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Editorial zum Themenschwerpunkt

Fundamentalismus

»Kraft des Urteils der Engel und der Heiligen brandmarken, ächten, verfluchen und exkommunizieren wir Uriel da Costa, sprechen wir den Bann, mit dem Josua Jericho belegt hat, den Fluch des Elias und sämtliche Verwünschungen gegen ihn aus, die im Buche des heiligen Gesetzes ausgeführt sind. Verflucht sei er bei Tag, verflucht bei Nacht, verflucht beim Zubettgehen und beim Aufstehen, beim Ausgehen und beim Heimkommen. Möge der Herr ihm nie verzeihen, ihn nie anerkennen!« Während der Verlesung dieses Amsterdamer Cherem, dem Bannfluch der jüdischen Gemeinde, klagte in der Synagoge ein Horn – immer leiser, und auch die Kerzen verloschen nach und nach. Nach dem Cherem herrschten Stille und Finsternis. Das spirituelle und soziale Leben des Ketzers Uriel da Costa war an diesem 15. Mai 1623 für seine Gemeinde erloschen.

Diese historisch verbürgte Szene ist dem Roman »Ketzer« des kubanischen Romanciers Leonardo Padura entnommen. Das Vergehen, dessen der Freidenker Uriel da Costa beschuldigt war: Er wollte die Gebote im Talmud nicht als höchste Wahrheit ansehen; diese stünde allein Gott zu. Dieser vormoderne Cherem bringt einen Aspekt fundamentalistischer Gesinnung auf den Punkt: ihren sakralen Charakter.

 

In diesem Themenschwerpunkt widmen wir uns einem immer größer werden Problem, das inzwischen fast alle Gesellschaften weltweit erfasst hat: dem Fundamentalismus. Wir verstehen unter diesem Begriff einen antimodernen Impuls, der fast immer religiös geprägt ist und negativ den Aufstieg der säkularen Vergesellschaftungsform spiegelt. Fundamentalistische Bestrebungen bestehen in und entlang von allen fünf Weltreligionen. Der Wunsch nach der Rückkehr zu einer imaginierten »reinen« Gemeinschaft der Gläubigen ohne die verderblichen Einflüsse der als dekadent diffamierten Moderne ist dem fundamentalistischen Islam, Hinduismus, Buddhismus, Judentum und Christentum gemein.

Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer definierte: »Fundamentalismus ist eine willkürliche Ausschließungsbewegung, die (…) unbezweifelbare Orientierung durch irrationale Verdammung aller Alternativen zurückbringen soll.« Was von den FundamentalistInnen aller Couleur verdammt wird, ist allerdings bei aller Willkürlichkeit verdächtig oft dasselbe: Ein gutes Leben ohne Gottgläubigkeit, die Emanzipation der Frauen, die Auflösung althergebrachter Geschlechternormen, Abtreibungen, Sexualität um der Lust willen, Eigensinn, und so weiter…

Die Gedanken der Aufklärung werden von allen FundamentalistInnen abgelehnt, ja sogar bekämpft. Das wäre kein allzu großes Problem, wenn sie es nur im Privaten täten. Doch fundamentalistische Bewegungen tendieren in hohem Maße dazu, ihre engen Vorstellungen der ganzen Gesellschaft überstülpen zu wollen. Spätestens dann, wenn fundamentalistische Bewegungen politisch werden, ist Gewalt gegen Anders- oder Nichtgläubige nicht mehr weit. Wohin das führt, bewies zuletzt 2017 das Pogrom an den Rohingya in Myanmar. Ihm war eine mörderische Hetzkampagne buddhistischer Mönche vorangegangen.

 

Es gibt bei allen Gemeinsamkeiten zweifellos große Unterschiede zwischen den Fundamentalismen. Die orthodoxen Juden und Jüdinnen beispielsweise besiedeln in der Gegenwart lediglich Nischen und sie tun sich nur in geringem Umfang mit Gewalt hervor. Demgegenüber prägte der christliche Fundamentalismus ganze Kirchen und Staatswesen. Ein Beispiel: Schon eine Großtante des anfangs erwähnten Ketzers Uriel da Costa wurde 1568 Opfer der portugiesischen katholischen Inquisition. Sie wurde als »Geheimjüdin« verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Gewaltbilanz des alten christlichen Fundamentalismus ist wesentlich furchtbarer als die der anderen Weltreligionen. Zumindest bislang.

 

die redaktion

 

PS:
Auf den Seiten 16 bis 28 zeigen wir eine Fotostrecke des Fotojournalisten und Dokumentarfotografen Houmer Hedayat (Hannover). Die Bilder entstammen seinem laufenden Projekt über den christlichen Fundamentalismus in Deutschland.

 

 

Der Themenschwerpunkt Fundamentalismus wurde gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung

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