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Black Earth Rising

Zum diesjährigen 25. Jahrestag des Genozids in Ruanda brachten BBC Two und Netflix die Serie Black Earth Rising heraus. Es handelt sich um einen Polit-Thriller, der sich der Geschichte des Genozids und der Zeit danach widmet und dabei mehrere Handlungsstränge verknüpft.

Die Protagonistin Kate Ashby (Michaela Coel) wurde in Ruanda geboren und 1994 von Eve Ashby (Herriet Walter), einer Anwältin, adoptiert. Die Serie steigt etwa zwanzig Jahre später ein: Kate und Eve leben in London und Eve bekommt den Auftrag, einen ehemaligen Tutsi-General, der bei der Beendigung des Genozids half, wegen Verbrechen im Kongo vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag anzuklagen. Kate begibt sich daraufhin selbst auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und der Wahrheit, begleitet von immer neuen Intrigen der britischen, amerikanischen und ruandischen Regierung, der Katholischen Kirche sowie von Milizengruppen im Ostkongo.

Leichte Kost ist die Serie in vielerlei Hinsicht nicht. Regisseur und Autor Hugo Blick erwartet ein gewisses Vorwissen über die Ereignisse in Ruanda und in der DR Kongo. Zwar werden immer wieder einzelne Situationen kontextualisiert, vieles bleibt aber im Dunkeln. Dadurch entsteht jedoch mehr Raum für andere Themen, wie etwa die Frage, ob es nicht »neokolonialer Bullshit« ist, dass ein in Europa ansässiges Gericht mit einer britischen Anklägerin über Verbrechen im Kongo verhandelt. Oder wie eine autoritäre Regierung kritisiert werden kann, ohne dabei in westlichen Paternalismus zu verfallen, und wie eine autoritäre Regierung ihre Politik durch die Befriedung eines Landes und wirtschaftliches Wachstum legitimiert und jegliche Kritik als »Neokolonialismus« abweist. Viele Ansichten und Sichtweisen kommen in der Serie zu Wort, ohne dass einer Seite Erfahrungen abgesprochen oder Eigeninteressen verschwiegen werden. Vor allem den Verbrechen im ersten Kongokrieg (1996-1997) wird viel Platz eingeräumt. Um deren Aufarbeitung wird momentan auch in der realen Politik viel gekämpft.

Gerade die Darstellung genozidaler Gewalt ist bei filmischen Erzählungen äußerst schwierig. Gelöst wurde das in »Black Earth Rising«, indem die betreffenden Szenen gezeichnet und dadurch abstrakt wurden. Die Serie schafft es, die Bilder des Genozides nicht aufzugreifen, die 1994 um die Welt gingen, und trotzdem die damalige Gewalt und Angst abzubilden. Kritik gab es zu Serienbeginn vor allem an der Tatsache, dass die Serie hauptsächlich in London und Den Haag spielt und es – wenn überhaupt – nur Bilder von bewaffneten Milizen im Ost-Kongo zu sehen gab. Dies wurde jedoch in den letzten Episoden aufgebrochen, viele Szenen spielen in Kigali und im Ostkongo, ohne ein exotisch-romantisches Bild zu produzieren.

Kritisiert wird mancherorts, dass es wieder die Geschichte von Leid auf dem afrikanischen Kontinent ist, an der westliche Unternehmen etwas verdienen und sich hauptsächlich westliche Menschen ergötzen. Ohne dieses Argument klein reden zu wollen, kann aber festgestellt werden, dass viele Menschen sich nun durch die Serie mit der neueren Geschichte Ruandas auseinandersetzen. »Black Earth Rising« schafft es, einen Einblick in die komplexe ruandische Innen- und Außenpolitik der letzten 25 Jahre zu geben. Die Serie ist dabei allerdings oft sehr pathetisch und dann doch eher Drama als Dokumentation.

Annika Lüttner

 

Black Earth Rising (Hugo Blick, UK 2019). Alle acht Folgen sind bei Netflix abrufbar.

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