausgewählt, auf denen die First Lady am unvorteilhaftesten aussah. Auf ihnen wurden ungefähr im Schritt große Penisumrisse oder zumindest erstaunliche Beulen hinein gephotoshopt – groß deswegen, damit auch wirklich jeder Depp mitbekommt, dass es sich nicht etwa um eine Kleiderfalte oder Ähnliches handelt, sondern um ein männliches Geschlechtsorgan. Das weiß ja jeder: Männer erkennt man daran, dass sie immer und ständig große Ausbuchtungen vor sich hertragen.

Weil man aber selbst in der verschwörungsliebenden US-Rechten nicht sicher sein kann, dass der Blödsinn auch wirklich geglaubt wird, wurde noch ein weiterer Beweis dazu geliefert, nämlich ein verschwommenes Schwarz-Weiß-Foto eines College-Footballspielers namens Michael Lavaughn Robinson, der sich irgendwann zu Michelle habe umoperieren lassen. Und dann Barrack geheiratet habe, der ja schon immer schwul gewesen sei. Die beiden Töchter seien adoptiert, wofür es im Übrigen auch einen schlagenden Beweis gebe: Es existiere kein Foto der schwangeren Michelle (die damals noch nicht prominent war, weswegen es keinen Grund gegeben hätte, solche Bilder zu veröffentlichen, und es auch noch kein Facebook gab. Aber egal).

So dusselig sie ist, so begeistert wird diese »alternative« Wahrheit bis heute geglaubt. Auf Twitter wird Michelle Obama tagtäglich mit Michael angeredet und mit gephotoshopten Bildern bombardiert.

Elke Wittich

 

 

Zum Hintergrund:

Qanon: Das Gift wirkt

Wer immer diejenigen sind, die die Verschwörungstheorie unter dem Namen Qanon in die Welt setzten – sie wussten sehr genau, womit sie ihre anvisierte Zielgruppe ködern konnten. Es handelt sich bei Qanon angeblich um einen anonymen Trump-Vertrauten und Regierungsmitarbeiter, der fast täglich Insidergeschichten postet. Seit Oktober 2017 verspricht Qanon das, was Rechtsextreme und fundamentalistische ChristInnen gern hören wollen: Dass alle Linken und Liberalen bald verhaftet und die meisten von ihnen hingerichtet werden. Versehen mit Versatzstücken aus bekannten Verschwörungstheorien wie Pizzagate listet Qanon laufend neue Beweise für angebliche Verbrechen »der Elite« auf und postet verschwurbelte Andeutungen, die dann von den AnhängerInnen entschlüsselt werden sollen.

Wenig überraschend schaffen es die Qanon-Fans immer, irgendeine Erklärung zu finden (und sei sie noch so weit hergeholt), die zufälligerweise genau mit ihrem großen Wunsch übereinstimmt: Ein Amerika ohne Zuwanderer, Schwule, Soros, Schwarze, Juden, Echsenmenschen und Steuern. Mittlerweile glauben Hunderttausende sogar weltweit daran, dass Trump ausgesandt wurde, um alle Länder aus den Klauen «der Elite« zu befreien.

Warum Verschwörungstheorien wie die um Qanon so gefährlich sind, zeigt ein Blick auf den YouTube-Account von Buckey Wolfe. Anfangs ist das, was ihn interessiert, nicht anders als bei millionen Gleichaltrigen: Der junge Mann liked Fitness- und Musikvideos und interessiert sich für Motivationskanäle. Das ändert sich, als er auf Hunter Avalaone aufmerksam wird, einem als »alt lite«, also gemäßigt rechts geltenden jungen YouTuber, der sich dem Kampf gegen linke Social Justice Warriors, die Homoehe und andere liberale Errungenschaften verschrieben hat.

Nach und nach wird Wolfe in den Dunstkreis der klassischen Alt-Right-Protagonisten hineingezogen. Er beginnt, die Videos des Verschwörungstheoretikers Alex Jones und des ehemaligen Breitbart-Kommentators Milo zu liken, über die er dann bei wirklichem Nazicontent landet, wie etwa die Machwerke des Engländers Tommy Robinson und Red Ice TV, ein Kanal für weiße US-Nationalisten. Anfang Januar 2019 spaltete der 26-Jährige Wolfe dann seinem Bruder James mit einer angespitzten Schaufel den Schädel. Gott habe ihm gesagt, dass der ein Echsenmensch sei, erklärte er einem Mitarbeiter des Polizeinotrufs. Auf Wolfes Facebookseite finden die Ermittler aktuelle Postings über Qanon.

Elke Wittich

371 | Über Verschwörungstheorien
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