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Antonio Ortuño: Die Verschwundenen

Verlag Antje Kunstmann, München, 2019. 255 Seiten, 20 Euro

Floskeln mit Spannungsbogen

»Geh so weit weg wie möglich, sie werden dich sonst kalt machen.« Diesem Ratschlag seines Anwalts folgt Aurelio Blanco nicht, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. 15 Jahre hat er dort gesessen, um seinen Schwiegervater, den Bauunternehmer Carlos Flores, zu decken. Blanco ist der gefügige Trottel der Familie. Seinen Lebensstandard verdankt er seinem Ziehvater Flores. Als dieser zwei Familien verschwinden lässt, um den Weg für das Bauprojekt »Olinka« freizumachen, hält der ergebene Blanco den Kopf hin. Aber sein Schwiegervater wie auch seine Frau Alicia lassen ihn fallen. Gedemütigt und einsam will er sich nach seiner Freilassung das versprochene Geld von der Familie holen.

Antonio Ortuño platziert seinen Roman Die Verschwundenen mitten im organisierten Verbrechen. Hauptfiguren sind die Mitglieder einer Bauunternehmerfamilie in Guadalajara, die mit Mord, Korruption und Geldwäsche Profit aus dem Wachstum der mexikanischen Metropole schlagen.

Die drei Tage von Blancos Freilassung bis zum Zusammentreffen mit Carlos Flores bilden den Spannungsbogen des Romans. Dazwischen baut Antonio Ortuño Rückblenden ein, die die Vergangenheit der Familie und die Vertreibung der Menschen durch »Olinka« beleuchten. Berechnende Deals und Machtkämpfe prägen die Geschäfte wie auch die Psyche und Beziehungen der Familienmitglieder. Die undurchsichtigen Charaktere sorgen bis zum großen Showdown am Ende des Buches für Spannung.

Zwischendurch driftet der Roman jedoch immer wieder in Richtung Telenovela ab. Zum Beispiel als der neue Freund von Blancos Ex-Frau Alicia am Heiligen Abend die Besitzverhältnisse im Familienclan neu ordnen will. Ein Tequila nach dem anderen eskaliert die Situation, bis Alicia zur Pistole greift. Die Bereitschaft zur Gewalt wirkt jedoch übertrieben, die Emotionen aufgesetzt und platt. Augen sprühen vor Wut, Alicia bebt vor Empörung – das ist einfallslos geschrieben und wirkt wegen der Floskeln unrealistisch. Aufgesetzt bleiben auch die sexuellen Bezüge, die Ortuño in die Handlung einstreut. So ist schwer vorstellbar, dass eine Frau, die brutal vergewaltigt wurde, noch im Krankenhaus sexuellen Kontakt zu ihrem Nachbarn sucht und dabei sagt: »Ich werde mich mit dir einschließen und wir werden dortbleiben, bis du genug von mir hast«.

Es sind allerdings gerade die Brüche in den Charakteren, die sie unberechenbar in ihren Handlungen machen und so beim Lesen Spannung aufbauen. Verstärkt wird diese durch Abneigung, Ekel und anderen Emotionen, die man den Charakteren gegenüber empfinden kann. Stellenweise gelingt es Ortuño, die Welt einer Familie zu öffnen, die eiskalt agiert und doch mit menschlichen Herausforderungen wie Einsamkeit, Versagensängsten und Liebe zu kämpfen hat. In diesen Momenten vermittelt er einen Eindruck davon, wie Alltagsleben und Verbrechen in Guadalajara zusammengehören könnten. Die Szenen und Charaktere sind jedoch so grob gezeichnet, dass die Erzählung eine Fiktion aus Strichmännchen bleibt. Inwieweit dieses Verbrechermilieu etwas mit den realen Verhältnissen in Guadalajara zu tun hat, bleibt offen.

Isabel Röder

 

Antonio Ortuño: Die Verschwundenen. Verlag Antje Kunstmann, München, 2019. 255 Seiten, 20 Euro.

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