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Hätte, hätte, Lieferkette. Wie fair ist das Fairphone?

Als das erste Fairphone 2013 auf dem Markt erschien, erregte es viel Aufmerksamkeit. Endlich ein Smartphone, das ohne Konfliktmineralien und Kinderarbeit hergestellt wurde! Doch konnte es den Anspruch einlösen, in sozialer wie in ökologischer Hinsicht fair produziert zu sein?

von Elena Kolb

September 2019: Stolz präsentiert das niederländische Sozialunternehmen Fairphone B.V. die dritte Generation seines gleichnamigen Smartphone-Modells. »Es ist kein Geheimnis: Wir wollen die Welt verändern. Fairphone stellt Mensch und Umwelt an erste Stelle«, heißt es zu diesem Anlass auf der Webseite. Für 450 Euro erhalten die Kund*innen mit dem Fairphone 3 ein Mittelklasse-Smartphone. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Generationen lässt es sich äußerlich kaum noch als klobiges Ökohandy identifizieren.

Die Käufer*innen des Fairphones unterstützen eine Firma, die sich Recycling und Kreislaufwirtschaft, faire Materialien, nachhaltige Endprodukte und gerechte Arbeitsbedingungen auf ihre Fahnen schreibt. Fairphone B.V. entstand aus einer Kampagne der Waag Society zu Konfliktmineralien und wird heute von mehreren sozialen Investor*innen getragen. Regelmäßig werden außerdem Fremdmittel beantragt und Crowdfundings initiiert.

Bisher verkaufte das Unternehmen 60.000 Fairphones der Generation Eins und 115.000 Fairphones der zweiten Generation. Bis Ende 2019 sollen 40.000 Fairphones der dritten Generation auf den Markt kommen. Das ist nicht viel im Vergleich zu anderen Herstellern. Die Geschäftsführerin von Fairphone, Eva Gouwens, vergleicht das Nischenunternehmen daher mit einem »Moskito«, das die Global Player in der Elektronikindustrie nachts nicht schlafen lässt.

 

Probleme ohne Mittelweg

Seit das erste Fairphone Aufsehen erregte, ist viel passiert und Fairphone musste einige Niederlagen eingestehen. Der Anspruch, ein »gerechtes« Smartphone herzustellen, erwies sich angesichts komplexer Produktionsketten als utopisch. Im Impact Report vom Dezember 2018 heißt es: »Während wir sorgfältig recherchieren, sind wir oft durch die Informationen begrenzt, die Lieferanten mit uns teilen können oder wollen. Darüber hinaus gibt es für einige unserer Schwerpunktmaterialien noch keine nachhaltigen Quellen – deshalb müssen wir Wege finden, mit einem Netzwerk von Partnern verantwortungsvollere Lieferketten aufzubauen.«

Fairphone legt Wert auf faire Arbeitsbedingungen bei der Endmontage. Dafür war geplant, beim chinesischen Endmontage-Hersteller für das Fairphone 2 einen Worker Welfare Fund einzuführen, der unter anderem den Dialog zwischen Arbeiter*innen und Management fördern sollte. Im Impact Report von 2018 heißt es dazu: »Wir sahen uns mit rechtlichen und bürokratischen Hindernissen durch Gesetze der Chinesischen Union sowie Bankanforderungen konfrontiert. Hinzu kamen Bauteilengpässe und unregelmäßige Fairphone-Produktionen, und wir waren von komplizierten Problemen ohne einen klaren Mittelweg umgeben.« Nach zwei Jahren der Diskussion wurde die Initiative für gescheitert erklärt.

Für die Endmontage des Fairphone 3 wurde eine neue Partnerschaft mit Arima in Suzhou in China eingegangen. Die Arbeitnehmer*innen werden dort nun von Fairphone selbst zu ihren Wünschen und Verbesserungsvorschlägen befragt. Vor kurzem wurden Wahlen für eine Vertretung der Arbeiter*innen eingeführt und eine neue Kantine eröffnet. Außerdem wurde untersucht, wie hoch eine existenzsichernde Bezahlung sein müsste. Das Ergebnis: Ab November 2019 werden pro hergestelltem Fairphone 1,50 Euro zusätzlich an die gesamte Arbeiter*innenschaft ausgezahlt.

Für das Fairphone 3 wurden bisher Produktionsanlagen von 76 Komponentenherstellern in China, Japan und Korea identifiziert. Doch damit sind noch nicht alle Zulieferbetriebe erfasst und es ist nicht geklärt, wo sich alle zugehörige Minen sowie Schmelz- und Veredelungsanlagen befinden. Bisher wurden nur in sechs dieser Firmen Programme zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen durchgeführt.

Fairphone versucht auch, die Lieferketten der verbauten Materialen zu prüfen. Zusammen mit der Dragon Fly Initiative wurden über 40 verschiedene Materialien im Fairphone festgestellt. Die Dragon Fly Initiative aus Großbritannien setzt sich für nachhaltige Lieferketten von Mineralien ein und vermittelt Hersteller an sozial verantwortliche Lieferanten und Produzenten. Fairphone legt den Fokus auf die Lieferketten von acht Materialien, bei denen das größte Verbesserungspotential erkannt wurde: Kobalt, Kupfer, Gold, Lithium, Neodymium, Plastik, Zinn und Wolfram. Die Lieferketten dieser Rohstoffe sollen bis zum Jahr 2020 möglichst fair gestaltet werden.

Am Vorzeigebeispiel Gold lässt sich der bisher größte Erfolg ablesen. Das im Fairphone verbaute Gold ist mit dem Fair-Trade-Siegel ausgezeichnet. Es wird in peruanischen Minen abgebaut und ist bis zur Goldraffination in der Schweiz zurück verfolgbar. Im Shanghai Gold Exchange (SGE) kommt es jedoch zum zulässigen »Mengenausgleich«, das heißt ab diesem Zeitpunkt wird das faire Gold mit konventionellem Gold vermischt. Da alle chinesischen Lieferbetriebe, die an der Produktion des Fairphones beteiligt sind, ihr Gold über das SGE erwerben, ist ein späterer Mengenausgleich zurzeit nicht möglich. Deshalb versucht Fairphone, eine neue Goldlieferkette mit Kleinbergbau in Uganda zu implementieren und kooperiert dazu mit UNICEF und Stop Child Labour. Dieses Projekt wurde für den Responsible Business Award 2019 nominiert.

Zu den Lieferketten der anderen sieben Mineralien liegen noch weniger Informationen vor. Das Wolfram stammt aus Kleinbergbauminen in Ruanda, Kobalt und Zinn kommen aus der Demokratischen Republik Kongo. Die betreffenden Minen werden als »konfliktfrei« bezeichnet, das heißt, keine Kriegsparteien oder Milizen kontrollieren die Minen oder verdienen Geld daran. Im Begriff »konfliktfrei« sind allerdings nicht zwingend Arbeitslöhne, Arbeitsbedingungen oder Verzicht auf Kinderarbeit einbezogen. Diese Fakten verschweigt Fairphone allerdings nicht und strebt stetig Verbesserungen an.

 

Erst reparieren, dann recyceln

Neben der Schaffung fairer Lieferketten versucht Fairphone, Materialien zu recyceln. Dazu wird eine Prämie an europäische Kund*innen gezahlt, die alte Handys einschicken. Auch in afrikanischen Ländern werden Handys gesammelt. In Kooperation mit den Firmen Closing the Loop und Recell Ghana kamen im Sommer 2019 vier Tonnen alte Handys aus Ghana nach Amsterdam. Mit diesen Recyclingstrategien wurde erreicht, dass im Fairphone 3 mehr als 50 Prozent recyceltes Kupfer verwendet wurde. Zudem ist mehr als die Hälfte des verbauten Plastiks recycelt.

Durch das modulare Design lässt sich das Gerät gut in Einzelteile zerlegen. Damit wird der Vorgang des Recyclings erleichtert und viele Materialien können wiederverwendet werden. Beim Fairphone 2 lag der Prozentsatz für Materialrecycling bei immerhin 28. Für das Fairphone 3 ist bisher keine Studie zum Lifecycle Assessment veröffentlicht worden.

Zur ökologischen Nachhaltigkeit beitragen soll auch die Reparaturfreundlichkeit des Fairphones. Mit dem im Lieferumfang enthaltenen Schraubenzieher lässt sich das Display abschrauben und austauschen. Das Zerlegen in Einzelteile soll sogar Anfänger*innen möglich sein, die sich bisher noch nie an die Innereien eines elektronischen Gerätes gewagt haben. Viele Ersatzteile sind verhältnismäßig günstig im Online-Shop von Fairphone zu erhalten.

Mit diesem Reparaturkonzept erreichte Fairphone, dass von den ab 2015 produzierten Fairphones der zweiten Generation heute noch 59 Prozent in Benutzung sind. Wie Fairphone betont, verringert sich der CO2-Fußabdruck eines Smartphones um 30 Prozent, wenn es nur zwei Jahre länger in Benutzung ist als die durchschnittlichen drei Jahre eines konventionellen Smartphones.

Die niedrigen Verkaufszahlen erschweren jedoch die Durchführung der Mission. So musste zum Beispiel die Ersatzteilproduktion für die erste Generation des Fairphone eingestellt werden, nur noch wenige Teile dafür sind im Online-Shop zu erhalten. Auch die Hardware für das Fairphone 2 wird nicht mehr aktualisiert. Nutzer*innen können aber weiterhin mit Software-Updates rechnen.

 

Mitmachen und Mitreden

Mit den Kund*innen steht das Unternehmen in einer intensiven Wechselbeziehung. Transparenz und Partizipation sollen die Konsument*innen zu »Prosument*innen« werden lassen. Sie sind dazu aufgerufen, sich in der Community an Diskussionen zu beteiligen und zum Beispiel öffentlich zugängliche Reparaturanleitungen zu erstellen. Die Webseite von Fairphone ist vollgepackt mit Hintergrundinformationen zu Finanzmodellen und erfolgreichen sowie gescheiterten Partnerschaften in der Produktionskette.

Schon allein aufgrund der vielen Probleme bei den Lieferketten lässt sich auch das neue Fairphone 3 nicht uneingeschränkt als »faires Smartphone« betiteln. Mittels der transparenten Kommunikation des Unternehmens sind die Kund*innen aber zumindest in der Lage, selbst zu entscheiden, für wie »fair« sie das Gerät einschätzen. Laut verschiedener Tests ist die Technik des Fairphones im Vergleich zur Konkurrenz nicht besonders avanciert. Es zu kaufen ist also eine Überzeugungstat. Raum für Diskussionen bleibt. Gelegenheit dafür gibt es bei einem der vielen Fairphone-Stammtische, die mittlerweile deutschlandweit organisiert werden.

 

 

Elena Kolb studiert Liberal Arts and Sciences in Freiburg und interessiert sich für konstruktiven Journalismus.

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