Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 376 | Smartphones „Die Menschen verfügen einfach über keine Kraftreserven mehr“

„Die Menschen verfügen einfach über keine Kraftreserven mehr“

Interview mit Maríe Caridade Valcourt, Koordinatorin des Kindernothilfe-Selbsthilfegruppe-Programms in Haiti.

In Lateinamerika brennt es lichterloh. Die Menschen auf dem Subkontinent erleben in diesen Monaten politische und soziale Explosionen, wie es sie lange nicht gab. In keinem lateinamerikanischen Land ist die Lage dabei so katastrophal wie in Haiti – und erhält gleichzeitig so wenig internationale Aufmerksamkeit. Maríe Caridade Valcourt aus Port-au-Prince, die Koordinatorin des Frauen-Selbsthilfe-Gruppen-Programms (SHG) der Kindernothilfe in Haiti, war in Duisburg, um mit Kolleg*innen aus Asien und Afrika Erfahrungen auszuwerten.

Jürgen Schübelin: In Haiti reißen seit mehr als zwei Monaten die heftigen Proteste gegen die Regierung von Präsident Jovenel Moïse nicht ab. Dabei geht es um die Anschuldigung, dass er, seine Leute und sein Vorgänger Michel Martelli hunderte Millionen US-Dollar aus dem PetroCaribe-Hilfsfonds unterschlagen haben. Haitianische Menschenrechtsorganisationen haben errechnet, dass bereits über 100 Personen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant*innen und der Polizei starben. Wie schaffen es die Menschen da überhaupt, irgendwie ihren Alltag zu hinzubekommen?

Maríe Caridade: Das Organisieren des täglichen Überlebens ist die eigentliche Herausforderung! An etwas zu Essen zu kommen, irgendwoher Galonen mit Wasser zu beschaffen, mit der ständigen Angst fertig zu werden… Da die ganze Stadt voller Barrikaden ist, selbst Fußgänger*innen beschossen und angegriffen werden, ist es extrem schwer, überhaupt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

 

Die Menschen in Haiti haben in den zurückliegenden Jahren entsetzliche Katastrophen erlebt: das Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit über 250.000 Toten, danach verheerende Hurrikans wie zuletzt „Matthew“ Ende September 2016. Was ist in dieser jetzigen Krise anders?

Das Erdbeben von vor zehn Jahren zerstörte Teile der Hauptstadt und einige Städte in der Nachbarschaft. Auch die Hurrikans verwüsteten immer nur einzelne Departments. Aber jetzt ist es das gesamte Land mit seinen mehr als 11 Millionen Menschen, das leidet. Die Protestwelle hat alle Landesteile erfasst. Nirgendwo mehr funktionieren die Strukturen. Die Straßenverbindungen sind blockiert, eine angemessene Versorgung der Bevölkerung ist nicht möglich. Und die Menschen verfügen einfach über keine Ressourcen und keine Kraftreserven mehr.

 

Was ist dabei das größte Problem?

Es ist der ständige Druck, der auf uns allen lastet. Es ist die Angst um unsere Kinder, die in fast allen Städten des Landes seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, weil auf den Straßen gekämpft wird. Nichts kann geplant werden. Alle Leute warten jeden Tag nur auf die Augenblicke, in denen gerade nicht geschossen wird, um zum Supermarkt zu hetzen und zu versuchen, irgendetwas zu ergattern. Die Preise sind seit dem Beginn der Proteste explodiert, weil – wie gesagt – die Belieferung mit Nahrungsmitteln nicht mehr funktioniert.

 

Was macht dieser Dauerstress, unter dem die Erwachsenen stehen, mit den Kindern?

Wir sehen als Kindernothilfe-Haiti, dass Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders exponiert und gefährdet sind. Unter den Todesopfern, die seit Anfang September zu beklagen sind, befinden sich zahlreiche Jugendliche. Die völlig aus dem Ruder gelaufene Bandenkriminalität hat zu einer starken Zunahme von Gewalt geführt. Sie stellt ein ständiges Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Und natürlich passiert genau das, was immer in extremen Krisen geschieht: Weil die Erwachsenen zu Hause unter solchem Druck stehen, nimmt auch die Gewalt in den Familien zu.

 

Die UN haben im Oktober 2017 die umstrittene Stabilisierungs- und Friedensmission MINUSTAH beendet und nach 13 Jahren alle internationalen Einheiten aus Haiti abgezogen. Viele Beobachter sagen, dass dieser Rückzug die Unsicherheit im Land deutlich erhöht hat…

Das sehen wir auch so! Es zirkulieren große Mengen von Waffen im Land. Und es tauchen immer neue Gangs auf, die ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle gebracht haben. Dazu kommen angebliche Polizisten in Phantasieuniformem. Sie beteiligen sich daran, die Menschen an den Straßenkontrollen und Barrikaden auszurauben. Mit dem Abzug der UN-Truppen haben das internationale Interesse und der Rest an Aufmerksamkeit für unser Land massiv abgenommen. Davon profitiert auch die Regierung von Jovenel Moïse, die glaubt, sich gegenüber niemandem mehr rechtfertigen zu müssen, weil das, was in Haiti geschieht, im Ausland einfach nicht wahrgenommen wird.

 

Das Programm der Frauen-Selbsthilfegruppen (SHG) ist inzwischen mit 6100 Frauen in 314 Gruppen und mindestens 11.300 Kindern das Kindernothilfe-Projekt mit der größten Reichweite in Haiti. Diese Gruppen vergeben mit ihren Woche für Woche zusammengetragenen kleinen Sparbeiträgen untereinander Tausende von Kurzzeit-Darlehen. Damit können sie einkommensschaffende Initiativen anschieben. Wie ergeht es den SHG-Frauen in dieser Krise? Können sie irgendeinen Beitrag leisten?

Natürlich ist an ein normales Funktionieren der groupes d'entraides – wie wir in Haiti sagen – nicht zu denken! Es ist seit dem Beginn der Proteste nicht möglich, dass die Frauen nach Port-au-Prince oder in eine der anderen größeren Städte kommen könnten, um irgendetwas einzukaufen, was sie dann hinterher vor Ort weiterverkaufen. Es gibt derzeit im Land keine funktionierenden Märkte und auch keine Transportmittel. Deshalb haben viele der Gruppen ihre Strategie geändert. Sie versuchen nun, Dinge des täglichen Bedarfs anzubieten und zu produzieren, die sie entweder selbst herstellen oder zu denen sie die Rohstoffe in der unmittelbaren Nachbarschaft beschaffen können.

 

Und wie sieht es mit den wöchentlichen Treffen der Frauen-Selbsthilfe-Gruppen aus? Können die stattfinden?

Die Frauen stehen in intensivem Austausch untereinander. Sie versuchen, sich gegenseitig so gut zu unterstützen, wie es irgendwie geht. Aber eines der Probleme besteht derzeit darin, dass in allen Gruppen und den 15 Cluster Level Associations mit Bargeld gearbeitet wird. Bei den Frauen herrscht große Angst, überfallen und bestohlen zu werden. Zum Glück funktionieren in abgelegenen ländlichen Gebieten zumindest zum Teil die Schulen noch. Das heißt, SHG-Gruppen, die dort im Zusammenhang mit Schulspeisungsprojekten arbeiten, bleiben weiterhin aktiv. Und die anderen versuchen, sich so unauffällig wie irgend möglich weiter zu treffen.

 

Ist es nicht gerade jetzt ganz wichtig, dass über die SHGs in Haiti Graswurzel-Netzwerke entstanden sind, die es den Frauen ermöglichen, der Gewalt um sie herum etwas entgegen zu setzen?

Doch, genau darum geht es! Die groupes d'entraides schaffen einen Raum für Frauen, um aktiv zu bleiben, sich zu engagieren, sich aus dem Haus zu wagen, miteinander zu sprechen, der Angst gemeinsam entgegen zu treten. Denn die Wut an den brennenden Barrikaden, die Kämpfe mit der Polizei, die Gewalt der bewaffneten Gangs – das alles geht in Haiti meistens von jungen Männern aus. In den SHGs hingegen sehen Frauen für sich eine Perspektive. Hier sind sie nicht die Opfer, sondern haben für sich und ihre Kinder einen Weg gefunden, diesem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen.

 

Marie Caridade Valcourt koordiniert das Kindernothilfe-Selbsthilfe-Gruppen-Programm in Haiti. Seit dem Start des Projektes in dem Karibikstaat 2011, haben die Frauen aus den 314 Gruppen durch ausschließlich eigene Sparleistungen ein Kapital von 184.000 Euro aufgebaut – und untereinander Darlehen über fast eine halbe Million Euro vergeben.

Das Interview führte Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik bei der Kindernothilfe in Duisburg.


376 | Smartphones
Cover Vergrößern