Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 372 | Klimawandel Markus Metz und Georg Seeßlen: Der Rechtsruck

Markus Metz und Georg Seeßlen: Der Rechtsruck

»Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels« untertiteln Markus Metz und Georg Seeßlen ihr Buch Der Rechtsruck. Dieser wird vorwiegend als Aufstieg des Rechtspopulismus gefasst. Das stimmt skeptisch, denn oft verkürzt diese Perspektive den Rechtsruck auf eine Artikulationsform, auf die »Sprechweise« anstelle des Inhaltes.

Die Autoren sprechen das Problem aber selbst an und plädieren für eine umfassende Sichtweise: »So wie man den Rechtsruck aus politischen und ökonomischen Parametern heraus erklären kann, muss man ihn auch aus kulturellen und nicht zuletzt ästhetischen Parametern heraus erklären.«

Metz und Seeßlen werfen zunächst einen Blick auf die Krise und Wiederkehr des bundesdeutschen Neokonservatismus seit den 1960er-Jahren. Mit der gesellschaftlichen Liberalisierung nach 1968 agierte die Rechte zunehmend defensiv und »formierte sich schon damals unter dem Zeichen einer großen Kränkung«. Dafür zogen sozialkritische und liberale Ansichten im Kultur- und Medienbereich ein. Aber das war kein Siegeszug, alle möglichen Strömungen mäandern durcheinander. Die fortschrittlichen Kräfte stolpern über die eigenen Füße, was Metz/Seeßlen mit den Wanderungen von links nach rechts exemplifizieren, etwa von Renegaten wie Horst Mahler.

An Stärke gewinnt die europäische Rechte dann beispielsweise in Frankreich mit einem ideologischen turn: Die Fremdenfeindlichkeit prägt sich immer stärker kulturrassistisch aus, mit dem Front National entsteht eine erfolgreiche rechtsextreme Partei und die Alltagskultur wird von der Neuen Rechten als Kampffeld entdeckt. Mit der Aneignung der Thesen des Kommunisten Antonio Gramsci über den Kampf um kulturelle Hegemonie marschiert die Neue Rechte ins Terrain der Popkultur ein. Die Rechten banalisieren diese Kulturtheorie zum Grabenkampf zwischen Rechts und Links – was ihrem Erfolg keinen Abbruch tut.

Dann feiert die Neue Rechte im Europa der ausgehenden 1990er-Jahre Wahlerfolge mit »populistischen« Parteien. Die vormals elitäre Neue Rechte entdeckt das »Volk« als autoritäres Konzept. In einem weiteren Kapitel widmen sich Metz/Seeßlen der »Sprache der Verblödung« des rechtspopulistischen Projekts. Blödheit hat nichts mit fehlenden Bildungschancen zu tun: »Denn nur Macht erzeugt Blödheit, so wie nur Blödheit Macht erzeugt.« Dann gehen Metz/Seeßlen aber doch zur Sprachkritik der Neuen Rechten über: Welche Begriffe werden entleert, transformiert, verschoben?

Das Buch schlägt einen Haken zum faschistischen Terroristen Anders Breivik, der diese Sprache in die Tat umsetzte. Der nächste Haken führt zur Frage »Warum geht es mir so dreckig?«, also zum Problem des entfremdeten Arbeitslebens. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Rechten einfach nur die Struktur des autoritären Arbeitsregimes reproduzieren. Plötzlich ist der Kulturtext von Metz/Seeßlen materialistisch fundierter als die meisten politischen Populismusanalysen. Ein dritter Haken berührt die Formen der Neuen Rechten: Burschenschaften im Wandel, Esoterik-AnhängerInnen, rechte Frauen, Verschwörungsideologien...

»Der Rechtsruck« ersetzt nicht die Lektüre von Büchern mit stärkerem ökonomischem, politischem und historisch weiter zurück reichendem Hintergrund, wie etwa »Die autoritäre Revolte« von Volker Weiß. Aber das Buch ist eine äußerst anregende Lektüre zur Kultur der rechten Wende.

Winfried Rust

 

Markus Metz und Georg Seeßlen: Der Rechtsruck. Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels. Bertz + Fischer, Berlin 2018. 240 Seiten, 12 Euro.

372 | Klimawandel
Cover Vergrößern