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Hoffnung in der Stadt der Rebellion

Kurz bevor im Oktober 2019 die Aufstände im Libanon, im Irak und in Chile begannen, gingen auch in Ägypten die Menschen wieder auf die Straße. Unter dem seit 2013 herrschenden General Abd-El-Fattah As-Sisi reicht zwar schon ein kritischer Facebook-Post für Verhaftung, Folter und Tod. Dennoch protestierten in Kairo und anderen Städten Tausende, nachdem Videos über das Ausmaß der Korruption in As-Sisis Regierung berichtet hatten. Über 2.000 Menschen wurden verhaftet, darunter bekannte Anwält*innen, Blogger*innen und Journalist*innen.

As-Sisis Reaktion war nicht grundlos: Die Proteste brachten zum Ausdruck, wie prekär die soziale Lage in Ägypten fast neun Jahre nach Beginn des »Arabischen Frühlings« wieder ist – und dass die Unzufriedenheit der Bevölkerung ähnlich groß ist wie Anfang 2011, als die Millionen Protestierenden den langjährigen Diktator Hosni Mubarak stürzten.

Ein Anlass, sich noch einmal intensiv mit der ägyptischen Revolution von 2011 und mit der Frage zu beschäftigen, warum sie so rasch in der nächsten Diktatur mündete. Sind in den ersten Jahren nach dem Umsturz zahlreiche Sachbücher erschienen, die die Ereignisse einordneten, kamen später mehrere Romane heraus, die ihre Geschichte vor dem Hintergrund der Ereignisse von 2011 erzählen, oder besser gesagt: Die Ereignisse selbst zur Geschichte machen. Zu ihnen zählen Tausend Tage Hoffnung von Christoph Burgmer und Stadt der Rebellion von Omar Robert Hamilton.

Die beiden Bücher ähneln sich in mehreren Punkten: Sie erzählen den Erfolg und das Scheitern der Revolution mit Hilfe einer Liebesgeschichte, kreuzen dieselben Orte, beziehen sich auf dieselben zentralen Ereignisse, flechten Twitter-Meldungen und Nachrichtenfetzen ein und spielen beide hauptsächlich im selben Zeitraum: Den wenigen intensiven Monaten zwischen dem überraschenden Erfolg der Revolution im Februar 2011 und dem Putsch im Juli 2013, als As-Sisi, unterstützt von weiten Teilen der Bevölkerung, die Macht übernahm. Monate, in denen alles möglich schien und am Schluss fast alles verloren war. In beiden Büchern kämpfen die Protagonist*innen um das Leben und die Erinnerung an jene, die bei den Protesten ihre Unversehrtheit oder ihr Leben verloren.

Die Bücher unterscheiden sich jedoch in ihren Protagonist*innen und ihrem Stil. In Burgmers Roman handelt es sich um ein ungleiches Paar: Sunallah, ein Schriftsteller und Aktivist alter Schule, und Amina, eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen. Ihr Verhältnis hat schon eine längere Geschichte, nun treffen sie sich bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz wieder und beginnen erneut eine Affäre. Doch die tritt rasch in den Hintergrund angesichts anderer Aufgaben, und am Ende kämpft Amina um das Leben des schwerverletzten jungen Revolutionärs Farid und darum, ihn zur Behandlung nach Deutschland schicken zu können.

Bei der Einordnung der Revolution holt Burgmer weit aus: Eingeflochten sind zahlreiche Anekdoten und Hintergrundinformationen über Kairo und die Geschichte Ägyptens im 20. Jahrhundert. Manchmal liest Sunallah aus alten Zeitungen und Geschichtsbüchern vor. Der Roman birgt mehr Informationen als mancher Reiseführer. Die ausschweifenden Beschreibungen und historischen Ausführungen stören den Lesefluss jedoch stellenweise.

Genau das Gegenteil trifft auf Hamiltons Buch zu. Wo Burgmer zwar anhand zweier ägyptischer Charaktere, aber doch von außen die Ereignisse beschreibt, ist Hamiltons Roman, wenngleich in der dritten Person geschrieben, fast schmerzhaft nah dran. Hamilton erzählt überwiegend aus der Sicht von Khalid, seinem Alter Ego, der wie er halb Ägypter, halb Ausländer ist. Die knappen Szenen lassen erahnen, dass Hamilton auch im Film zuhause ist. Sie dürften manchmal schwer einzuordnen sein für jene, die nicht mit der Topographie Kairos und der Revolution vertraut sind, transportieren dafür aber umso mehr von der Anspannung in den Monaten nach der Revolution.

Khalid ist während der Revolution mit Mariam zusammengekommen, doch als der Hamiltons Plot einsetzt, spielt die kurze Liebe der beiden kaum mehr eine Rolle. Er beginnt im Oktober 2011, an jenem Tag, als die Armee das Feuer auf eine Demonstration koptischer Christ*innen eröffnete und Mariam im Leichenschauhaus die Toten bewacht. Die Toten sind allgegenwärtig in Hamiltons Buch, und die Protagonist*innen, Teil eines Medienkollektivs, kämpfen verzweifelt darum, ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen, ihren Tod nicht umsonst gewesen sein zu lassen. Mit jeder Seite wird deutlicher, wie weit sie über ihre Kräfte hinausgehen und doch merken sie, wie ihnen ihre Revolution aus den Fingern gleitet.

»The city always wins« heißt Hamiltons Roman im Original. Die Stadt, das ist der Alltag, der Zwang, das Leben fortsetzen zu müssen, der Wunsch nach Normalität eines immer größeren Teils der Bevölkerung, der schließlich über die Revolution siegt und den Weg für die Konterrevolution der Armee öffnet. Doch der Titel verweist auch darauf, wie diese Rückkehr in die Normalität des Zuvor für die jungen Menschen nach den Erfahrungen der Revolution gar nicht mehr möglich ist. In beiden Büchern sind es schließlich die Frauen, die weitermachen.

Hamiltons Buch ist hochaktuell, denn der Zustand, den er am Ende beschreibt, ist jener, der in Ägypten weiterhin herrscht: »Die Guten sterben in einem fort und die Bösen leben ewig.« Die jungen Aktivist*innen, wenn sie nicht geflüchtet, verhaftet oder tot sind, können nicht anders als weiterzumachen. Mosireen, das Medienkollektiv, an dem Hamilton beteiligt war und das in seinem Buch »Chaos« heißt, hat 2018 das Video-Archiv 858 veröffentlicht. Die Aktivist*innen betreiben zudem bis heute die Internet-Zeitung Mada Masr, die als eines von wenigen Medien über die jüngsten Proteste berichtet hat. »Wir müssen besser vorbereitet sein«, sagt Mariam im Roman. »Für das nächste Mal.«

von Juliane Schumacher

 

Omar Robert Hamilton: Stadt der Rebellion. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2018. 304 Seiten, 24 Euro.

Christoph Burgmer: Tausend Tage Hoffnung. Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 2017. 184 Seiten, 20 Euro.

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