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„Congo Calling“

Dokumentarfilm von Stephan Hilpert. Deutschland 2019, 90 Minuten. Kinostart am 22. August 2019. Der Film läuft am Mittwoch, 11.9.19 im Koki in Freiburg. Filmemacher Stephan Hilpert ist zu Gast.

„Congo Calling“ ist kein Film über die Demokratische Republik Kongo. Stefan Hilpert hat vielmehr einen Dokumentarfilm über das Fremdsein in der privilegierten Position des „Entwicklungshelfers“ gedreht. Drei Expatriates werden in ihrem Alltag im ostkongolesischen Goma gezeigt. Auf den ersten Blick könnten sie verschiedener kaum sein.

Peter ist 65 Jahre alt, er hat die letzten dreißig Jahre im Entwicklungsdienst gearbeitet und ist der klassische Entwicklungshelfer mit linkem politischen Hintergrund, der vor allem von seiner Erfahrung lebt. Nun endet sein letzter Vertrag im Straßenkinderprojekt und er will in Goma bleiben, die Großstadt ist seine Heimat geworden.

Anne-Laure ist eine junge dynamische belgische Managerin, die maßgeblich an der Organisation eines großen Musikfestivals in Goma mitwirkt. Ihr einheimischer Freund Fred beschreibt sie als Person, die die Mauern zwischen der Welt der Expatriates und der lokalen Welt einreißt, die Verbindungen schafft und sich wirklich integriert.

Raúl ist Sozialforscher und hat anscheinend eine gute Balance zwischen seiner Verantwortung als Projektmanager und einem verbindlichen, kollegialen Umgang mit seinen einheimischen Partnern gefunden. Die blumige Sprache seiner kongolesischen Kollegen adaptiert er mühelos, auch wenn er nach langer Abwesenheit wieder in Goma eintrifft.

Goma, die von Kriegen und Vulkanausbrüchen geschüttelte Stadt im Osten der DR Kongo, ist die Kulisse für diese drei Biografie-Ausschnitte. Zu Beginn des Films eröffnet der deutsche Außenminister feierlich die neue Landebahn. Viele der rasch geschnittenen Einstellungen zeigen die Stadt in ihrem Alltag – dem Verkehrschaos, dem jämmerlichen Betteln bekiffter Jugendlicher und dem fröhlichen Beisammensein beim gemeinsamen Essen.

Die Brüche lassen nicht lange auf sich warten: Beim Musikfestival werden zwei Mitarbeiter des Organisationsteams von Polizisten getötet, und Anne-Laures Freund Fred wird wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Peter findet keine neue Anstellung und kann seine Miete in Goma nicht mehr bezahlen. Raúl muss entdecken, dass seine engsten Mitarbeiter das Projekt betrogen haben. Der Film springt sehr häufig zwischen den ProtagonistInnen hin und her, was die Tragik der einzelnen Geschichten abmildert.

Ist es überhaupt legitim, einen Film über die Emotionen und Mühen derjenigen zu drehen, die als Privilegierte in einem Land von unvorstellbarem Leid leben, angesichts mindestens einer Million bitterarmer Menschen alleine in der Provinz Nord-Kivu? Diese Frage stellt sich spätestens, als von Raúls Gruppe interviewte Rebellen genüsslich die Grausamkeiten schildern, die sie jenen DorfbewohnerInnen antun, die ihnen nicht gehorchen. Auch das gehört in diesem Film lediglich zur Kulisse.

Wenn man bereit ist, dem Film dies zu verzeihen und ihm zugesteht, sich einfach nur den in Goma fremden EuropäerInnen zu widmen – mit allen ihren Freuden und Nöten – dann bietet der Film immerhin tiefe Einblicke in das Erleben von Menschen, die auf unterschiedliche Weise versuchen, sich in der Fremde eine Existenz aufzubauen, durchaus auch im sozialen Sinn.

Zweifel kommen erneut beim Abspann auf, der die spätere steile Karriere der beiden jungen ProtagonistInnen andeutet: Eine unbefristete Stelle in Belgien und eine Professur in Berkeley. Nur bei Peter lief es nicht so gut, er musste gegen seinen Willen sein schönes Haus in Goma mit all seinem Hab und Gut verlassen. Nicht ganz zu Unrecht fragt das Presseheft zum Film: „Was zieht uns dorthin, was haben wir da zu suchen?“ Vielleicht einfach das, was Menschen immer und überall suchen, ob als MigrantIn in Europa oder als Expatriate in Goma: Liebe, Respekt und ein gutes Leben.

Friedemann Köngeter

374 | Sozialstaaten
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