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Grenzüberschreitungen

Afrikanische AutorInnen über die Migration von Menschen und Ideen »Transitioning from Migration« lautete das Leitthema des diesjährigen African Book Festival in Berlin. Über dreißig AutorInnen, VerlegerInnen und LiteraturexpertInnen aus afrikanischen Ländern diskutierten dort Anfang April über grundlegende Fragen des Schreibens. Gemeinsamer Tenor war: Ohne Migration gibt es keine Weiterentwicklung der Menschheit.

von Rita Schäfer

Die thematischen Schwerpunkte des African Book Festivals auf historische, politische, gender-spezifische und literaturwissenschaftliche Fragestellungen hatte die Kuratorin Tsitsi Dangarembga gesetzt. Sie hat kürzlich ihren dritten Roman (»This Mournable Body«) veröffentlicht und ist als Filmemacherin international anerkannt. Insbesondere aus ihrem Herkunftsland Simbabwe und aus dem benachbarten Südafrika waren zahlreiche renommierte AutorInnen und LiteraturexpertInnen nach Berlin gekommen. Allen voran der emeritierte Professor Zakes Mda, dessen humorvolle und von leiser Ironie durchzogene Romane wie »Der Walrufer« (2006) und »Madonna von Excelsior« (2005) historisch geprägte gesellschaftliche Spannungen in Südafrika beleuchten. Sein jüngstes Werk »The Zulus of New York« (2019) widmet sich Zulu-Männern, die im 19. Jahrhundert während so genannter Freak Shows in New York auftraten.

Mda, der wegen der regimekritischen Aktivitäten seines Vaters als Teenager Südafrika verlassen musste und in Lesotho aufwuchs, wirkt auch als Dramaturg und Schirmherr des legendären Market Theatre sowie der Jozi Book Fair in Johannesburg. In Berlin erläuterte er, dass er vom facettenreichen kulturellen Leben der ExilantInnen in Lesotho inspiriert und selbst nie verfolgt wurde, jedoch die Schicksale zahlreicher KollegInnen kennt, die Bedrohungen und Gewalt erlitten. Für ihn sei Kunst ein Mittel gewesen, den Aktivismus der Menschen gegen die Unterdrückung durch das Apartheidregime zu fördern. Da er selbst nicht im rassistischen Südafrika lebte, musste er seine Imagination nutzen, um dieses Ziel zu erreichen. Das habe ihm geholfen, sich als Autor weiterzuentwickeln. Er suche das Universelle im Partikularen. Mit Erfolg: Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und begeistern eine weltweite LeserInnenschaft.

 

Literatur – analog und digital

Thando Mgqolozana, eine Stimme junger SüdafrikanerInnen, zählt zu den Mitbegründern des Abantu Book Festivals in Soweto, das ebenso wie Leseclubs junger schwarzer Frauen ein neues Literaturinteresse der Bevölkerung aus den Townships zum Ausdruck bringt. Auch er meint, AutorInnen sollten gesellschaftskritische Themen behandeln. Er fokussiert auf die Gegenwart und auf politische Kontroversen; aus seiner Sicht sind die Folgen der Apartheid und des vom rassistischen Regime verschuldeten Unrechts noch längst nicht überwunden. So befasst er sich in seinen Werken mit streikenden Studierenden (»Unimportance«, 2014) und der Beschneidung von Xhosa-Jungen (»A man who is not a man«, 2009).

Mgqolozana will seine Charaktere aber nicht für politische Themen vereinnahmen, sondern ihre Komplexität und Widersprüchlichkeit darstellen. So schrieb er auch das Drehbuch für den umstrittenen und für einen Oscar nominierten südafrikanischen Spielfilm »Inxeba, The wound« (2018) über Homosexualität und Jungeninitiationen. Literaturinteressierte hatten somit das Privileg, mitten in Berlin Diskussionen über wichtige gesellschaftliche Kontroversen in Südafrika zu verfolgen, ohne nach Johannesburg fliegen zu müssen. Mgqolozana setzt keineswegs nur auf einzelne Werke oder jährliche Literaturfestivals, vielmehr möchte er öffentliche Bibliotheken in Afrika mit Literatur vom eigenen Kontinent ausstatten. Zudem will er das verstärkte Interesse am Lesen durch neue elektronische Kommunikationsmedien fördern.

Mehrgleisig geht auch Bibi Bakare-Yusuf in Nigeria vor. Zum einen veröffentlicht sie mit ihrem Verlag Cassava Republic Press gute und günstige Literatur mit Potenzial, zu gesellschaftlichem Wandel beizutragen. Daneben fördert sie mit ihrer Webseite Tapestry Consulting Gender-Gerechtigkeit in der Arbeitswelt. Die ebenfalls nigerianische Anglistin Ainehi Edoro hat Brittle Paper gegründet, eine Webseite für afrikanische Literatur und Poesie. Sie legt großen Wert darauf, diese sorgfältig zu kuratieren. Nur so könnten das professionelle Niveau und die Bedeutung des Portals gewährleistet werden.

 

Queer, lokal und widerständig

Im (Online-)Magazin Kabaka bieten die selbst durch homophobe Hetze verfolgten Journalisten Romeo Oriogun und Chibhuihe Achimba verschiedenen Queer-Autor*innen eine Plattform. Auch der in Nigeria geborene Journalist Chiké Frankie Edozien, der in verschiedenen afrikanischen Ländern arbeitete, reflektiert in seiner Autobiographie seine Homosexualität sowie die Ausgrenzung von Minderheiten auf dem Kontinent. Das bot in Berlin viel Gesprächsstoff für genreübergreifende Diskussionsrunden. Denn repressive politische Bedingungen beeinflussen keineswegs nur das Schreiben von Homosexuellen, wie Gäste aus Nigeria am Fall des ermordeten Autors Ken Saro-Wiwa hervorhoben, der 1995 wegen seiner Regimekritik hingerichtet worden war.

In Kenia, wo Homophobie und politische Verfolgung ebenfalls an der Tagesordnung sind, erreicht James Murua mit seinem nach ihm benannten Literaturblog zahlreiche LeserInnen. Und in Somaliland setzt sich Jama Musse Jama für den Zugang zu Literatur ein. Sie alle beschreiten neue Wege in der Literaturvermittlung – auch jenseits des von großen Verlagen etablierten Buchmarktes. Jama, der sich auf die Computerlinguistik afrikanischer Sprachen spezialisiert hat, ist Gründer der Hargeysa International Book Fair. Darüber hinaus geht es ihm darum, die orale Somali-Erzählkunst wertzuschätzen und lebendig zu halten, weshalb er in Somalilands Hauptstadt Hargeysa ein Kulturzentrum gegründet hat.

 

Lokale Sprachen, neue Stile

Wie Sprachen erhalten und verändert werden können und welche Experimente mit neuen stilistischen Ausdrucksformen vielversprechend sind, waren Themen, die alle AutorenInnen und LiteraturexpertenInnen in Berlin erörterten. Dabei diskutierten sie auch über die Potentiale und Grenzen von Englisch als afrikanischer Sprache – etwa wenn es mit Ausdrücken, Sprichwörtern und Metaphern aus Lokalsprachen ergänzt wird. Auch für die Poesie wurde die innovative Kraft der Verbindung unterschiedlicher Versmaße und sprachlicher Anspielungen zur Chance für Kreativität erklärt.

Da die meisten Gäste aus anglophonen Ländern des Kontinents kamen, berücksichtigten sie nicht Kiswahili, Hausa oder Französisch als Lingua Franca. Jedoch setzten sie sich mit eigenen Privilegien auseinander, etwa mit dem Vorteil guter Schulbildung und Studienmöglichkeiten. Sie überlegten, wie solche Privilegien für Veränderungen von Machtstrukturen etwa auf nationaler und internationaler Ebene genutzt werden können. Einigkeit herrschte über die transformative Kraft von Literatur, wenngleich sich diese nicht unmittelbar messen lasse.

Die in Nigeria geborene und in den USA lehrende Literaturexpertin Sefi Atta konkretisierte diesen Aspekt. Sie gab zu bedenken, dass menschliches Verhalten nicht berechenbar sei. Atta setzt sich gegen alle Formen der Diskriminierung ein, lehnt jedoch Agitprop-Romane ebenso ab wie Stücke, die Frauen als homogene unterdrückte Gruppe darstellen. In Berlin plädierte sie für intersektionale Perspektiven, die Männer als mögliche Allianzpartner und Frauen als Gegnerinnen struktureller Änderungen wahrnehmen. Die wichtigste Aufgabe von AutorInnen sei es, den eigenen Charakteren als komplexen Figuren gerecht zu werden. Wie die LeserInnenschaft auf das Gelesene reagiert und im eigenen Verhalten berücksichtigt, entziehe sich den Anliegen der AutorInnen, meinte Atta.

Tsitsi Dangarembga und James Murua dachten in Berlin über die Archivierung elektronisch veröffentlichter Texte nach, da diese sonst leicht verschwinden würden. Migration ermögliche es, jenseits der eigenen Herkunftsregionen nach neuen Ressourcen dafür zu suchen. Immer wieder betonten die LiteratInnen und LiteraturexpertInnen, dass nicht nur Menschen migrieren, sondern auch Ideen. Ben Okri, der aus Nigeria nach Großbritannien kam und dessen Werke »The Famished Road« (1992), »Songs of Enchantment« (1994) und »Infinite Riches« (1998) vielfach ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden, legte eindrucksvoll dar, dass ohne Migration keine kulturelle und menschliche Entwicklung stattgefunden hätte. Demnach ist die Menschheit auch weiterhin auf vielfältige Austauschprozesse angewiesen.

Gegen die Festung Europa, die von Gartenzaunnazis und deren VolksvertreterInnen errichtet wird, obwohl sie letztlich allen schadet, ertönte im alten Kino Babylon in Berlin-Mitte eine klare Ansage. Die deutsch-nigerianische Autorin und Performance-Künstlerin Olumide Popoola gab zu bedenken: »Wir sind hier, weil ihr dort wart«. Auf dem African Book Festival wurde deutlich: Jahrhundertelange afrikanisch-europäische Beziehungen lassen sich nicht einfach ausradieren, auch wenn verängstigte Besitzstandswahrende von populistischen AgitatorInnen dazu aufgehetzt werden.

 

Rita Schäfer ist freiberufliche Wissenschaftlerin und Autorin des Buches »Migration und Neuanfang in Südafrika« (2019).

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