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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 378 | UNO am Ende? Nostalgie ist Bequemlichkeit

Nostalgie ist Bequemlichkeit

Interview mit Marko Dinić über die postjugoslawische Generation

In seinem Roman »Die guten Tage« erzählt Marko Dinić (32) von einem wütenden jungen Mann, der per Bus im sogenannten »Gastarbeiterexpress« von Wien in seine Geburtsstadt Belgrad fährt. Er will der Beerdigung seiner geliebten Großmutter beiwohnen. Während der Fahrt erzählt er, inspiriert von den Mitreisenden, im inneren Monolog und im Gespräch von Belgrad, toxischer Männlichkeit, Kriegsverherrlichung und einer traumatisierten jungen Generation, welcher wenig mehr als die Wut auf ihre Eltern-Generation und die Verhältnisse bleibt. Wie sein Ich-Erzähler ist Dinić in Belgrad aufgewachsen und lebt heute in Wien. »Die guten Tage« ist sein erster Roman. Die iz3w sprach mit ihm über sein Buch, die aktuelle Situation in Serbien und das alte Problem der Nostalgie.

iz3w: Du sagst über den Ich-Erzähler deines Romans, dass du ihn problematisch findest. Warum entwirft man eine Hauptfigur, die man problematisch findet?

Marko Dinić: Weil ich Menschen in ihren Ambivalenzen beschreiben möchte und mit ihren Abgründen. Gerade wenn es um Themen wie die jugoslawischen Sezessionskriege und den darauf folgenden Umgang damit geht, tun sich viele Widersprüche auf. Der Hauptprotagonist sieht sich damit konfrontiert und es ist für ihn sehr schwierig, diese Widersprüche aufzudröseln. Wenn man im Schreibprozess ist, verfolgen die einzelnen Protagonisten zudem ihre eigene Logik. Die ist nicht unproblematisch, weil alle diese Menschen voller Widersprüche und Vorurteile sind. Wenn ich idealisiert schreiben würde, würde das dem Thema nicht gerecht.

Im Roman spielt die Stadt Belgrad eine große Rolle. Sie kommt schlecht weg und ist ein heruntergekommener, vom Nationalismus geschändeter Ort. Als Tourist*in hat man einen ganz anderen Eindruck von Belgrad: Die Stadt erscheint als spannende Metropole, mittlerweile ist sie ein beliebtes Ziel für Partytourismus. Wie passen die zwei Bilder zusammen?

Mein Protagonist bekommt diese Partymetropole gar nicht mit. Er sagt von sich selbst, dass er kein Kind Serbiens ist, nicht mal ein Kind Belgrads, sondern ein Kind seines Viertels. Das Viertel, in dem er aufwächst, ist eines der sozial schwächeren Viertel Belgrads. Jugendliche, die dort aufwachsen, haben oft mit dem, was im Zentrum passiert, wenig zu tun. Das Belgrad-Bild vom Roman passt nicht mit dem Tourismus-Bild des heutigen Belgrad zusammen. Das soll es auch nicht, weil hier eine auf den Protagonisten zugeschnittene, verengte Sichtweise erzählt wird.

In Bezug auf das heutige Belgrad tun sich da große Widersprüche auf. Belgrad ist einerseits eine blühende junge Metropole, die aber andererseits sehr strukturschwach ist. Vieles davon soll durch dieses exzessive – auch für Tourist*innen offene – Partymachen kaschiert werden. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Serbien und auch in Belgrad noch sehr viele Probleme gibt, die sich auch im Politischen widerspiegeln. Es gibt in Belgrad etwa nach wie vor keine U-Bahn. Die Kanalisation wurde seit den 1970er-Jahren nicht mehr erneuert und so weiter. Es gibt viele strukturelle und Infrastruktur-Probleme, die die Bewohner*innen direkt im Alltag betreffen.

Du nennst Belgrad deinen liebsten Ort auf der Welt, wohnst allerdings in Wien. Was müsste passieren, damit du nach Belgrad zurückgehst?

Puh. Ich will nicht sagen, dass die Leute, die dort leben, auch gerade die jungen Leute, die dort leben und kämpfen, für mich jetzt das Feld bestellen müssten, damit ich wieder zurückkehre. Ich sehe mein Schreiben ebenfalls als Beitrag zu dem Kampf um Verbesserungen. Damit bestelle ich auch selbst das Feld für eine Verbesserung und Rückkehr. Es muss sich viel ändern, zum Beispiel, dass auch jungen Leuten Gestaltungsraum zugestanden wird, abseits der etablierten und sehr problematischen Politiklandschaft. Institutionen und Rechtssicherheit müssten gestärkt werden. Aktuell werden die Leute mit ihren Problemen alleine gelassen. Es gibt eine Solidarität der Bevölkerung untereinander, aber es gibt keine Solidarität des Staates mit seiner Bevölkerung. Und das muss sich ändern, damit nicht nur ich, sondern auch die Anderen, die jetzt weggehen, wieder zurückkommen. Sie kommen erst wieder, wenn sie Gestaltungsraum bekommen und wenn sie sich frei bewegen können, auch mit ihrer Kritik an den serbischen Verhältnissen.

Nostalgie ist ein großes Thema im Roman. Im ex-jugoslawischen Raum gibt es häufig eine große Tito-Nostalgie. Ist das auch für Serbien der Fall oder ist es dort eher eine nationalistische Nostalgie?

Ich verstehe Nostalgie als eine Bequemlichkeit. Als eine Bequemlichkeit, in die sich viele im ehemaligen Jugoslawien flüchten, gerade auch die ältere Generation mit ihren Tito-Jahren. Aber die Tito-Jahre haben mit meiner und der nachfolgenden Generation, die während der Milošević -Jahre in den Neunzigern aufgewachsen ist, wenig zu tun. Nach meinem Erachten ist das weniger eine nationalistische Nostalgie, sondern eher ein Beschwören guter alter Zeiten. Mit der Lebensrealität der Leute heute hat das nichts zu tun. Es ist sogar gefährlich, weil es keinen Raum für neue, alternative Gedanken bietet. Das heißt nicht, dass es nicht Menschen geben würde, die sich diese Räume erobern. Gerade in Belgrad gibt es eine große alternative Szene. Aber sobald man Belgrad verlässt, wird es schnell karg.

Dein Buch ist auch ein Beitrag zur Aufarbeitung der Jugoslawienkriege, die deiner Meinung nach in Serbien jetzt gerade beginnt. Woran würdest du das festmachen und wie ordnest du dein Buch in diesen Prozess ein?

Das mache ich allein schon an Gesprächen mit Leuten fest. Nicht nur in Serbien sondern in der ganzen Region. Wissenschaftler*innen oder Literat*innen fangen langsam an, sich der wirklich happigen Themen anzunehmen. Der Themen, die bisher No-go-Areas sind, weil sie von den nationalistischen Narrativen besetzt sind. Langsam fangen die Leute an, diese Themen aufzugreifen und einen objektiveren Zugang zu wählen. Letzteres ist in meinem Roman anders, weil es Literatur ist und damit subjektiv. Ich verstehe meine Literatur und eigentlich jede Literatur, die sich mit historischer Aufarbeitung beschäftigt, egal ob in Serbien, Deutschland oder Österreich, als die Schau einer offenen Wunde. Als einen Weg dorthin, wo es eben weh tut.

Was ist ein Beispiel für diese tabuisierten Themen?

Ganz grundsätzlich die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Jede Nation oder Ethnie hat ihre eigene Geschichtsschreibung und vor allem ihre Mythisierung der eigenen Opfer. An diesen Opfern darf man nicht rühren. Aber es gibt auch jenseits dieser beschränkten Erzählung eine Wahrheit der Opfer und der Opferzahlen und des Krieges. Eine in der serbischen Gesellschaft lange verschwiegene Wahrheit ist etwa die Belagerung Sarajevos. Sie war über eine lange Zeit überhaupt nicht im Gedächtnis der Menschen in Serbien verankert. Es werden jetzt viele solcher Themen freigelegt, die unter dem Geröll begraben waren.

Und die Aufarbeitung fängt jetzt gerade erst an?

Absolut. Es sind 20 Jahre seit dem Bombardement Serbiens vergangen, 25 Jahre seit Ende des Bosnienkrieges. Wir fangen gerade erst an und tragen die ersten Schichten ab. Das trägt sogar schon Früchte. Etwa in Serbien ist Aufarbeitung schwierig, weil auch von offizieller Seite das Narrativ der Mythisierung gefahren wird, hier ist es das Narrativ des ewigen Opfertums. Der Prozess der Aufarbeitung wird lange dauern. Vielleicht werde ich es nicht erleben, wie sich zukünftige Generationen sehr viel freier aufeinander zu bewegen können. Viel freier als wir heute, die das doch mit sehr viel Vorbehalten, Scham und Vorsicht tun.

Auf deinen Lesungen kritisierst du immer wieder die Balkan-Politik der Europäischen Union. Was würdest du dir von der EU und von den Menschen in der EU wünschen im Hinblick auf die Balkanländer?

Wenn man sich die Beziehungen zu jenen Ländern, die zu Europa, aber nicht zur EU gehören, anschaut, dann wünsche ich mir eine realistischere Selbsteinschätzung: Auch in der EU ist nicht alles perfekt, sie braucht dringend Reformen. Und sie hat auch eine Kolonialvergangenheit, auch auf dem Balkan, das wird gerne vergessen. Ich würde mir wünschen, dass man eine wirkliche Werteunion und eine kulturelle Union aufbaut, ansttat dass man das Ganze auf dem ewigen Mantra des Ökonomischen beruhen lässt. Weg mit dieser Idee, dass nur der Handel uns vor Krieg retten kann. Man sollte den Menschen in den anderen Ländern wirklich zuhören, anstatt Kulturalisierung zu betreiben. So hätte man während der Wirtschaftskrise ab 2008 Menschen anstatt Banken retten können; da hatte man zudem diesen Diskurs von den faulen Pleitegriechen. Das zeugt von einer Arroganz, die mir zuwider ist. Die schlägt natürlich gerade strukturschwachen Ländern entgegen – und muss sich dringend ändern.

Marko Dinić: Die guten Tage. Zsolany Verlag, Wien 2019. 240 Seiten, 22 Euro.

 

Das Interview führte Larissa Schober (iz3w).

378 | UNO am Ende?
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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung