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Freiburgs koloniales Erbe

Wie andere Städte in Deutschland hat sich auch die Stadt Freiburg aufgemacht, ihre Verwicklungen in den Kolonialismus aufzuarbeiten. Dies manifestiert sich eindrucksvoll im Sammelband Freiburg und der Kolonialismus. In die Archivreihe der Stadt aufgenommen und mit einem Geleitwort des Ersten Bürgermeisters versehen, kommt dem Buch der Status einer offiziellen Publikation zu.

Ihre Fragestellung lautet, in welchem Maß das koloniale Projekt des wilhelminischen Kaiserreiches seinen Widerhall in der Stadtgesellschaft fand. Die Untersuchung legt ihren Fokus auf die soziokulturellen Milieus der Stadt und auf Freiburg als Körperschaft. Dabei unterscheiden die Autoren gemäß dem Modell der sozialmoralischen Milieus von M. Rainer Lepsius drei Bevölkerungsgruppen: Das bürgerlich-nationale, das katholische sowie das sozialistische Arbeitermilieu. Die Aufsätze von Heiko Wegmann und Johannes Theisen über diese Milieus bestätigen einen schon für andere Städte nachgewiesenen Befund: Die gesamte Freiburger Stadtgesellschaft partizipierte sehr stark an der deutschen Überseeherrschaft.

Der als kulturelles Phänomen, als mentale Struktur verstandene Kolonialismus lässt sich in vielerlei Hinsicht nachweisen. In den bürgerlich-nationalen Kreisen fand die Kolonialbewegung ihre größte Unterstützung und die eifrigsten Propagandist*innen. Der Organisationsgrad in kolonialen Vereinen war hier am stärksten ausgeprägt. Unter Katholik*innen wurden nationalistische und imperialistische Töne deutlich leiser vorgetragen. Für die katholischen Kirchenführer und die Kirchenpublizistik stellten die Überseegebiete in erster Linie ein Missionsgebiet dar. Für die sozialistische Arbeiterschaft, der kleinsten der untersuchten Freiburger Bevölkerungsgruppen, ist ein zwiespältiges Verhältnis zur Kolonialherrschaft zu konstatieren: Wie die Sozialdemokratie auf Reichsebene war die Arbeiterschaft nicht prinzipiell antikolonial eingestellt. Den Kolonialismus als »Kulturmission« lehnte sie keineswegs grundsätzlich ab.

Artikel über die koloniale Massenkultur, die Kommunalpolitik (beide von Heiko Wegmann) und das Museum für Natur- und Völkerkunde (Markus Himmelsbach) ergänzen den Band. Was fehlt, ist ein Beitrag zum Thema Freiburg und Postkolonialismus, mithin zum Umgang mit der Kolonialgeschichte im Zeitalter der Dekolonisation nach 1945.

Zu kritisieren sind Einleitung und Schlusswort von Bernd-Stefan Grewe, Leiter des Instituts für Geschichtsdidaktik und Public History an der Universität Tübingen. Grewe attestiert der von ihm hauptverantwortlich mitgetragenen Studie, eine »Pionierarbeit« zu sein. Freiburg sei eine der »ersten Städte in Deutschland, die ihre eigene koloniale Vergangenheit wissenschaftlich und unabhängig erforschen lässt«, heißt es. Nun gehört Klappern zum Geschäft – auch gegenüber der Stadt Freiburg, die das Projekt mit einem Kooperationsvertrag unterstützte. Doch muss man deswegen die vielen Studien der vorangegangenen Jahre so niedermachen, wie Grewe es tut? Frühere kolonialhistorische Publikationen zu Städten wie Hamburg oder Berlin hätten »stärker additiv als systematisch« und ohne »Tiefenwirkung« gearbeitet, verlautbart er.

Wenn von Pionier*innen der lokalgeschichtlichen Aufarbeitung des Kolonialismus die Rede sein soll, ist zuallererst auf den Freiburger Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann zu verweisen. Seit anderthalb Jahrzehnten hat er mit seiner Webseite www.freiburg-postkonial.de die Debatte um das koloniale Erbe der Stadt nahezu im Alleingang vorangetrieben. Fast zeitgleich mit dem oben besprochenen Sammelband hat Wegmann nun seine Dissertation Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg vorgelegt. Die Arbeit widmet sich dem Freiburger Kolonialoffizier Max Knecht (1874-1954) und versteht sich als Beitrag zur Vermessung des Kolonialen in der Provinz. Auf Basis des Nachlasses von Knecht hat Wegmann dessen Biographie aufgearbeitet. Knecht war als Kolonialoffizier am Maji-Maji-Krieg 1905/06 im heutigen Tansania beteiligt und 1907 als Postenchef am Kiwu-See in Ruanda eingesetzt.

Für Knecht, der neben dem Kolonialkrieg in Ostafrika beide Weltkriege erlebte, stellte das Militärische ein Lebensthema dar. Er maß, wie Wegmann schreibt, »männlicher Härte« einen hohen Stellenwert zu. Sein Einsatz von Gewalt im Maji-Maji-Krieg war an zweckrationale Zielsetzungen gebundenen; ein Marodeur oder Landsknecht, um sich persönlich zu bereichern, sei er nicht gewesen. Der Lebenslauf des Kommunalpolitikers, Mitglieds der Deutschen Volkspartei, badischen Landesführers des Reichskriegerbundes Kyffhäuser und SS-Ehrenführers stehe beispielhaft für die bürgerlich-liberalkonservativen Kreise in Freiburg.

Im zentralen Kapitel analysiert Wegmann Knechts Rolle in der kolonialrevisionistischen Bewegung der Weimarer Republik und der NS-Zeit und gewährt damit Einblicke in den »Kolonialismus an der Heimatfront«. Die Studie zeigt anhand einer Einzelbiografie eindrucksvoll, dass Geschichte nicht nur in anonymen Strukturen zu denken ist, sondern auch subjektive Faktoren ernst zu nehmen sind.

Gewünscht hätte man sich eine stärkere Anbindung an kolonialhistorische Untersuchungen mit ebenfalls biographischem Ansatz, die mittlerweile etwa zu Hermann von Wissmann, Bertold von Deimling, Karl Peters oder Hans Paasche vorliegen. Davon abgesehen verbindet Wegmanns Buch auf produktive Weise die Perspektive der Mikrohistorie mit der der Globalgeschichte und leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus.

von Joachim Zeller

 

Bernd-Stefan Grewe / Markus Himmelsbach / Johannes Theisen / Heiko Wegmann: Freiburg und der Kolonialismus. Vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus. Veröffentlichungen aus dem Archiv der Stadt Freiburg im Breisgau, Nr. 42, Freiburg i. Br. 2018. 188 Seiten, 24,50 Euro.

 

Heiko Wegmann: Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg. Der Offizier und badische Veteranenführer Max Knecht (1874 – 1954). Rombach Verlag, Freiburg i. Br. 2019. 580 Seiten, 34 Euro.
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