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Ahmet Muminović: Valter verteidigt Sarajevo

bahoe books, Wien 2018. 120 Seiten, 14 Euro

Mythos eines Partisanen

Vladimir Perić alias »Valter« war während des Zweiten Weltkrieges Partisan und Sekretär der Kommunistischen Partei Sarajevos. 1919 im serbischen Prikepolju geboren, leitete er jahrelang den Widerstand gegen die deutsche Besatzung. In der Nacht vor der Befreiung Sarajevos kam er am 6. April 1945 ums Leben, als er mit anderen Partisan*innen die Stadt vor der Zerstörung durch die deutschen Truppen verteidigte. An seiner Beerdigung nahmen über 15.000 Menschen teil, vier Jahre später erhielt er posthum den Orden des Volkshelden der Föderativen Republik Jugoslawien.

Die Erinnerung an ihn wurde zu einem der wichtigsten Partisanenmythen in Jugoslawien. Der gleichnamige Film »Valter verteidigt Sarajevo« von 1972 erfreute sich großer Beliebtheit und avancierte vor allem aufgrund seiner Popularität in China zu einem der meistgesehen Filme weltweit. Das Narrativ des Films, das Valter mit der multikulturellen Stadt Sarajevo in eins setzt, wurde über die Jahre immer wieder aufgegriffen. So trugen auf den großen Antikriegsdemonstrationen kurz vor Ausbruch des Bosnienkrieges viele Menschen Plakate mit der Aufschrift »Ich bin Valter«, als Zeichen gegen ethnischen Nationalismus.

Vom Mythos Valter erzählt auch der Comicband Valter verteidigt Sarajevo von Ahmet Muminović. Es handelt sich dabei um die bekanntesten und weitverbreitetsten Comics Jugoslawiens. Ursprünglich als einzelne Episoden in den 1970er Jahren erschienen, versammelte eine Neuauflage von 2014 diese in einem Band. Er wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und allein in China bisher über acht Millionen Mal verkauft. Dem kleinen Wiener Verlag bahoe books ist zu verdanken, dass dieser Sammelband nun erstmals auch auf Deutsch vorliegt.

Der Band erzählt in sechs Episoden von Valters Kampf gegen die deutsche Besatzung Ende 1944. Storytelling und Zeichenstil sind an den klassischen Kriegs- und Abenteuercomics der 1960er und 70er Jahre orientiert: Klare Panelaufteilung, Texte, die sehr explizit beschreiben, was auf den Bildern sowieso zu sehen ist, viel Pathos und männliche Helden, die jede Situation meistern. Das mag für heutige Lesegewohnheiten irritierend sein, als historisches Dokument ist der Band dennoch auf der Metaebene spannend. Er gibt einen Einblick in die Popkultur und Mythenbildung Jugoslawiens und erzählt von einer historischen Figur, die in Westeuropa kaum bekannt ist, im ehemaligen Jugoslawien jedoch bis heute einen wichtigen Bezugspunkt darstellt.

Der Comic wird durch ein ausführliches Vorwort und historische Fotografien des realen Valters ergänzt. Dies hätte mehr kritische Einordung vertragen, dennoch ist der Band als historisches Zeugnis wärmstens zu empfehlen.

Larissa Schober

 

Ahmet Muminović: Valter verteidigt Sarajevo. bahoe books, Wien 2018. 120 Seiten, 14 Euro.

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