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Julia Ebner: Radikalisierungsmaschinen

Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren. Suhrkamp, Berlin 2019. 334 Seiten, 18 Euro.

Der Hass der Radikalisierten

Welche Aktualität Julia Ebners Buch Radikalisierungsmaschinen kurz nach seinem Erscheinen durch den Terror von Halle bekommen würde, konnte niemand wissen, aber jeder ahnen, der die Recherchen der bekannten Radikalisierungsforscherin bereits in früheren Publikationen zur Kenntnis genommen hatte. Denn dass die Aggressionen, die Ebner auch in der deutschen Rechten kennengelernt hat, sich immer wieder entladen, ist bei den Schilderungen ihrer Erlebnisse überall greifbar. Wenn beispielsweise ein Werber, der sich dafür einsetzte, dass große Marken nicht auf rechten Webseiten wie »Achse des Guten« werben, aus Sicherheitsgründen seinen Wohnort wechseln muss, wie er Ebner im Interview erzählt, ist die Bedrohung für jeden präsent.

In der Schlange zu einem Rechtsrock-Konzert wartend, unterhält sich Ebner mit Nazis, die über die Langsamkeit der polizeilichen Arbeitsweisen spotten. Online, und da liegt der Schwerpunkt von Ebners Recherche, haben Extremist*innen erst recht häufig die Nase vorn. Sie schaffen es, in den Sozialen Medien Themen dominant zu besetzen. Das gilt nicht nur für Rechte, sondern auch für Verschwörungsmystiker*innen und auf der vermeintlichen Gegenseite der Rechten islamistische Gruppierungen. Was Ebner aus diesem Sumpf zitiert – der Hass und die Gewaltbereitschaft, die ihr als Undercover-Gleichgesinnter freimütig offenbart werden oder die sie aus internen Zirkeln wiedergeben kann – ist beängstigend.

Soziale Medien schaffen durch ihre technischen Möglichkeiten zum einen effiziente reale Vernetzungen, zum anderen radikalisierte Einzelgänger, deren Netzwerke ausschließlich online existieren. Sie alle können enormes Bedrohungspotenzial entfalten. Ebner hat über »patriotische« Dating-Apps Kontakte angebahnt, war auf Treffen der vermeintlich smarten Identitären, hat mit einem rassistischen Hacker kommuniziert und in Foren antifeministischer Frauen diskutiert – kurz, sie war da, wo humanitäre Werte nicht mehr anerkannt sind. Dort hat sie Terrorbereitschaft und militanten Hass auf politische Gegner*innen erlebt, der sich in den Online-Kommunikationsblasen immer aufs Neue verfestigt.

Bemerkenswerterweise beziehen sich gewaltbereite Rechtsextremist*innen oft positiv auf legale Rechte, etwa auf das Online-Forum der »Achse des Guten«, auf die AfD oder auf US-Präsident Trump. Letzteres zeigt Ebner am Beispiel der Chat-Reaktionen auf den online entstandenen Alt-right-Aufmarsch von Charlottesville, bei dem eine Gegendemonstrantin getötet wurde. Trump bescheinigte den dort versammelten Ideolog*innen der »White Supremacy«, bei ihnen seien viele »anständige Leute« mitgelaufen.

Wie digitale Radikalisierungsmaschinen mit den Terrorszenen zusammenhängen, wird bei der Lektüre oft, aber nicht immer deutlich. Hängen im Sinne des Kommunikationstheoretikers Marshall McLuhan Medium und Message unmittelbar zusammen? Ebners Buch liefert keine medienphilosophischen Zusammenhänge. Muss es auch nicht, da ihre Recherchen beachtenswert genug sind. Aber der Verlag hätte bei der Titelsuche präziser arbeiten sollen – auch beim Untertitel, denn was die Medien mit »uns« (gemeint sind wohl die Nicht-Radikalisierten) machen, ist ebenfalls kaum Thema. Es spricht zwar einiges dafür, dass beispielsweise Informationsbeschaffung über Algorithmen radikalisiert wird. Dies wird aber nur angekratzt – besonders in Bezug auf das auf dem Cover abgebildete Smartphone. Vieles ist über Smartphones einfacher und schneller. Wird aber dadurch zwangsläufig der qualitative Output verändert?

Soziale Medien bieten sicherlich viel Rekrutierungspotential, doch könnte man sie nicht auch mit gleichem Recht »Demokratisierungsmaschinen« nennen, da auch demokratische Initiativen ihre Vorzüge genießen? Ebner selbst zeigt zum Schluss Möglichkeiten auf, digitale Strukturen für demokratische Gegenwehr zu nutzen: Zum Beispiel Hacker hacken und Trolle trollen, aber auch klassische offline-Ansätze wie Bildung und Kunst zur Prävention.

Schon für ihren viel beachtetem Beststeller »Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen« hatte Ebner hervorragend über Extremisten recherchiert, aber nicht so sehr den Übersprung auf »uns« thematisiert. Das schmälert aber nicht den Verdienst Ebners, mühevoll mit Nazis und Dschihadist*innen kommuniziert zu haben. So kann Ebner »uns« ihre zentrale These näher bringen: Dass es eine »toxische Paarung aus ideologischer Vergangenheitssehnsucht und technologischem Futurismus« gibt. Auch ihre These aus »Wut«, dass Rechtsextremist*innen und Islamist*innen trotz unterschiedlicher Vorzeichen nicht viel voneinander trennt und sie voneinander abhängig sind, kann sie neu untermauern.

Christoph Horst

 

Julia Ebner: Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren. Suhrkamp, Berlin 2019. 334 Seiten, 18 Euro.

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