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Zwei von vielen

Nach Angaben der australischen Regierung wurden in den dreißig Jahren von 1989 bis April 2019 insgesamt 1.573 »australische indigene Vorfahren« aus Nordamerika und Europa nach Australien repatriiert. Gemeint sind damit vor allem menschliche Überreste von Aborigines, die zu anthropologisch-rassekundlichen Zwecken oder als Trophäen aus jenem einst kolonisierten Land, das heute Australien heißt, geraubt worden waren. Aus Respekt vor der spirituellen Bedeutung für Aborigines werden sie von australischer Seite oft als »Vorfahren« bezeichnet. Am 12. April 2019 wurden in Stuttgart nun erstmals Schädel aus Baden-Württemberg an eine Delegation aus Australien übergeben. Acht der zehn Schädel waren bis dahin Teil der Alexander-Ecker-Sammlung im Freiburger Universitätsarchiv.

Wenige Tage später, am 18. April, wurde im iz3w anonym ein Paket abgestellt, das so adressiert war: »Zurück an Freiburg Postkolonial, z. Hd. Heiko Wegmann …«. Ein Absender war nicht angegeben, der Karton war aber mehrfach groß mit »Zerbrechlich« beschriftet. Wir gaben das Paket an unseren Mitstreiter Heiko Wegmann weiter. Der hatte jedoch nie ein solches Paket verschickt und war deshalb zunächst unsicher, ob es gefährlich sein könnte.

Als er es schließlich öffnete, stellte sich der Inhalt als hochbrisant heraus: Das Paket enthielt zwei Schädel mit zugehörigen Unterkiefern, die in Zeitungspapier eingewickelt waren. Anhand der Beschriftungen der Schädel und nach Recherchen konnte Heiko Wegmann darauf schließen, dass sie aus Australien und von der pazifischen Insel Nauru stammten und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland gebracht worden waren. Nummern verwiesen auf die Systematik der Ecker-Sammlung, was dann vom Uniarchiv bestätigt wurde. Dort fehlten die Schädel – wie einige weitere – schon seit Jahrzehnten. Vor der Übernahme durch das Uniarchiv scheint es einen laxen Umgang mit der Sammlung gegeben zu haben, das Fehlen zog offenbar keine Konsequenzen nach sich.

Nach Gesprächen mit der australischen Botschaft, dem Restitutionsprogramm in Australien, einer Reihe WissenschaftlerInnen und mit der Uni Freiburg wurden die Schädel am 23. Juli von freiburg-postkolonial.de an das Uniarchiv übergeben. In einer gemeinsamen Presseerklärung wurde hervorgehoben, dass die Restitution eingeleitet werden soll, falls sich die Angaben über die Herkunft bestätigen lassen. Private BesitzerInnen von menschlichen Überresten, die vermutlich aus kolonialen (Unrechts-)Kontexten stammen, wurden aufgerufen, sich mit geeigneten Stellen in Verbindung zu setzen.

 

Doch welche Stellen sind eigentlich geeignet? Offensichtlich wurde einem unabhängigen kolonialismuskritischen Projekt wie freiburg-postkolonial.de vom Absender mehr Vertrauen entgegengebracht als der Uni. Echte Transparenz nach außen ist in vielen anthropologischen Sammlungen nicht gegeben, auch wenn sich gerade einiges tut. Die aufwändige und nicht immer erfolgreiche Provenienzklärung steht erst am Anfang. Wen sollen ‚Erben‘ von Schädeln ansprechen und wie können betroffene Communities herausfinden, wo in Europa Überreste ihrer Vorfahren in Museen oder gar in Privatbesitz lagern? Nur in wenigen ehemals von Europa kolonisierten Ländern gibt es staatliche Institutionen, die sich systematisch darum kümmern.

Wie langsam die Mühlen mahlen und wie aufwändig und forschungsintensiv Rückgabeprozesse sind, sieht man daran, dass die im April stattgefundene Rückgabe aus Freiburg eine Reaktion auf eine australische Anfrage im Jahr 2006 war. Die erste Anfrage der australischen Botschaft an das Institut für Humangenetik und Anthropologie der Uni Freiburg, dem damals die Ecker-Sammlung zugeordnet war, datiert freilich schon auf das Jahr 1993. Kurz danach hakte auch das Tasmanian Aboriginal Centre nach. Die Anfragen blieben erfolglos.

Trotz aller Hürden ist ein langsamer, aber stetiger Sinneswandel im Umgang mit dem kolonialen Erbe zu verzeichnen, der sowohl die Bundes- und Landespolitik als auch Institutionen wie Museen erfasst hat. Ein richtiger Schritt zur Förderung der Provenienzforschung ist der 2019 eingerichtete Förderbereich »Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten« beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

 

 

Es ist nun dringend an der Zeit, auch eine unabhängige Clearing-Stelle zu schaffen. Diese müsste Vermittlerin für externe Restitutionsanfragen und Ansprechpartnerin für Sammlungen und Privatpersonen sein. Die Stelle müsste systematisch Informationen beschaffen, bündeln und Transparenz herstellen. Wichtig wäre dabei, dass zivilgesellschaftliche Initiativen und WissenschaftlerInnen, die sich seit Jahren für Aufklärung und Restitution menschlicher Überreste einsetzen, einbezogen werden.

Der Vorfall im iz3w zeigt, wie nötig eine solche Instanz ist. Es spricht zwar für die Arbeit einer Initiative wie freiburg-postkolonial.de, dass ihr das Vertrauen bei diesem sensiblen Rückgabeakt entgegengebracht wurde. Aber wünschenswert ist dieser Zustand nicht. Die Räumlichkeiten des iz3w sind kein geeigneter Ort für menschliche Überreste, denen eine würdevolle Behandlung viel zu lange verweigert wurde.

 

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