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Editorial zum Themenschwerpunkt

Gedenken in Zeiten der Erinnerungskultur

Die Recherche in der Unibibliothek zeigt: »Erinnerungskultur« gibt es vorwiegend seit den 1990er Jahren. Dabei ist der Prozess des kollektiven Erinnerns wesentlich älter: als Gedenken, Gedenkkultur, Geschichtskultur oder historisches Bewusstsein wird zurückgeblickt, seitdem man von einem »kollektiven Gedächtnis« sprechen kann. Das kollektive Gedächtnis ist ein Schlüsselwort im Erinnerungsdiskurs und meint, dass das Individuum gesellschaftlich nur Dinge erinnern kann, die »von der Gesellschaft festgelegt worden sind«. Diese Definition des Soziologen Maurice Halbwachs stammt aus den 1930er Jahren. Signifikante Unterschiede der Erinnerungskultur zu vorangegangenem Erinnern lassen sich kaum festlegen. Der Übergang vom alten Heldengedenken zum empathischen Blick auf die Opfer; Erinnern in vielfältigen Dimensionen und Formen – all das gab es auch schon vor den Neunzigern; doch erst nach den Neunzigern wurde ein antifaschistischer Widerstandskämpfer wie Georg Elser adäquat gewürdigt. Der unklare Epochenwandel erinnert an den Wechsel von der Moderne zur Postmoderne.

Der Wandel zur Erinnerungskultur ist von Rissen und Wendungen gekennzeichnet, die in den 1980/90er Jahren verortbar sind: als sich einmal ein paar Spontis irgendwo in Süddeutschland mit Farbe und Pinsel an einem alten Kriegsdenkmal zu schaffen machten. Sie übertünchten den vaterländischen Text mit Ausnahme einiger Fragmente. Am nächsten Tag war nur zu lesen: »denk  die  welt  in  rissen«.

Die Vorstellung, dass eine offizielle Revision des historischen Heldengedenkens möglich ist, wäre diesen Spontis absurd erschienen. Doch es ziehen sich immer mehr Risse durch das kollektive Erinnern. In Deutschland ist die Kritik an kolonialen Straßennamen und Denkmälern aus der Linkspresse ins bürgerliche Feuilleton gewandert. Die Lobpreisung eines klassischen Kriegsdenkmales ist heute fast unauffindbar. Das selbstkritische Gedenken an den Nationalsozialismus mit dem Blick auf die Unzahl deutscher TäterInnen und ihrer Opfer ist zur Staatsraison geworden. Völkerkundemuseen mit ihren kolonialrassistischen Zurschaustellungen »Eingeborener« streichen eines nach dem anderen die Segel, um mit einem abgemilderten Kulturenkarneval wiederzueröffnen.

Gleichzeitig gelang es sozialen Bewegungen in lateinamerikanischen Ländern, ein kritisches Gedenken an die Militärdiktaturen etwa in Brasilien, Chile, Uruguay oder Argentinien zu installieren. Letzteres und andere Mosaiksteine eines neuen Gedenkens sind in diesem Heft besprochen. In Ruanda wurde Erinnerungskultur zur Raison d’Être des neuen Staates nach dem Genozid 1994. Innerhalb von Jahren finden in Ruanda Strafverfolgung und Befriedung, klassischer erinnerungspolitischer »Schockeffekt« und postmoderne Museumspädagogik statt (S. 32). In Indonesien wird das tabuisierte Erinnern an die Massaker der Suharto-Diktatur von Kulturschaffenden aufgebrochen, was sich in einer Vielzahl von Büchern, Filmen und Musikproduktionen manifestiert (S. 26).

Zur Bestandsaufnahme des Erinnerns gehört aber auch, dass das herrschaftssichernde Heldengedenken in entsprechenden Regimen einfach fortbesteht. Rita Schäfer exemplifiziert dies mit einem Blick nach Simbabwe. Dort werden nur die postkolonialen HeldInnen der alleinherrschenden ZANU-PF gefeiert und das Gedenken an abweichende AkteurInnen wird unterdrückt (S. 30). Zur Bestandsaufnahme gehört auch ein zweiter turn: Das rissige Erinnern, welches Widersprüchen Platz lässt und welches in Europa begann, auch die Täterschaft »eigener« Leute als KollaborateurInnen des Naziregimes zu kritisieren, gerät unter Beschuss. Die Erfolge rechter und autoritärer Bewegungen bleiben nicht ohne Konsequenzen. In Polen und Ungarn wird die Benennung »eigener« NazikollaborateurInnen wütend niedergekämpft. Und führende AfD-Politiker wie Bernd Höcke fordern »eine gedenkpolitische Wende um 180 Grad«, um das Deutschtum wieder zu feiern.

Auch das zeigt, dass Gedenken umkämpft bleibt. Immerhin gelingen in Deutschland derzeit einige Revisionen nationalistischer, kolonialistischer Gedenkpropaganda. Koloniale Straßennamen werden umbenannt. In Freiburg wird der Anthropologe Johann Alexander Ecker als nicht mehr erinnerungswürdig eingestuft. Der Schädelkundler versuchte sich an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität beharrlich am Nachweis der Höherwertigkeit der »weißen Rasse«. Die Eckerstraße heißt jetzt Ernst-Zermolo-Straße, in Erinnerung an den Mathematiker Zermolo, der 1935 seine Professur an der Albert-Ludwigs-Universität verloren hatte, weil er den Hitlergruß nicht zeigte.

Mit der Erinnerungskultur ist das Erinnern lebendiger geworden. Harte Konsequenzen bleiben aber rar. Zwar legen deutsche RegierungspolitikerInnen angesichts von Kolonialverbrechen die Stirn in sorgenvolle Falten. Aber eine Entschuldigung und Entschädigungen für den deutschen Genozid in Namibia gibt es nicht. So bleibt das deutsche Erinnern gespenstisch. So gespenstisch, wie die Schädel der »Alexander Ecker Sammlung«, die im Freiburger Universitätsarchiv verwahrt sind. Ab und zu wird einmal eine Sendung mit Schädeln nach Namibia oder Australien zurückgeschickt. Risse sind überall.

 

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