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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 372 | Klimawandel Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hg.): Eure Heimat ist unser Albtraum

Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hg.): Eure Heimat ist unser Albtraum

Im März 2018 wurde das Innenministerium auf Betreiben von Horst Seehofer in ein »Heimatministerium« umgewandelt, es heißt jetzt Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat. Die Journalistinnen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah nahmen dies zum Anlass, den Band Eure Heimat ist unser Albtraum herauszugeben. In ihm sagen sie mit zwölf weiteren AutorInnen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie, denen sie von der weißen Mehrheitsgesellschaft im Alltag ausgesetzt sind, den Kampf an.

In Essays mit Überschriften wie »Arbeit«, »Essen«, »Liebe«, »Privilegien«, »Sex«, »Sprache«, »Vertrauen« oder »Zuhause« schildern sie ihre individuellen Erfahrungen mit und ihre Verletzungen durch Diskriminierung. Dieser treten sie als schreibendes Kollektiv »für eine gleichberechtigte Gesellschaft« und mit »Alltagssolidarität« entgegen.

Diese subjektive, wenig theorielastige Herangehensweise der AutorInnen schafft beim Lesen Empathie und macht das Buch zu guter Einstiegsliteratur für Menschen, die bisher kaum mit antirassistischen Texten in Berührung gekommen sind. So werden Begriffe wie White Gaze (weißer Blick), Alterisierung oder Intersektionalität niedrigschwellig erläutert, wie zum Beispiel in Reyhan Şahins (auch bekannt als Lady Bitch Ray) Battletext gegen »Orient-Voyeurismus« und für weibliche sexpositive Sprache.

Leider bietet kaum einer der Texte Gesellschaftsanalysen, die über identitätspolitischen Antirassismus hinausgehen. Stattdessen wiederholen viele Texte Bekanntes und vermeiden eine radikale Gesellschaftskritik. Fatma Aydemirs Provokation »Ich will den Deutschen ihre Arbeit wegnehmen. Ich will nicht die Jobs, die für mich vorgesehen sind, sondern die, die sie für sich reservieren« kritisiert nicht die vermeintliche Alternativlosigkeit von Kapitalismus, Konkurrenz und Lohnarbeit, unter der marginalisierte Menschen besonders zu leiden haben, sondern ist im Endeffekt ähnlich affirmativ wie der erfolgreiche Schwarze Rapper im Mercedes Benz.

Besonders beim Thema Antisemitismus bleiben die Beiträge eindimensional. Israelbezogene Judenfeindschaft, bei der Menschen aus marginalisierten Communitys häufig der weißen Mehrheitsgesellschaft in nichts nachstehen, bleibt unerwähnt. Stattdessen erhält Sasha Marianna Salzmann im Beitrag »Sichtbar« viel Platz, um »Juden in der AfD« zu kritisieren und Jasbir Puars Konzept des »Homonationalismus« zu erläutern. Unsichtbar bleibt dabei, dass Puar Israel regelrecht verteufelt und dortige Freiräume für schwule, lesbische, bi- und transsexuelle Menschen als bloße Strategie der Ablenkung von der Besatzung interpretiert.

Max Czolleks »Gegenwartsbewältigung« ist die Kurzfassung seiner berechtigten Kritik des »Integrationsparadigmas« aus seinem Buch »Desintegriert euch!«. Von dessen Erfolg wollte der Ullstein-Verlag wohl ebenfalls ein Stückchen abbekommen. Schließlich hat man auch dort in Zeiten von #MeTwo und #Unteilbar gemerkt, dass es kein Widerspruch ist, neben Heinz Buschkowskys Wutbürger-Warm-up »Neukölln ist überall« auch Antirassismus zu verkaufen. Wohl bekomm’s!

Patrick Helber

 

Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Ullstein Verlag, München 2019. 208 Seiten, 20 Euro.

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