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Ken Krimstein: Die Drei Leben der Hannah Arendt

dtv, München 2019. 244 Seiten, 16,90 Euro.

»Du solltest vielleicht zuhören«

Ken Krimstein nutzt das Medium Comic, um aus dem bewegten Leben der jüdischen Theoretikerin, Dozentin und Journalistin Hannah Arendt zu erzählen. Comics wie etwa jene über Rosa Luxemburg (Kate Evans, 2015) oder Frida Kahlo (Vanna Vinci, 2017) sind als Teil einer feministischen Public History in den letzten Jahren vermehrt genutzt worden, um berühmte Frauen und deren Denken und Wirken für ein breites Publikum sichtbar zu machen.

In seiner Graphic Novel Die Drei Leben der Hannah Arendt lässt Krimstein seine Protagonistin, die stets in grün gekleidet ist, durch eine ansonsten schwarz-weiße Welt des 20. Jahrhunderts wandeln. Er zeigt sowohl Arendts biografische Stationen in Königsberg, Berlin, Paris, New York und Jerusalem auf als auch die Abgründe und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, allen voran die Herrschaft der Nationalsozialisten. Deren Weltkrieg und antisemitischer Vernichtungsideologie entzieht sich Arendt mehrfach durch Flucht. Krimsteins Arendt ist eine von Kindheit an selbstbewusste Protagonistin, die Zigaretten oder schwarze Havannas raucht, dem Who’s Who der europäischen intellektuellen Elite der 1920er und 1930er Jahre begegnet und diesem Männerclub Paroli bietet.

Als Karikaturist versteht es Krimstein, mittels weniger schwarzer Striche Menschen zum Leben zu erwecken – oder sie verschwinden zu lassen. Arendts an Syphilis erkrankter Vater löst sich wie dessen Verstand und Erinnerung in immer dünneren Strichen auf: »Und eines Tages gibt es Papa nicht mehr.« Walter Benjamins Gesicht, dessen Beziehung zu Arendt viele Seiten füllt, besteht aus kaum mehr als ein paar Linien und Kreisen für die Brille, hinter der nie Pupillen zu sehen sind. Der von den Nationalsozialisten in den Tod getriebene Kulturkritiker kehrt sogar als Wasserfleck an der Decke von Arendts Wohnung in New York zurück und streitet mit ihr 1955 über die »déformation professionelle« von Philosophen: »Also bitte! Wenn ein Wasserfleck in der Gestalt von Walter Benjamin mit dir spricht, solltest du vielleicht zuhören.«

Durch seinen Reichtum an zeichnerischen Details und die Vielzahl der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ermöglicht der Comic weit mehr als eine Auseinandersetzung mit dem Leben der vor 45 Jahren verstorbenen Hannah Arendt und ihren Werken »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« sowie »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen«. Die 233 Seiten erschaffen ein vielseitiges Panorama des 20. Jahrhunderts, zu dessen Geschichte das Romanische Café in Berlin, Albert Einstein, der Regisseur Fritz Lang, die Künstlerin Hannah Höch und der Zionist Kurt Blumenfeld genauso zählen wie das Vélodrome d’Hiver in Paris. Letzteres ist ein Ort, der für die französische Kollaboration mit den Nationalsozialisten steht und von dem aus Arendt im Mai 1940 ins Lager Gurs nördlich der Pyrenäen deportiert wurde.

Leerstellen im Comic sind Arendts problematische Äußerungen über Rassismus und die Schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, aber auch ihre politische Haltung zu Israel. Im Streit mit Gershom Scholem wirft dieser ihr vor, »keinerlei Liebe zum jüdischen Volk« zu haben. Krimsteins Protagonistin erwidert darauf: »Liebe ist etwas Privates. Ich kann nicht ein Volk lieben, ich kann nur meine Familie und Freunde lieben. Wenn du diese Leidenschaft zu etwas Öffentlichem machst, wirst du am Ende nur noch mehr und nicht weniger Eichmanns hervorbringen.« Hier platziert Krimstein eine problematische Relativierung, indem er eine Verbindung zwischen Zionismus und Nationalsozialismus herstellt. Ihm sollte mit den Worten, die er selbst Arendts Mutter Martha in den Mund legt, geantwortet werden: »Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen. Und jetzt mach‘ deine Hausaufgaben!«

von Patrick Helber

 

Ken Krimstein: Die Drei Leben der Hannah Arendt. dtv, München 2019. 244 Seiten, 16,90 Euro.

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